The Strokes: Alle Alben im Ranking vor „Reality Awaits“
Welche Alben der Strokes lohnen sich wirklich, welche sind eher Versuchswerke?
Zehn Sekunden „The Modern Age“ durch den Telefonhörer. Mehr brauchte ein Plattenfirmenchef nicht zu hören, bevor er die blutjungen The Strokes unter Vertrag nahm – so will es die Legende. Und tatsächlich: Drei Jahre lang ließen die New Yorker uns glauben, Gitarrenbands könnten noch immer die Sterne vom Himmel holen. Es sollten viele Sommer vergehen bis zu einem späten Aufblitzen.
Am 26. Juni 2026 veröffentlicht das bis heute unveränderte Quintett sein nunmehr siebtes Studioalbum: REALITY AWAITS. Höchste Zeit für eine Revue.
MEISTERSTÜCKE
Is This It (2001)
Eine Sommernacht am Hudson River. Nach drei bis vier unaufgeregten Kokainbahnen beginnt die Dämmerung – am tiefblauen Horizont kriecht eine Farbe zwischen Orangenschalen und Safranfäden empor. Man sieht an sich hinab: zerrissene Jeans, getrocknetes Blut, nichts Dramatisches. Zeit zum Aufbruch. Am Straßenrand steht ein Saab, Baujahr 1982. Seine Karosse scheint ähnlich angeschrammt wie die Zehenkappen der Converse Chucks an den Füßen. Ein Schluck eiskalter Coca Cola. Man dreht den Autoschlüssel. Im Analogradio konzentrieren sich Lou Reed, Tom Verlaine und Iggy Pop auf das Wesentliche. Müde scheinen die Hände, und doch führen sie das Lenkrad mühelos. Obwohl es heute nichts mehr einzufahren gibt, scheint die Szenerie perfekt. Weil man jung ist und schön und fertig. Und weil die größten aller Existenzfragen nicht gestellt werden in dieser Welt, in die man hineingeboren wurde.
Dieses Gefühl vertont IS THIS IT. Mit ihrem Debütalbum präsentieren sich die Strokes so selbstbewusst angstfrei, so spielerisch abgehoben wie Rich Kids, die ihre Umgebungen durch beiläufigste Gesten zu vereinnahmen wissen. „Und wer auch immer gesagt hat, Rock ist tot – wir versuchen, ihn wiederzubeleben“, sprach Schlagzeuger Fabrizio Moretti damals ein großes Wort gelassen aus. Er hatte gute Gründe. Bis heute bündelt wahrscheinlich kein Indie-Album dieser Erde einen derartigen Hitschwall: „Last Nite“, „Someday“, „Hard To Explain“, „Alone, Together“, „Barely Legal“. Die Würze der Erfolgsrezeptur beruhte auf ihrer Kürze – alle Lieder wurden mit höchstens elf Audiospuren abgemischt. Sie liegen dicht aufeinander, flachgedrückt, angedötscht, eingeschlossen im Garagenrockraum.
Die kratzig-stotternden Gitarren von Nick Valensi und Albert Hammond Jr. benötigen für ihre trockene Präsenz keine Solopassagen – es genügen kleine Peavey-Verstärker. Durch die Studiokompression von Julian Casablancas‚ Stimme wirken seine Nuschelverse wie Sprachnachrichten aus dem Kassettenrekorder, als Echo einer längst vergangenen Zukunft.
Sechs Sterne
Room On Fire (2003)
Würde man diesen Zweitling auf eine Parole herunterbrechen, teilte sie ihre Devise mit einem Wahlversprechen von Konrad Adenauer: Keine Experimente. Niemand in der Band – und Casablancas am allerwenigsten – wollte Schiffbruch riskieren. Bevor man Gordon Raphael ins Steuerhaus zurückholte, heuerte man den Radiohead-Produzenten Nigel Godrich an. Das Scheitern seines Unterfangens erklärte Letzterer mit den Worten: „Ich wollte, dass sie etwas ändern – und sie nicht.“ Aufs Neue klingen die Strokes, als hätte man die Enge ihres Proberaums durch einen übersteuerten Telefonhörer gepresst. Größtenteils verzichtet diese Klangkammer auf Ornamente: form follows function. function follows attitude.
So operiert das Arrangement der Großstadtbeziehungsneurose „Reptilia“ wie ein perfekt konstruierter Motor – durch minimalen Aufwand erzeugt es maximale kinetische Energie. Treibende Achtelbewegungen entfalten hier eine Beschleunigung ohne Halteschild. Und der Sänger? Er manövriert seine Stimme zwischen Lagerkoller und Feindseligkeit. Etwas Innovation beschert die Band ihrem Publikum aber doch: Die Zwillingsgitarren von Valensi und Hammond Jr. reiben sich ein wenig kontrollierter, zugleich aber komplexer aneinander und lassen einander mehr Platz zwischen ihren Läufen. Beispielhaft zeigt das „Automatic Stop“, eine erkennbare Reggaevignette mit Offbeat-Groove-Rückenlehne. Ferner sind erste Solointermezzo zu bestaunen. Geblieben ist eine Gewissheit: Diese aus Strubbelköpfen und Lederjacken destillierte Nonchalance ist immun gegen schlechte Songs.
