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Popkolumne, Folge 21

Deichkind, Frei.Wilds „Schrei nach Liebe“, DFB-Hotties – so why don’t you kill me? Die neue Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 24/2019


Eine meiner ersten Storys für den Musikexpress hieß „Stuttgart fluten! Und Schwaben wird der schönste Platz im All“.

Ich besuchte 2015 das Seattle der Bundesrepublik, in ausrangierten Waggons hatten junge Popschaffende eher zufällig Zwischennutzungen gewonnen. Aus diesen Möglichkeitsräumen gerann eine Szene, die schnell auch außerhalb von Stuttgart Aufmerksamkeit erregte: Die Nerven, Karies, Human Abfall, Levin Goes Lightly … bis heute hält der schwäbisch widerständige Gitarren-Boom an.

Ein Dokumentarfilm über die ganze Story mit dem Titel „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ (Third Eye Movies) feierte diese Woche Premiere beim „The Sound Of Stuttgart“-Festival mit anschließender Diskussionsrunde. Aufgrund des Musikexpress-Artikels von einst bin ich als Moderator geladen. Gern gemacht! Später noch mit fröhlichen Musikfans eine Raucherkneipe namens „Wiking“ besucht und über einen anderen Stuttgart-Exportschlager gefachsimpelt: die pimmelige Fun-Punk-Band Normahl.

FREI.WILD DER WOCHE: Das Cover-Album

Ganz ehrlich: Wenn ich Leute mit Frei.Wild-Shirts auf der Straße sehe, denke ich nicht: „Oh, da muss man jetzt differenzieren, es gibt solche und solche – außerdem sind Vorurteile nie gute Berater.“ Ich denke viel eher: „Alter, was für eklige Aggro-Affen. Wenn irgendwann Krieg ist, stehen wir nicht auf derselben Seite, aber hoffentlich geht ihr alle schon vorher unter!“ Sorry, so ist es eben – und es geht bestimmt nicht nur mir so.

Dementsprechend könnte ich mich jetzt auch noch weiter im Konsens der eigenen Blase sonnen, aber ganz so einfach möchte ich es mir – und den Lesenden – hier auch nicht machen. Denn bei aller heimeligen Abgrenzung, erscheint es mir dennoch unlauter, dieser Geisterbahn-Band weiterhin vorzuwerfen, sie würde bis heute durch konkrete Aussage oder Ambivalenzen im rechten Lager fischen.

Zur Hochzeit der Geflüchteten-Debatte und den Übergriffen auf Wohnheime haben sich Frei.Wild mit einem offenen Brief an ihre Fans gewandt und sich unmissverständlich für die Aufnahme der Menschen ausgesprochen und sich von PEGIDA und AfD distanziert, letztere werden im Text als „solche Idioten“ bezeichnet. Welche Enttäuschung das im braunen Milieu ihrer Anhänger ausgelöst haben muss, man kann es sich kaum vorstellen. Denn dass Grönemeyer sich nicht auf die Seite der Nazis stellt – okay! Aber die Absage von Frei.Wild an den kochenden Wutbürger-Swag, die hat richtig weh getan. Die Band hätte es sich selbst auch wirklich leichter machen können.

Diesen Umstand sollte man einfach nicht verschweigen in der Debatte. Also zumindest dort, wo es überhaupt noch eine Debatte ist – und nicht nur ein Versichern der eigenen Position.


Dass die Band weiterhin musikalisch und inhaltlich totaler Horror ist und dass viele ihrer Fans einen solchen Sinneswandel ihrer Idole erfolgreich ausblenden können, sei unbenommen. Aber um Frei.Wild heute glaubwürdig abzulehnen, muss man sich auch mit solch „unbequemen“ Wahrheiten auseinandersetzen wie eben der Soli-Note für Geflüchtete seitens der Typen.

