„Plattenschrank“-Interview

Was Stefanie Sargnagel und Voodoo Jürgens über Die Ärzte, Tocotronic und Austropop zu sagen haben

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Wir sind in Wien. Voodoo Jürgens hat sich ein Bier aufgemacht, Stefanie Sargnagel trinkt Wasser aus einer anderthalb Liter fassenden Plastikflasche, sie hat nicht mehr genügend Zeit gehabt, die Haare vom Schwimmen ganz zu trocknen. Sollte auch so reichen, ist ja Sommer. Gerade hat Voodoo Jürgens zu der im Kino erscheinenden Mockumentary „Sargnagel – Der Film“ einen Großteil des Soundtracks geliefert – neben Klitclique und anderen. Die Gelegenheit, den beiden Next-Gen-Ö-Stars in ihre Plattenschränke zu schauen.

Lou Reed – Transformer (1972)

Voodoo Jürgens: Ich hätte genauso auch das Velvet-Underground-Debüt mit der Banane nehmen können. Meine Mutter hatte mir damals gesagt, ich solle doch mal diese Stimme von der Nico hören, die würde so daneben singen. Dann bin ich mit der Platte aufs Zimmer, war aber einfach nur urfasziniert davon – und habe die ganze Musik aus dieser Ecke auch weiter verfolgt.

Stefanie Sargnagel: Diese Songs habe ich viel gehört – und da gibt’s auch eine Anekdote dazu: Ich kannte Voodoo schon ewig vom Sehen her, wir hatten Überschneidungen im Freundeskreis. Doch ich war eher ein verlauster Hippie, er und seine Leute dagegen waren super stylish, sind vor den Clubs auf- und abgelaufen… „die denken echt, sie wären Velvet Underground“, das ging mir immer durch den Kopf, wenn ich die sah.

Voodoo Jürgens: Naa, ein bissel haben wir’s vielleicht wirklich geglaubt…

Georg Kreisler – Kreislers Purzelbäume (1999)

Stefanie Sargnagel: Ich weiß nicht, ob ich da heute noch mal so reinkippen würde, es ist ja abseits der Texte auch schon sehr bürgerlich – also dieser Mann am Klavier. Aber ich habe ein Buch rausgebracht [„Dicht“, Anm.] und darin spielt Musik von Georg Kreisler eine große Rolle. Wenn man mit linken Eltern aufgewachsen ist, kennt man den in Österreich schon von der Kindheit an – das war bei mir allerdings nicht so, ich habe ihn irgendwann selbst entdecken müssen. Denn Lieder über Anarchismus, gegen Faschismus und dass man die Schule abbrechen soll… das hat mich einfach angesprochen.

Voodoo Jürgens: Kreisler habe ich auch in der Jugend verpasst. Heute ist es so, dass ich weiß, dass er cool ist und ich schätze ihn auch, aber wirklich drinnen bin ich da gar nicht.

Element Of Crime – Psycho (1999)

Voodoo Jürgens: „Psycho“ ist für mich eine gut gealterte Platte. Eine, die ich in jungen Jahren gehört habe, die ich aber auch heute noch schätzen kann.

Sven Regener ist ja auch Autor, Stefanie. Hast Du einen Bezug zu ihm und seiner Band?

Stefanie Sargnagel: Klar. Der Musikgeschmack meiner Jugend war sehr geprägt durch den Sender FM4, ich habe immer „Salon Helga“ gehört, die Sendung von Grissemann und Stermann – und die haben immer sehr viel Element Of Crime gespielt. Das begleitet mich bis heute, ich bin jemand, die gern auch mit Freunden am Lagerfeuer singt – manchen wird ja schlecht von sowas, aber ich liebe es. Und da singen wir viel auch von Element Of Crime…

Sun Ra – The Nubians Of Plutonia (1966)

Voodoo Jürgens: Ich war eigentlich immer sicher, es muss auch eine Art von Jazz geben, die mir taugt – und mit Sun Ra habe ich‘s gefunden. Es gibt Tage, wo ich das sehr gern auflege. Ist alles ohne Texte, es fließt so dahin, ist einfach Sommermusik für mich.

