Interview

Death Cab For Cutie im Interview: „Ich spüre noch immer Schmerz & Scham“

Auf dem elften Album der ewigen Indie-Darlings geht es um Trennungen, Neuanfänge & eine Rückkehr, um Kunst und Liebe. Oder, wie es Ben Gibbard im Interview formuliert: „Privat spüre ich noch immer Schmerz und Scham. Beruflich nichts als Demut. Aber ich glaube noch immer an die Liebe.“

Die „schlechte“, in jedem Falle aber tratschigste Nachricht zuerst: Nein, „I Built You A Tower“, das elfte Album der ewigen Indie-Darlings Death Cab For Cutie in 29 Jahren, ist kein klassisches Trennungsalbum geworden. Der Verdacht lag nahe, weil Sänger, Songschreiber und Gitarrist Ben Gibbard und seine zweite Ehefrau, Fotografin und Tourmanagerin Rachel Demy, sich 2023 nach sieben Jahren scheiden ließen. Gehofft hatten Fans darauf jedoch nicht aus Schadenfreude oder wegen des klischeebehafteten Allgemeinplatzes, dass auch in der Rockmusik große Kunst zuerst aus großem Leid entstehe, sondern weil Trennungen in der Bandgeschichte tatsächlich schon immer bewegende und reinigende Rollen spielten.

„I need you so much closer“, sang Gibbard etwa im repetitiven Crescendo der Liebeskummer-Hymne „Transatlanticism“, dem Titelsong ihres bis heute einflussreichsten Albums, im Jahr 2003. Von diesem Moment an galten Death Cab, benannt nach einem im Beatles-Film „Magical Mystery Tour“ performten Song der Bonzo Dog Doo-Dah Band, als most sophisticated sad boys einer im Emo geschulten neuen Indie-Generation. Nachdem seine erste Ehe mit Schauspielerin, She-&-Him-Musikerin und Nuller-Ikone Zooey Deschanel als gefeiertes Indie-Traumpaar 2012 nach drei Jahren in die Brüche ging, entstanden zudem erste Songs für das Album „Kintsugi“, benannt nach der japanischen Kunstform, Keramik und zerbrochenes Porzellan zu reparieren, die Scherben zu kitten und aus Altem Neues zu erschaffen. Nach den Aufnahmen kündigte Gründungsmitglied Chris Walla zudem seinen Ausstieg an.

Trotz dieser Erfahrungen sei auch die Trennung von Demy mit Schmerz und Scham behaftet gewesen, wie der heute 49-jährige Gibbard im Gespräch zugibt, und habe seine neuen Songs natürlich beeinflusst.

Es gibt genug Wut in der Welt

Und da ist sie also, die „gute“ Nachricht für Fans von Gibbards ziselierter Melancholie: Ja, natürlich ist „I Built You A Tower“ trotzdem ein Trennungsalbum geworden, wie er bei unserem Treffen in Berlin im April zugibt. „Aber nicht in der Art, die manche vielleicht erwarten. Die Trennungsalben, über die am meisten geredet wird, sind die bissigen, die scharfen – Fleetwood Macs „Rumours“ zum Beispiel, oder anscheinend das neue Lily-Allen-Album, das als schonungslose Abrechnung beschrieben wird“, weiß er und relativiert: „Wer das von diesem Album erwartet, wird enttäuscht sein. Es ist kein Versuch, jemanden schlecht dastehen zu lassen oder Verfehlungen öffentlich zu machen. Es geht darum, wie ich persönlich mit dieser Phase umgegangen bin. Ich bin nicht mehr daran interessiert, wütende Platten über Menschen zu machen. Es gibt genug Wut in der Welt.“

Der Albumtitel bedeutet dabei viel weniger die Erbauung eines Schreins für eine verehrte und geliebte Person, naheliegenderweise etwa die Ex, sondern das Ablegen von bestimmten Gefühlen, Erfahrungen und Erinnerungen in Räumen, deren Tür man schließen kann, um sich zeitweise anderem zu widmen. Der Sound von „I Built You A Tower“ bewegt sich zwischen bittersüßer Powerpop-Antäuschung aus der dritten Reihe und nach vorne drängelnden Gitarren, die von Gibbards weicher Stimme zurückgehalten werden – einmal mehr ein vertrauter Sound, dessen Neuheiten sich erst auf den zweiten oder dritten Blick einschleichen. Die erste Single „Riptides“ funktioniert im Radio, für die zweite Single „Punching The Flowers“ griff Gibbard einen aufgeschnappten Dialog auf, in dem eine Mutter ihre wütende Tochter bat, die Blumen vor ihr nicht zu schlagen. Ein Bild, das auch als Metapher für die Musik von Death Cab For Cutie funktioniert.