Das schreibe ich so ausführlich hier auf, weil die gerade annoncierte Cover-Platte mit adaptiertem linkem Protestliedgut die Reflexe allerorts wieder arg triggern wird. Es sieht aus wie ein Witz: Frei.Wild kündigen eine Kinderplatte an und covern Songs von Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, Casper und „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte. In einem ätzend unlustigen Text auf ihrer Homepage jammern sie über „Perlen deutscher Moralkultur“ und kommen dabei blöd rüber wie eh je. Nur die Musik, die man schon hören kann, wirkt noch schlimmer.

Also keine Angst, es gibt auch 2019 noch gute Gründe, um Frei.Wild zu hassen, man sollte sich nur die Mühe machen, diese upzudaten – sonst wirkt man in Diskussionen auch nicht weniger leer als die Gegenseite.

FILM DER WOCHE: „Die Könige der Welt“

Von Rechts wegen würde ich hier natürlich die neuen Folgen „Black Mirror“ verhandeln, die gerade auf Netflix aufpoppten. Doch das hat Jessica Fowler vom Musikexpress bereits übernommen. Ey, bevor ich noch blinzelnd die letzten Untertitel entziffert habe, gibt’s aus der Redaktion schon punktgenaue Analysen? Ey, fuck. Fühle mich, als würde ich mit dem Dreirad beim Großen Preis von Hockenheim mitfahren.

Dann kommt hier eben eine Empfehlung, die nicht aus der Neuheiten-Spalte von Netflix stammt, sondern aus der Mediathek des NDR. Da guckt außer mir sonst bestimmt keiner. Dort kann man aktuell noch den wunderbaren Film über die Berliner Band Pictures einsehen. Es geht darin um eine Geschichte, die unerbittlich in die damalige Drogenrealität von Sänger Maze Exler blicken lässt. Ein anrührend schillerndes Biopic, das an manchen Stellen kaum auszuhalten ist, das dabei nie urteilt, nie boulevardisiert, Happy End und gute Musik inklusive. Nehmt’s mit, dankt mir später.

SEXISMUS DER WOCHE: Berichterstattung zur Fußball-WM

Schade, noch gar kein Spiel der aktuellen WM der Frauen geguckt! Dabei sollen die Ladys doch mal wieder so (knick knack) „attraktiven“ Fußball spielen. Die BILD meldete „Hässlicher Auftakt-Sieg dank unserer Hübschesten“. Na, wenn das nichts ist!

Sicherlich finde ich es als Mann hin und wieder lästig, wenn sich die Damen im Mittelkreis gegenseitig die Haare machen, statt vernünftiges Pressing zu spielen. Aber wenn ich dann in der „tz“ mehr über die Stars unseres Teams lesen kann – „So heiß zeigt sich das DFB-Hottie bei Instagram“ – dann will ich mich natürlich nicht beschweren. Es dient also alles einem Zweck – und Sport muss ja auch nicht immer so mega athletisch sein. Mit einem kecken Augenaufschlag erreicht manch eine mehr als mit einem rührenden Dribbling-Versuch. Go for gold!

VIDEO DER WOCHE: Deichkinds „Wer sagt denn das?“

Deichkind haben es so dermaßen raus, das, was man von ihnen möchte, immer wieder in neuen Varianten auszuliefern. „Wer sagt denn das?“ bezieht sich textlich wie vom sinister ironischen Gestus dabei besonders stark auf ihr archetypisches „Leider geil“. Instant-Hit halt. Allerdings ist es mir persönlich mit dieser supersmarten Attitüde und dem saucoolen Video (viele Gäste aus dem Trash-Showbiz!) einfach etwas zu sehr gepanzert. Wenn es wieder etwas weniger formelhaft wird, steig ich auch emotional erneut ein. Bis dahin kann’s natürlich trotzdem so weitergehen. Denn schlecht ist wirklich was anderes. Wer sagt denn das?!

ALBUM DER WOCHE (I): Calexico and Iron & Wine

Calexico and Iron & Wine
„Years To Burn”
(SubPop / VÖ 14.06.2019)

Eine Platte, wie in ein Feuer schauen. Es knistert, es beruhigt, es wärmt. Im Fall der routinierten Tex-Mex-Americana-Super-Group handelt es sich dabei allerdings um ein Kaminfeuer-Video. Man schaut und hört hinein, alles wie in echt, die Holzscheite knacken, das Licht flackert angenehm. Dass es sich hierbei nur noch um ein Abbild handelt, fällt fast nicht auf. Ey, aber auch nur fast, Ihr routinierten Bart-Opis!