Stefanie Sargnagel: Zu Instrumental-Musik habe ich gar keine Beziehung, für mich funktionieren Songs immer erstmal über den Text, deshalb höre ich wohl auch meist deutschsprachige Sachen. Mein Kunstprofessor, Daniel Richter, hat uns mal den Sun-Ra-Film vorgespielt – das ist aber echt der einzige Bezug, den ich zu Sun Ra besitze.

Tocotronic – KOOK (1999)

Stefanie Sargnagel: Das war die erste Tocotronic, die ich besessen habe, kommen sofort auch ungute Jugendgefühle mit hoch beim Hören, aber hat mich schon sehr abgeholt damals.

Voodoo Jürgens: Ist für mich auch sehr wichtig gewesen. Die erste deutschsprachige Musik, mit der man sich noch mal ganz anders identifizieren konnte. Mit Tocotronic einher ging auch so ein ganz anderes Bild, wie man als Mann sein kann. Das hat mich sehr angesprochen.

Eine Band, zu deren Konzerten ihr auch noch heute gehen würdet?

Stefanie Sargnagel: Mir wurde da irgendwann die Attitüde zu prätentiös, dann hat es mich nicht mehr so erreicht.

Voodoo Jürgens: Ich hatte sie dann noch mal auf dem Donauinselfest gesehen, da hat man gemerkt, dass die ganz große Zeit vielleicht jetzt rum ist – aber es war trotzdem sehr schön, die alten Lieder wiederzuhören.

Die Ärzte – Das Beste von kurz nach früher bis jetze (1994)

Dass Du als Lieblings-Ärzte-Platte ein „Best Of“ ausgewählt hast, ist auch ein Statement, Stefanie.

Stefanie Sargnagel: Soll‘s eigentlich gar nicht sein, ich bin eben nicht so die CD-Sammlerin. Für mich waren Die Ärzte auf jeden Fall der erste Kontakt mit so anarchischem Humor – noch innerhalb des Mainstreams, da muss ich so elf gewesen sein, als ich das gehört habe. Ich fand’s vor allem lustig und wollte auch so aussehen wie die, hab mir dann versucht die Haare so zweifarbig zu färben wie Bela B. Das ging aber schief, mir fehlte ja noch jeglicher Zugang zu Subkultur. Also bin ich mit dem Okay meiner Mutter zum Frisörsalon „Sissi“ und da bekam ich eine urschreckliche 80er-Alte-Frauen-Frisur. Traurig! Dabei wollte ich doch ein Punk sein.

In einem der Corona-Videos der Ärzte, „We Are The Romance“, machst Du auch mit. Du bist ihnen heute immerhin näher als früher.

Stefanie Sargnagel: Ich wurde tatsächlich mal von Bela B. angeschrieben, weil ihm seine Lektorin eines von meinen Büchern gegeben hatte – und nach einer Lesung im Borchardt in Berlin kam Farin Urlaub zu mir und hat sich eine Signatur geholt. Das waren echt Schockmomente meines eigenen Fames: Meine Kindheitsidole Die Ärzte kommen auf mich zu. Irgendwann bringt einen ja wenig aus der Fassung, aber hier war es noch so: „Oh, Gott Bela B., wird er jetzt vielleicht bald mein boyfriend?“

Voodoo Jürgens: Mit den Ärzten verbindet mich auch einiges. Ich komme ursprünglich aus Tulln, da gab es eine größere Glatzen-Szene, zu der besaß mein Onkel damals auch einen Bezug. Als dann „Schrei nach Liebe“ erschienen ist, hat mir das irrsinnig getaugt, was zum großen Clash mit diesem Onkel wurde, der nur bisschen älter war als ich. Der hat kein Wort mehr mit mir geredet. Ich fand das gut, so konnte ich dann mein eigenes Ding finden. Ärzte habe ich auch danach immer gern gehört.

Bob Marley And The Wailers – Exodus (1977)

Voodoo Jürgens: Meine Eltern hatten da alle Alben, es gibt für mich auch eine ganz frühe Festival-Erinnerung zu diesem Sound: Das war so ein Festival in der Ortschaft Wiesen, das hieß Sun Splash – und da bin ich durch die Zelte gewandert als Kind und hab den Leuten ihre Erdnussflips weggegessen. Die Musik ist einfach für mich biographisch am meisten mit so einer Idee von Heile Welt verknüpft.

