70.000 Menschen und zehn Notfälle: Angine de Poitrine in Montreal
Zehn medizinische Notfälle, 70.000 Fans und ein Vergleich mit Stevie Wonder: Beim einem Festival sorgte das schräge Math-Rock-Duo für einen Ausnahmezustand.
Sie ist die Überraschungsband des Jahres 2026: eine Band, die komplexe Rhythmik mit zunächst schräg klingenden harmonischen Kombinationen verbindet. Angine de Poitrine werden nicht ohne Grund von vielen Musikfanatiker:innen gefeiert und von anderen wiederum als weirde Musik im Strampelmannkostüm abgetan. Mittlerweile sind sie vom Internetphänomen aufgestiegen und versammeln auch im echten Leben große Menschenmassen, wie sie eindrucksvoll beim Jazzfestival in Montreal gezeigt haben.
Es ist schon wild: Angine de Poitrine bedeutet auf Deutsch so viel wie Brustenge und spiegelt vermutlich das Gefühl einiger wider, die versuchen, dem Takt bei einer Darbietung des Duos zu folgen. Ob es deswegen beim letzten Konzert gleich zehn medizinische Notfälle gab, ist dennoch zu bezweifeln. Hier die Hintergründe.
Das Jazzfestival und die Masse
Wer will denn auch schon Mathe machen, um Musik zu verstehen? Anscheinend einige. Denn beim internationalen Jazzfestival in Montreal versammelten sich scharenweise Menschen, um Dreiecke über ihrem Kopf zu bilden. Auf Konzerten von Angine de Poitrine formen Besucher:innen gerne Dreiecke mit den Händen und gehen rhythmisch in die Knie. Das mag zwar einen Hauch von Kult mit sich bringen, passt aber zum ohnehin geometrischen Outfit der Band.
Die Betreiber:innen des Festivals sagten jedenfalls, sie hätten seit Stevie Wonders Auftritt 2009 keine so große Menschenmenge mehr zu einem Act gesehen. Am Samstag, den 27. Juni, betrachteten laut „Billboard Canada“ rund 70.000 Leute, wie eine mikrotonale Zweihalsgitarre bespielt werden kann. Kein Wunder also, dass bei so viel Virtuosität gleich zehn Personen medizinische Versorgung benötigten. Es habe sich dabei um Stürze, traumatische Verletzungen und Fälle von Intoxikation gehandelt, wobei es niemals eine lebensbedrohliche Situation gegeben haben soll, wie ein Leiter des Krankenhauses mitteilte. Doch warum kommen jetzt so viele zu einer „Mathe-Band“?
Punkte, Polyrhythmik und ein Dreieck gen Himmel
Während andere Bands ihre Bühnenoutfits wählen, um möglichst schick für die Groupies auszusehen, ähnelt das Outfit von Angine de Poitrine eher einer mythischen Kreatur. Mit dem Markenzeichen der Band wäre Sams durchweg einverstanden, denn es sind Punkte. Doch so simpel die Idee mit den Punkten erscheint, umso komplexer wird ihre Musik. Die Stichwörter sind Mehrtonalitäten und Rhythmusvariationen, welche die Songs nicht klassisch greifbar machen und für Ekstase beim richtigen Publikum sorgen.
Kein Wunder also, dass Jazz-Enthusiast:innen sich versammeln, um das Duo in seinem Heimatbezirk Québec zu unterstützen. Während die meisten die Tonleiter im Musikunterricht nie wirklich gelernt haben und den 4/4-Takt nicht vom 5/8-Takt unterscheiden können, schmeißen die gepunkteten Gestalten alles durcheinander, ohne den Takt zu verlieren. Wie so etwas funktioniert? Mathe.
An dieser Stelle erspare ich die Details, doch schaffen es die Québecer mit einer Gitarre, die Töne abseits des Zwölftonsystems erzeugen kann, Songs zu kreieren, die guttun. Sie sind deshalb so angenehm zu hören, weil sie dem klassischen Pop-Schema den Rücken kehren und eine Aneinanderreihung von Tönen wiedergeben, die es zuvor noch nicht gab. Böse Zungen behaupten, nach rund 100 Jahren Musikgeschichte wiederhole sich alles nur noch.
Angine de Poitrine beweist, dass es auch abseits der wahrscheinlichsten Aneinanderreihung von Akkorden musikalischen Erfolg geben kann. Ein Dreieck gen Himmel gestreckt, gegen die KI.



