Interview

Lykke Li im Interview: Kommt Gott zur After-Party?

Lykke Li im Gespräch über die Wut als Frau im Pop und die Frage, ob jetzt wirklich Schluss ist.

Lange galt die Schwedin als Popstar der Heartbreak-Songs. Jetzt ist Lykke Li in ihrer existenziellen Phase angekommen. Auf ihrem sechsten Album geht es um Vergänglichkeit und düstere Gefühlswelten.

Wir haben sie in Los Angeles zu einem ehrlichen Interview getroffen – über die Katerstimmung der Gegenwart, das Älterwerden als Frau im Musikgeschäft und die Frage, ob THE AFTERPARTY womöglich ihr letztes Album ist.

Das Licht von Los Angeles

Das Licht – viel mehr als alles andere – macht Los Angeles zu einer schönen und zugleich bizarr hässlichen Stadt. „There’s something about the light in L.A.“, sagt Lykke Li und blinzelt. Sie hat keine Sonnenbrille dabei. „Ich liebe es, dass ich hier auch an einem ganz normalen Tag so ein Wow-Gefühl haben kann, wenn ich ins Studio fahre, die Sonne scheint und ich Musik höre. Das ist wie mit einem Weitwinkel aufs Leben zu schauen.“ Doch es gibt auch die andere Seite: die Grellheit des südkalifornischen Lichts, die Brutalität, mit der es jeden noch so unschönen Winkel ausleuchtet, den Beton und den Müll überall. „Es ist wie wenn man im Sommer in Europa die Nacht durchfeiert, und dann ist es draußen zu hell und man kann nicht schlafen und vielleicht geht man noch zur Afterparty – man will ja nicht, dass es vorbei ist, es ist zu schön, um aufzuhören –, aber man spürt den Kater schon. Den baldigen Aufprall. Man weiß, dass er kommt.“

Seit fast zwei Jahrzehnten macht Lykke Li Popmusik unter den Augen der Öffentlichkeit. In diesem Frühling erscheint ihr sechstes Studioalbum. Dass es THE AFTERPARTY heißt, ist kein Zufall: „Wenn ich Nachrichten lese, denke ich: Oh mein Gott, wir sind auf der Afterparty. Es ist fünf Uhr morgens, und vielleicht macht es gerade Spaß, und wir drehen noch mal voll auf, als gäbe es kein Morgen. Aber die Abrechnung wird kommen.“

Ein Interview im SUV

Bevor es wieder losgeht – auf Tour und zu den vielen Promo-Terminen –, hat sich die geborene Schwedin an einem warmen Morgen in L.A. Zeit genommen, um über die neue Platte zu sprechen. Eine Woche später wird sie beim Coachella-Festival zum ersten Mal live mit den neuen Songs auf der Bühne stehen. Eigentlich wollten wir uns im Clark Street Diner treffen. Doch das beliebte Retro-Restaurant in Hollywood, in dem man den ganzen Tag amerikanisches Frühstück essen kann, dicke, fluffige Pancakes und Chicken Waffles, ist heute wegen Dreharbeiten geschlossen. It doesn’t get more L.A. than that! Wenn Sie also demnächst einen Film oder eine Serie sehen, die in einem Diner spielt – mit tollen, runden Sitznischen aus schokobraunem Leder und knallroten Ketchup-Spendern als einzigem Farbtupfer auf den Tischen –, das ist Clark Street, wo Lykke Li heute kein Interview geben kann.

Stattdessen sitzen wir in ihrem SUV und fahren auf der Suche nach einem Café in der Gegend herum. In L.A. ist nichts um die Ecke – noch so ein Widerspruch dieser Stadt, sagt Lykke: Die normalen Sachen sind hier kompliziert, aber die verrücktesten Sachen kein Problem. Lykke Li hat die Kapuze ihres dunkelblauen Jogginganzugs über den Kopf gezogen. Die Klimaanlage summt leise.

Lykke wohnt nicht weit entfernt, den Hügel hinauf, in einem Teil der Hollywood Hills, der für seine altmodischen Häuser bekannt ist und in dem viele Künstler:innen und Filmschaffende leben. Geld haben die Leute hier auch, aber alles ist eher laid back und niemand hat Bock auf Protz wie drüben in Beverly Hills.

Die existenzielle Ära

Geschrieben hat Lykke Li das neue Album größtenteils in Los Angeles, wo sie seit zwölf Jahren wohnt. Es ist eine Platte, die von einer neuen Phase in ihrem Leben geprägt ist, die in Pressemitteilungen als ihre „existenzielle Ära“ bezeichnet wurde. Entstanden während einer Zeit privater Krisen, aus denen sie sich im Studio wieder herausarbeitete – aber eben auch unter dem Eindruck, „dass wir uns auf der Afterparty der Welt befinden“.