ALBUM DER WOCHE (II): Kate Tempest

Kate Tempest
„The Book Of Traps And Lessons“
(Caroline / Universal / VÖ 14.06.2019)

Like, wer bei Kate Tempest auch immer nur noch genervt an ihr Engagement für den BDS denken kann. Also diese Organisation, die sich für Boykotte gegen Israel einsetzt und dabei vor allem in der englischen Popkultur-Linken große Unterstützung genießt. Diese Woche mal wieder das Projekt für Künstlerin und Hörer: Musik gibt’s ja auch noch. Wobei Tempest ihre Texte viel um den Brexit drehen lässt. Das spürbare Unbehagen bleibt dabei auf einem stets kryptischen Level, allzu Sloganhaftes erspart sich/uns die 34-jährige Londonerin.

Aufgenommen hat sie „The Book Of Traps And Lessons“ mit Rick Rubin. Ein gutes Match, sein Knarziges und ihr Knarziges stapeln sich und machen aus den auffällig ruhig gehaltenen Stücken immer wieder kleine soundästhetische Wertmarken. Wer Hypnose durch Beats mag und (imho) ungutes politisches Engagement ausblenden kann, findet hier ein äußert stimmungsvolles Album. Schade, aber toll!

MEME DER WOCHE

DER VERHASSTE KLASSIKER: BECK

Beck
„Odelay“
(Geffen / Sony /18.06.1996)
Beck, dieser verschlafene Typ, ist nun wirklich das allergrößte Missverständnis der an Missverständnissen nicht armen 90er-Jahre. Wie die verklebten Träumer von Radiohead mit „Creep“, startet (Verb eigentlich viel zu dynamisch) auch Beck mit einem Hit in das mediokre Pop-Game.

„I’m a loser, baby, so why don’t you kill me!“

Jeder weiße männliche Geek, der damals hart unter seinen Privilegien leiden musste, ist sofort Feuer und Flamme. Da bringt es mal jemand auf den Punkt: Kokettieren mit der Niederlage, um etwas Abstand vom grassierenden Erfolgsdruck zu erlangen. Das ist einfach die damalige Version von emotionalem Dienstleistungs-Pop, wie er sich heute in den Lyrics von Revolverheld und Max Giesinger bloß professionalisiert hat.

Beck selbst ist diese Rolle als nächster Slacker-Superheini im Post-Grunge überhaupt nicht recht. Er sieht sich zu Höherem berufen und verbringt ähnlich wie Radiohead die ersten Alben stoisch mit der immer weiteren Dekonstruktion des eigenen Pop-Appeals. Beck einigt sich mit sich dabei erstmal auf das prätentiöse Quatsch-Werk „Odelay“. Schon im Vorfeld (weil die Platte nach „Loser“) scharren sich alle Weltschmerz-Touristen mit schlecht sitzenden Hemden und Hosen zusammen: Was wird Beck ihnen diesmal bringen?

Antwort: gar nichts. Lo-Fi-Geruckel, halbfertiges Songwriting, aufgeblasene Skizzen. Dass das zentrale „Where it’s at“ dennoch eine Art „Hit“ wird, zeigt deutlich, wie verzweifelt die Hörerschaft ist. Man muss halt nehmen, was da ist. Auch wenn es klingt wie aus der Mülltonne von Herbie Hancock.

Nach der Jahrtausendwende macht diese eitle Dekonstruktion auch vor Beck als Person nicht mehr Halt. Ein Telefoninterview, das er einem unserer Autoren damals gibt, beendet er unmittelbar. Aufgelegt, nachdem eine Frage hinsichtlich seiner Scientology-Mitgliedschaft gestellt wird. Ja, alles klar. Was eine Loser-Story!

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


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