Stefanie Sargnagel: Ich weiß noch, dass die Indie-Leute immer so herabgesehen haben auf die Reggae-Szene, das hat dann auch Einfluss auf mich gehabt – klar, an weißen Leuten, die Reggae für sich in Anspruch nehmen, da ist vieles sicher auch deppert. Zuletzt habe ich zu der Musik dann aber wieder zurückgefunden. Vornehmlich zu Dancehall, ich habe tatsächlich auch mal einen Twerking-Kurs belegt und gemerkt, eigentlich mag ich das alles voll, was habe ich mir damals bloß einreden lassen?

Diverse – Strich- und Häfenlieder (1973)

Voodoo Jürgens: Das ist eine arg räudige Platte, die ich zufällig mal auf einem Flohmarkt gefunden habe. Kurz darauf habe ich auch einen Artikel darüber entdeckt und dass Leute die wirklich suchen. Das hat mich natürlich gefreut, also dass das so eine Kuriosität ist.

Stefanie Sargnagel: Häfen ist übrigens das Gefängnis.

Voodoo Jürgens: Die ganze Platte bezieht sich auf die Unterwelt, es ist auch ein kleines Ganoven-Wörterbuch hinten drauf.

Daniel Johnston – Hi How Are You (1983)

Stefanie Sargnagel: Das habe ich durch einen Freund mitbekommen, wir haben zusammen auf der Parkbank gesessen, Dosenbier getrunken und er hat immer CDs vorgespielt – und Daniel Johnston hat mich von all dem am meisten angesprochen. Es ist so roh, unfertig, lo-fi, fast schon trashig, aber dabei auch so berührend – oder eben auch gerade deshalb.

Voodoo Jürgens: Das ist auf jeden Fall etwas, mit dem ich viel anfangen kann. Ich hätte heute beinahe auch die Moldy-Peaches-Platte mitgebracht, die ist mir wahnsinnig wichtig gewesen und über die ist dann auch Daniel Johnston bei mir angekommen.

Wolfgang Ambros – 19 Class A Numbers (1976)

Stefanie Sargnagel: Mit Austropop bin ich aufgewachsen, ich mag nicht alles, aber diese Ambros-Melancholie, die immer auf so ein total totes Wien verweist, das ist schon toll. Auf der Platte ist ein Stück, das ich die ganze Zeit im Lockdown mit einer Freundin gesungen habe – ja, schon wieder am Lagerfeuer: „Warum host des g’mocht?“ heißt das.

Verrückt, dass Du so viel am Lagerfeuer sitzt.

Stefanie Sargnagel: Naja, das ist so ein alter Freundeskreis, da gehört das dazu, wir trinken, rauchen und singen die Hits, die jeder kennt und kann – da ist halt viel Ambros oder auch Element Of Crime dabei.

Voodoo Jürgens: Ich habe ihn auch immer gern gehört, aber richtig losging es erst, als ich mit der Voodoo-Geschichte bekannter wurde und ständig die Vergleiche kamen. Dann wollte ich da einfach mehr wissen und habe mich mit Ambros erst so richtig beschäftigt. Der ist mir einfach näher als Georg Danzer, den finde ich zwar auch gut, aber so sehr trifft er mich nicht.

Stefanie Sargnagel: Geht mir genauso. Der Danzer ist oft auch bisschen kitschig.

Und diese Vergleiche, hat Dir das geschmeichelt oder hat‘s eher genervt?

Voodoo Jürgens: Ich habe es schon als nervig empfunden, auch wenn ich weiß, dass es super ist, wenn die Leute meine Musik in der Tradition sehen. Aber der Begriff Austropop erschien mir so abgenudelt, man darf ja auch nicht vergessen, in den 90ern ist das ja auch richtig mies geworden. Also habe ich mich anfangs sehr gewehrt gegen diesen Stempel, aber gebracht hat es auch nichts.

Diese „Plattenschrank“-Ausgabe ist in gekürzter Form im Musikexpress 09/2021 erschienen. „Sargnagel – der Film“ ist vom 20. August 2021 an im Kino zu sehen.


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