„Wir sind an einem ziemlich dunklen Punkt“, sagt sie. „Aber so ist der Kreislauf des Lebens – zerstören, sterben, wiedergeboren werden. Ich weiß nicht, wo genau wir uns in diesem Kreislauf befinden. Aber es sieht nicht gut aus und ich weiß nicht, ob es noch ein Zurück gibt.“ Diese Stimmung spiegelt sich auf THE AFTERPARTY wider. Nach dem eher introspektiven, ruhigeren Vorgänger EYEYE von 2024 klingt das neue Album extrovertierter, impulsiver, dunkler. Es umarmt im besten Popsinne chaotische Gefühlslagen und nächtliche Stimmen, die einem abwechselnd Schwachsinn einflüstern und weise in Richtung Morgen führen.

„Ich würde sagen, das ist mein Gott-Album“, sagt Lykke Li. Sie habe herauszoomen wollen aus ihrem eigenen Leben. „Es geht eher um die großen Kämpfe, das Menschsein, das Älterwerden, und die Frage, ob es einen Gott gibt und wer oder was das ist.“

Ein Café auf dem Parkplatz

Nach der Autofahrt haben wir schließlich ein Café gefunden – oder die L.A.-Version davon: The Oaks Gourmet ist ein Delikatessengeschäft und Coffeeshop. Die Tische stehen auf einem Parkplatz zwischen einem riesigen Supermarkt und dem Scientology Celebrity Center. Flair ist anders. Das Oaks gilt dennoch als Treffpunkt für Autor:innen und Schauspieler:innen, die es noch nicht geschafft haben, beim Netzwerken aber schon den teuersten Kaffee bestellen: Lavender Honey, 7,95 Dollar. Wir holen uns Wasser und setzen uns an einen Tisch am Rand.

Der Albumtitel THE AFTERPARTY ist, gibt Lykke zu, auch eine Referenz ans Älterwerden. Gerade ist sie 40 geworden. „Auf der Afterparty hat man nicht mehr das Gefühl, dass heute Nacht alles passieren könnte und man alles noch vor sich hat“, sagt sie. „Von hier aus fängt man an, das Ende zu sehen. Irgendwann wird man sterben.“

Elektro-Pop, Slow-Disco und apokalyptische Bongos

Der Sound ist ein Gegengewicht zu all der mitschwingenden Schwere. Die Texte über Verlustängste und Sinnsuche werden mit Elektro-Pop, Slow-Disco und Streichern untermalt. Einige Arrangements wurden in Stockholm von einem 17-köpfigen Orchester eingespielt – wie immer im alten ABBA-Studio. Dazu kommen ungewöhnliche Elemente wie das, was sie „apokalyptische Bongos“ nennt. Die erste Single, „Lucky Again“, enthält Samples einer Vivaldi-Interpretation des Komponisten Max Richter. So abgehoben das auf den ersten Blick klingt – Lykke Li verbindet alles zu schönen bittersüßen Popsongs, in denen die Beatmachines so sehnsüchtig klopfen wie die Herzen.

Lykke Li hat mehrfach angedeutet, dass THE AFTERPARTY ihr letztes Album sein könnte – „jedenfalls in dieser Form“, wie sie sagt. „Ich glaube, ich bin aus der Musikindustrie rausgewachsen. Es ist eine so erniedrigende Branche. Musiker:innen schaffen Kunstwerke, und dann wird daraus ein kleines Kästchen auf Spotify.“

18 Jahre im Rampenlicht

„Ich bin schon so lange dabei“, sagt Lykke. „Ich hatte extremen Erfolg, und ich habe auch viele schwierige Zeiten durchgemacht.“ 18 Jahre ist es her, dass die Schwedin mit ihrem ersten Album YOUTH NOVELS auf einen Schlag berühmt wurde – aufgenommen mit Björn Yttling von der schwedischen Indie-Popband Peter Bjorn and John. 2008 war die Zeit des Indie Sleaze: klebrige Dancefloors, Skinny Jeans, iPod Shuffle. In einer von energiegeladenen, unbeschwerten Sounds geprägten Ära machte sie elektronischen Indie-Pop, der immer ein bisschen melancholischer, kühler und dämmriger klang. Stets drehte sich ihre Musik um Herzschmerz.

