Calexico: Alle Alben im Ranking
Welche Calexico-Alben lohnen sich wirklich? Unsere große Kaufanleitung.
Mitte der Neunziger, als Joey Burns (Gitarre, Gesang) und John Convertino (Drums) sich aus der Wüstenrockcombo Giant Sand ihres Ziehvaters Howe Gelb in die Selbständigkeit aufmachten, war nicht abzusehen, welche enorme Breitenwirkung ihre eigene Band einmal erzielen würde.
Auf bislang 13 Studioalben und mit wechselnden, größeren Belegschaften spielten Calexico ein sagenhaftes Flirren ein, in dem sich Folk, Country, Rock, Mariachi-Musik, Elementarteilchen von Jazz, Elektronik und Noise zu einer epischen Erzählung verbanden. Aufgeführt auf einer überdimensionalen Bühne für große Gefühle, mit einer Stimme für die globalen Verlierer.
KLASSIKER
Hot Rail (2000)
Der Titeltrack steht am Ende des Albums. Er ist eines der unauffälligsten Stücke, die Burns und Convertino je geschrieben haben: eine Klangskizze aus einer Open-Air-Arena, in der vielleicht für einen Soundtrack geprobt wird, ein paar Noten zum kollektiven Abhängen. Die Arena öffnet sich aber weit für uns Hörer:innen, weil wir in diese Leere und Stille die Melancholie hineinlegen können, die wir den Protagonisten aus den Calexico-Geschichten zuschreiben. Geschichten von den säkularen Sehnsüchten all der Cowboys, Hobos und Saisonarbeiter, entfernten Wiedergängern aus den Highway-Epen der Beat-Poets.
Dieses Album thront auf den Farben, die die Instrumente hervorzaubern. Staubige Straßenkarten, Klangwinde, ein Peckinpah-Western von 1970. Musik, die uns so nah kam, weil sie so faszinierend weit weg war.
Fünfeinhalb Sterne
Feast Of Wire (2003)
Die wohl intensivsten fünf Minuten Musik, die Calexico je aufgenommen haben, finden sich in „Black Heart“, dem vierten Track dieser Platte: Filmdramastreicher, Pedal-Steel-Gitarren, schwere, verzerrte Beats und ein Sturzbach von einer Melodie, zum Wegheulen schön. Ein Programm auch, das dazu auserkoren war, ein Indie-Rock-Publikum ins Boot zu holen. FEAST OF WIRE ist das Hochamt in der Kirche Calexico.
Die Band lässt Panoramen durch Kulissenschiebereien im Minutentakt wechseln – von den twängenden Gitarrensounds der Spaghetti-Western und den Mariachi-Melodien jenseits des Tortilla Curtain zu Schunkelwalzern, Ambient-Intermezzi und Steel-Gitarren-Balladen aus dem Bauchladen der US-Volksmusik. Mehrfach überblendet entstehen imaginäre Reisebilder, die kein Prospekt zeigt, Snapshots von Seelenwanderungen quer durchs Pop-Universum. Calexico fahren den Traum vom Glück durch die Musik spazieren, die viel zu hell leuchtet, um das drohende Dunkel nicht schon zu verraten.
„Not Even Stevie Nicks“, der polternde Pophit, kennt kein Erbarmen. Nicht mal Nicks, die gute böse Hexe aus Fleetwood-Mac-Tagen, kann eine arme Seele retten, die ins Ungewisse stürzt. Und wo die Tragödien ihren Lauf nehmen, ist dieser Latin-Folk-Jazz am Ende für uns Hörer:innen zur Stelle – Katharsis, so nah dem Zirpen der Gitarren in den Klangwüsten.
Sechs Sterne
HIGHLIGHTS
Spoke (1996)
Es waren der freundschaftliche Kontakt zu Labelchef Wolfgang Petters und Konzerte, die Burns und Convertino in Landsberg gegeben hatten, die zu dieser Platte führten: Unter dem Namen SPOKE veröffentlichten sie 1996 ihr Debüt auf Petters’ Label Hausmusik. Eigentlich enthielt die Low-Budget-Songsammlung bereits alles, was sich auf den beiden Nachfolgern in cinematischer Pracht entfalten sollte.
Burns und Convertino reichen 18 Songs in Form einer Rohkost dar, die geschmacklich auf der Höhe späterer Großwerke war (darunter „Low Expectations“ und „Glimpse“). SPOKE war die Küchenmusik, die das Erbe des US-Folk aufgriff, ohne es in einen größeren Zusammenhang zu stellen. In der Rückschau ist die Platte ein Treueversprechen. Wenn die Band in kleiner Version auftritt, führt sie noch heute der Weg in Lokalitäten in Landsberg.