Fünf Sterne
The New Abnormal (2020)
In den Nullerjahren bargen ihre Garagenmauern eine Schatzkammer – zwei Alben lang musste man nur zugreifen. Später streiften die Strokes durch synthetische Forschungslabore, doch irgendwas fehlte immer. Gerade als kaum noch jemand an eine Renaissance ihrer ornamentlosen Juwelen glauben konnte, schlug es Mitternacht und ein neues Jahrzehnt begann. Während eines Silvesterkonzerts verkündete Julian Casablancas: „Die 2010er haben wir hinter uns gelassen. Jetzt sind wir wieder aufgetaut.“ Seine Gefolgschaft erwartete ein Meisterwerk.
Mit Rick Rubin hatte man einen Produzentenguru gefunden, dessen Doktrin die Band schon durch ihre frühen Tage begleitet hatte: form follows function. Seine Ansätze waren allseits bekannt – das Abschlagen unnützer Zierde, das Freimeißeln der Essenz. Auf „Bad Decisions“ klingt Casablancas erneut, als entweiche seine Halbschlafstimme dem Rauschekanal eines ramponierten Funkgeräts. Zudem haben Hammond Jr. und Valensi ihre Duellgitarren wieder geschärft; bisweilen tönen sie wie Bläserfanfaren oder Gameboy-Jingles. Gewisse Exaltiertheit gönnt man sich durchaus: „Brooklyn Bridge To Chorus“ etwa beginnt als Italo-Disco-Fox. Drei Titel später findet sich ein schmachtender Retrofuturismus, eine Artpopwucht namens „At The Door“, die gänzlich auf Schlagwerk verzichtet. Was diese Platte im Innersten zusammenhält, ist der beiläufige und doch unerbittliche Wille zum Hit. Einige der größten Rockstücke der Neuen Zwanziger.
Sechs Sterne
VERSUCHSWERKE
First Impressions Of Earth (2005)
Einst sinnierte der griechische Philosoph Heraklit, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, weil das Wasser des Augenblicks im nächsten Moment schon wieder verronnen sei. Bei Indie-Bands verhält es sich ähnlich: Das erste Duplikat wird vom Kritiker noch geduldet – allerdings unter der Auflage, die Strömungsrichtung des Drittwerks zu justieren. The Strokes gehorchten. Folgerichtig verlassen die New Yorker Stadtmusikanten den Großen Apfel – mäandernd Richtung Sternenzelt. Nach Julian Casablancas‘ Bekunden blickt der (konfus wirkende) Plattenprotagonist nämlich aus objektiven Weltraumweiten auf uns Erdenkinder herab. Womöglich deshalb scheint alles weniger unmittelbar: Die Abmischung tönt breiter, kühler, dunkler, härter als zuvor.
Zudem greift man zu Testballons. Bei „Ask Me Anything“ etwa hallt neben dem Gesang allein ein auf Violoncello geeichtes Mellotron durchs Balladenvakuum. „Vision Of Division“ verewigt eine mit peitschenden Wassern gewaschene Artrockfragmentierung, wenn den Gitarrensololauf die Tollwut befällt. Über vierzehn Titel hinweg ringt eine Künstlergruppe mit Nietzsches Imperativ: „Werde, der du bist.“ Ein hörenswerter Selbstversuch zwischen Expansion und Entrückung.
Viereinhalb Sterne
Comedown Machine (2013)
Hinsichtlich ihrer Varianz hätte diese Platte auch als Label-Compilation mit elf Bands erscheinen können. Allen voran sei „One Way Trigger“ erwähnt – wochenlang tobten die Gralshüter der Nullergarage über diesen, ihrem Empfinden nach, ketzerischen Falsettgesang. Plötzlich wollte Julian Casablancas klingen wie Morten Harket. Sakrileg! Auch das Synthesizergehoppel brachte die verkrampften Tanzbeine mancher Puristen aus dem Gleichgewicht. Der Discofunk auf „Tap Out“ scharwenzelt gar mit Lacklederpumps durch Mondläuferspuren von Michael Jackson. Alle Vögel schießt dann „Call It Fate, Call It Karma“ vom Himmel: Casablancas mimt eine Vorkriegschanteuse, seine Begleitung ein Barpiano von Tom Waits.
Nie zuvor hatten sich die Strokes so weit von ihren archimedischen Punkten entfernt wie auf diesen Grenzgängen. Es sind halsbrecherische Akte, wohl angeführt von Nick Valensi. Gepriesen seien die Wagemutigen.
Vier Sterne
Verschnitt
Angles (2011)
Im Laufe der sechs Wartejahre zerfransen die Strokes zu fünf Einzelidentitäten. Julian Casablancas‘ Solopfade führten in New-Wave-Gefilde, Fabrizio Moretti erkundete brasilianischen Tropicália, Albert Hammond wandelte zwischen multipler Rauschgiftsucht und britischer Indie-Rockmusik. Und ANGLES? Klingt wie das Bestreben, neue Genrefäden zwischen alten Garagenwänden als leichthändiges Gesamtknäuel zu bündeln. Der einstige Absolutist Casablancas erklärte diesem Magazin damals, er habe sich „ein wenig zurückgelehnt und am Ende alle Ideen miteinander verstrickt“. Herrje, etwas vermisst man ihn schon, den Nachdruck früherer Tage.
Stattdessen entwirft dieses Album ein zersplittertes Kaleidoskop der Poppigkeiten. „Machu Picchu“ und „Games“ formen Synthesizerklänge aus Glas, „Gratisfaction“ scheint den Glamrockprismen der Siebziger entsprungen. Eine gefällige Platte – und zugleich das Kind einer Zeit, in der die Strokes zu Epigonen ihrer selbst geworden sind.
Dreieinhalb Sterne