„Sadness Is A Blessing“ hieß eine erfolgreiche Single dieser Anfangszeit, für deren herrliches Video sie sich mit dem später Oscar-nominierten schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgård in einem Nobelrestaurant einen wilden Starring-Contest lieferte. Der Song stammt vom hochgelobten zweiten Album WOUNDED RHYMES (2011) – genau wie der Song, der Lykke Li zu etwas machte, womit niemand, auch nicht sie selbst, jemals gerechnet hatte: zum massiven Sommerhit. An „I Follow Rivers“ – beziehungsweise einem 4-to-the-floor-gerechten Remix – kam im Sommer 2012 niemand vorbei, und der große Hit, auf den alle sie bis heute festlegen wollen, verfolgt Lykke Li seither. Dabei fanden die Superchecker von Pitchfork auch das von einer schmerzhaften Trennung inspirierte I NEVER LEARN (2014) toll. 2018 folgte SO SAD SO SEXY, 2022 das immersive audiovisuelle EYEYE, das ihre künstlerische Entwicklung deutlich machte.

Auf EYEYE drang Lykke Li so tief ins Innere vor wie nie zuvor. Sie bewegte sich zwar erneut an der Schnittstelle aus Liebe und Verlust, die bis dahin ihr Markenzeichen gewesen war. Doch der geisterhafte, reduzierte Popsound machte den Liebeskummer seltsam greifbar. Lykke Li beschrieb das Album in Interviews als „Versuch, ein ganzes Leben voller romantischer Obsessionen und weiblicher Fantasien in einer hypersensiblen Landschaft zu verdichten“.

Sie weiß, dass sie sich seit ihrer Jugend kopfüber in romantische Beziehungen gestürzt hat, um ein Loch in sich selbst zu füllen. Die Turbulenzen, die sich daraus ergaben, führt sie auf ihre Kindheit zurück. „Ich bin unzählige Male umgezogen“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, dass ich auf der ganzen Welt nach dem großen Glück gesucht habe. Das führt zwangsläufig zur Katastrophe.“

Hippie-Kindheit und der Weg nach New York

Geboren wurde sie 1986 als Li Lykke Timotej Zachrisson in Ystad an der schwedischen Südküste. Ihre Eltern sind Hippies, ein Künstlerpaar: Mutter Kärsti ist Fotografin, Vater Johan spielt in einer Punk-Reggae-Band. Als sie klein ist, pendelt die Familie zwischen dem ländlichen Portugal und Indien. Lykkes Interesse an Hinduismus, Buddhismus und Meditation stammt noch aus dieser Zeit. Erst als Teenager kehrt Lykke nach Schweden zurück, will professionelle Tänzerin werden und weitet dann ihr Interesse auf andere künstlerische Bereiche aus. Mit 19 zieht sie alleine nach New York und beginnt, Songs auf Myspace zu stellen. Mit 22 ist sie Popstar.

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Älterwerden als Frau im Musikgeschäft

Fast forward zur 40-jährigen Lykke Li. Fühlt sie sich auch als Frau wie auf der Afterparty – konfrontiert mit der Unbarmherzigkeit der Schönheitsideale, an denen kein Body-Positivity-Trend etwas geändert hat? „Ich habe das Gefühl, dass das Älterwerden bei Frauen so ein heikles Thema ist, dass es wirklich niemand anfassen will. Wenn man jung ist, gibt es so viele Romane, Filme, Musik, so viele Anleitungen und Blaupausen, eine Frau zu sein. Und dann kommst du hier an und denkst: ‚Okay, was jetzt? Wo sind die Filme und Bücher?‘ Und dann merkst du: Hier ist nichts – nur ein schwarzes Loch aus Angst und Scham und Vermeidung.“

Was da natürlich auch noch ist, aber alles nur noch schlimmer macht, sind die vielen bis an die Grenzen der Verfremdung gelifteten und mit Botox geglätteten Gesichter. Botox ist so normalisiert, dass bereits Teenager darüber nachdenken. Welche Frau in der Öffentlichkeit sieht heute mit 40 noch aus wie 40? Viele halten es nicht aus, wie verächtlich auf die völlig natürlichen Spuren des Alterns geblickt wird. Lykke Li ist eine davon. Man sieht die dünnen Falten um ihre Augen, wenn sie lächelt. Für unser Interview hat sie sich nicht einmal geschminkt. Einige Tage nach unserem Gespräch kommentiert ein Typ unter ein Instagram-Foto: „Wann ist sie alt geworden?“ – und eine Nutzerin antwortet: „Wir haben’s verstanden, Frauen dürfen das nicht.“ Sarkasmus ist oft das Einzige, was bleibt. „Es ist absurd, wir altern doch alle. Auch Billie Eilish wird irgendwann 40 sein.“