Fünf Sterne
The Black Light (1998)
Auf Album Nummer zwei erfinden Calexico ihre eigene Art von Stimmungsmusik. Burns und Convertino tauchen ihre Wüstenimpressionen in ein schwarzes Bad, das Tempo ist heruntergefahren, die Band lässt ihren Südwesten wie in Zeitlupe an uns vorbeiziehen. THE BLACK LIGHT ist eine Weitwinkelaufnahme, die zum Verweilen einlädt, eingerahmt von spukigen Vibraphonklängen und dem schicken Twang der Gitarren. Howe Gelb (Piano, Orgel) hinterlässt seine Visitenkarte.
Fünf Sterne
Carried To Dust (2008)
Mit HOT RAIL hatten sich Calexico in ein kleines Orchester verwandelt. Jacob Valenzuela (Trompete), Volker Zander (Bass), Martin Wenk (Vibraphon, Trompete) und Paul Niehaus (Pedal Steel) waren die Musiker, die in den folgenden Jahren den Band-Sound live und im Studio am häufigsten bereicherten. Auf CARRIED TO DUST mischen sich auch noch Sam Beam (Iron & Wine) und Tortoise-Gründer Doug McCombs unters Personal.
Die musikalisch weit gereiste Mischpoke spielt sich vom Roots-Rock von GARDEN OF RUIN (2005) wieder in Richtung früherer Alben zurück. Und auch an diesem Punkt der Strecke produzieren Burns, Convertino & Friends wieder lange Augenblicke der Schönheit. CARRIED TO DUST schaukelt zwischen einer Latin- und Flamenco-Stimmung und dunklen Passagen voller Trauer und Nachdenklichkeit – und das mit großer Glaubwürdigkeit.
Viereinhalb Sterne
The Thread That Keeps Us (2018)
Calexico finden auf diesem späteren Werk neue Ecken und Kanten. Verzerrte Gitarren lösen die Songs von ihren Schwerpunkten, lassen sie gleichsam schweben – einmal klingen die Amerikaner, als wollten sie uns eine Bowie-Hommage zuspielen. Wie eine verwaschene Erinnerung an den Klassiker „Heroes“ beginnt das erste Stück des Albums („End Of The World With You“) und verwandelt sich alsbald in ein calexicolisches Sehnsuchtslied – Joey Burns auf der Suche nach Licht in dunklen Zeiten.
Mit „Voices In The Field“ folgt ein vorzüglich shuffelnder West-Coast-Rock-Track, der die Band in Topform präsentiert.
Viereinhalb Sterne
ZUSAMMENARBEIT
Years To Burn (With Iron & Wine) (2019)
Die Musik der beiden zum zweiten Mal für ein Album vereinigten Superbands der gar nicht so amerikatreuen Folk- und Rootsszene war so etwas wie Gift gegen den rauen Ton der jüngeren Gegenwart bzw. das, was wir heute Trump I nennen. Eine Sammlung von acht Songs, die alles auf die Waage brachte, was die Musiker zu bieten hatten: Spielfreude, Experimentierlust, Zärtlichkeit, melodische Kompetenz und die Kraft der Hymnen – ein traditionsbewusster Reigen, der uns im richtigen Moment umarmte.
Viereinhalb Sterne
DURCHHÄNGER
Seasonal Shift (2020)
Burns und Convertino servieren mit Bombino, Gaby Moreno, Gisela João und Nick Urata leicht verkochte Classics (John & Yokos „Happy X-Mas“), mäßig Schmackhaftes aus dem Rezeptbuch der Melancholie, Fado, Mex-Folk und ziehen mit „Sonoran Snowball“ auf die Weihnachtskirmes.
Zweieinhalb Sterne
LIVE-PLATTE
Spiritoso (2013)
Calexico live mit dem Radio-Symphonieorchester Wien und dem Deutschen Filmorchester Babelsberg (Potsdam), das sollten doch gewinnbringende Paarungen sein, oder? Diese Orchesterplatte erhielt aber nicht nur positive Kritiken: Den einen ging Joey Burns’ Stimme im Aufbrausen der Streicher regelrecht unter, die anderen hörten genau darin eine neue Perspektive auf die Musik der Band.
So hatte man „Black Heart“ und „Quattro“ eben noch nicht gehört. SPIRITOSO kehrt das Innere der Musik nach außen und schenkt ihr dabei selten gehörte Texturen. Und die Orchester haben den Stücken selbst komponierte Passagen hinzugefügt.
Viereinhalb Sterne
Selections From Road Atlas 1998-2011 (Bonus Track Version) (2011)
Auf dieser Zusammenstellung finden sich Tracks von limitierten Tour-Only-Platten, die zuvor nur an Merchandise-Ständen erhältlich gewesen waren. Der heimliche Hit „Griptape“ und das Surf-Instrumental „Glowing Heart Of The World“ stehen am rauen Ende des Soundfeldes von Calexico, „Detroit Stream“ erkundet Funk- und Soundtrack-Räume, dazu die Originalversion von „Crystal Frontier“.
Diese Outtakes, One-offs und Live-Cuts funktionieren auch als eine andere Art von Einführung in den Calexico-Kosmos.
Viereinhalb Sterne