Rettung ins Studio

Als sie 2023 mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, steht sie fast verzweifelt vor der Frage, wie sich das zusammenbringen lasse: Künstlerin und zweifache Mutter zu sein. Ihre größte Angst: sich vollkommen in der Mutterrolle aufzulösen, in Fürsorge und Sentimentalität – „gefangen in Hormonen“. Also machte sie sich auf die Suche nach hilfreichen Vorbildern und begann, Künstlerinnen von früher und von heute zu lesen: Doris Lessing, Alice Neel, Louise Bourgeois, Miranda July. Besonders ermutigend sei das nicht gewesen, sagt sie. Gleichzeitig schien auch der Rest der Welt aus der Bahn zu geraten: Trump, KI, die Feuer in Los Angeles.

Also machte Lykke Li das Einzige, was ihr noch einfiel: Sie rettete sich ins Studio – schon ein paar Monate nach der Geburt. Die Autofahrt von ihrem Haus habe sich angefühlt wie in einem Raumschiff zwischen verschiedenen Planeten: dem häuslichen und dem kreativen. Dort angekommen, begann sie zu schreiben. Inspiriert von Filmen und Erfahrungen auf professionell begleiteten psychedelischen Trips. „Um ehrlich zu sein, kommt alles von dort. Es ist so interessant, sich durch die ganzen Symbole und Archetypen in seinem Unterbewusstsein zu arbeiten.“

Das Break-up vom Break-up-Album

Auch deshalb ist THE AFTERPARTY ihre bisher vielleicht beste Platte. Die Gefühle, die hier zu Popsongs verarbeitet werden, sind vielschichtiger. „Ich habe immer alle Alben ausgehend von meinem jeweiligen emotionalen Gemütszustand geschrieben. Aber diesmal hatte ich keinen Liebeskummer. Und ich hatte es auch satt. Es ist so was wie mein Break-up vom Break-up-Album. Dafür kamen all diese anderen Gefühle hoch: Scham, Wut, Rache, Frust.“ Alles eher von der dunkleren Seite der menschlichen Psyche. Die Schuldgefühle als Mutter, die Wut als Frau im Musikgeschäft, der gesellschaftliche Druck, das Gefühl der Sinnlosigkeit. „Ich bin ehrlich, ich habe erst gezögert. Ich wusste nicht, ob ich daraus etwas machen kann. Aber dann dachte ich: Wut ist Punk! Wut ist HipHop! Wut ist weiblich!“

Lykke sagt, sie interessiere sich besonders für diese Gefühle, weil sie so aufgeladen seien – „und das Gegenteil von Instagram, wo alle versuchen, sich perfekt darzustellen. Immer sein bestes Selbst sein, das ist so verdammt uninteressant.“ Auf nur 24 schonungslos verdichteten Albumminuten geht es um Sterblichkeit, Verlust, Hedonismus und Vergänglichkeit: „I am bruised, I am broken / No sign I shout into darkness / No light, it’s a black hole“, singt Lykke in „Lucky Again“. „Es geht darum, etwas gehabt zu haben und es zu verlieren, zu erkennen, wie kostbar es war, und zu hoffen, dass man es wiederfindet.“ Es sei ein Gefühl, sagt sie, das sie eng mit Los Angeles verbindet: „Wenn man im Chateau Marmont oder sonst wo diese alten Stars trifft – davon gibt es viele in L.A. –, dann hat das etwas so Tragisches. Wenn man mal alles hatte – Ruhm, Geld und Schönheit – und es dann verliert, landet man in einer Art Wartezimmer, in dem man nicht weiß, was man mit sich anfangen soll.“

In „Future Fear“ geht es dann noch nihilistischer zu: „I love you / I don’t trust anyone / I’m going to a dark place do you need anything?“. Am Ende landet Lykke Li bei resignierter Akzeptanz: Das überraschend fröhliche „Knife In The Heart“ ist von einer Filmszene aus Michael Hanekes psychosexuellem Höllenritt „Die Klavierspielerin“ beeinflusst. Im zenartigen Schlussstück „Euphoria“ singt Lykke: „Though it won’t last / Hallelujah / Least we knew ya“.

Wo ist Gott?

Zum Schluss möchte ich noch wissen, ob sie nach all dem eine Antwort für sich selbst gefunden hat. Wer oder was ist Gott? „Ich glaube, die Antwort liegt irgendwo an dem Ort, an den wir uns begeben, wenn wir kreativ sind, wenn wir etwas erschaffen. Diese Inspiration ist wie eine Lebenskraft, die Schmerz in Schönheit und Dunkelheit in Licht verwandeln kann. Das anzuzapfen bedeutet mir mehr als alles andere.“

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