Der Titeltrack ist zweigeteilt. Die elf neuen Songs wurden innerhalb von drei Wochen im Studio von Produzent John Congleton in Los Angeles eingespielt, alle fünf Bandmitglieder in einem Raum – neben Gibbard Gründungsmitglied Nick Harmer, der 2003 dazugestoßene Drummer Jason McGerr sowie die 2015 als Tourmusiker und 2016 fest eingestiegenen Dave Depper und Zac Rae. Ihre Wohnorte erstrecken sich von der Bandgründungs-Kleinstadt Bellingham nördlich von Seattle über Portland bis Los Angeles entlang der halben Westküste der USA – im Gegensatz zum Vorgänger „Asphalt Meadows“, der während der Corona-Pandemie als eine Art digitaler Kettenbrief entstand.

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Nach 20 Jahren wieder auf Indie-Label

Nicht nur dieser Prozess erinnerte Gibbard an die Anfangstage seiner Band, auch das Ergebnis: „Diese Platte ist deutlich weniger ausgeschmückt und produziert“, sagt er. „Ich kehre immer wieder zu der Phase zwischen „Codes And Keys“ und „Thank You For Today“ zurück – die Alben aus dieser Zeit bilden ein eigenes Kapitel. Das hier aber fühlt sich klanglich eher wie eine Rückkehr zum Geist der ersten zwei, drei Platten an.“

Zu diesem „Back to the roots“-Gefühl passt auch die offenkundigste äußere Veränderung: Nach 20 Jahren beim Majorlabel – 2005 erschien ihr fünftes Album „Plans“ wie jedes danach bei Atlantic Records (Warner), die vier Vorgänger bei Barsuk aus Seattle – veröffentlicht die beständige Band wieder auf einem Indie-Label, diesmal bei der Epitaph-Schwester ANTI. Warum? „Die Beziehung zu Atlantic hielt länger als jede meiner romantischen Beziehungen“, antwortet Gibbard und bleibt damit im Bild von Trennungen, Rückbesinnungen und Neuanfängen. „Sie hielt länger als fast alles in meinem Leben, außer die Verbindung zu den Bandkollegen und alten Freunden. Am Ende fühlte es sich an, als würden wir als Band zwar geschätzt, aber als selbstverständlich betrachtet“, sagt er.

Wie machte sich das konkret bemerkbar? „Wir brauchten keine Handführung im kreativen Prozess, wir machten einfach unsere Platten und reichten sie ein. Und irgendwann hatte das Label verständlicherweise keine große Energie mehr für ein paar mittelalte weiße Männer, die Indie-Rock spielen – die Aufmerksamkeit galt jüngeren Künstlern, Pop-Acts.“ Bei ANTI sei das anders, so Gibbard: „Jetzt arbeiten wir mit Menschen zusammen, die dieselbe Musik hören wie wir, die als Punks aufgewachsen sind und diesen DIY-Geist mitbringen. Das fühlt sich fantastisch an.“

Die Ironie dahinter, als ewige Indie-Rockband erst jetzt, 20 Jahre später, auch in der geschäftlichen Definition wieder eine zu sein, spielt für das Selbstverständnis seiner Band wegen ihrer anhaltenden Selbstständigkeit keine Rolle. „Die Definition von Indie war für mich früher sehr dogmatisch“, gibt Gibbard zu, „nur Musik auf unabhängigen Labels zählte. Aber wir haben immer einen unabhängigen Geist gehabt. Wir haben keine Trends verfolgt. Ich glaube nicht, dass man unseren Atlantic-Alben anhört, dass sie bei einem Major erschienen sind – eine Band bei einem Major-Label hat normalerweise nicht als Follow-up-Single zu ihrer größten Platte einen achteinhalb Minuten langen Song wie „I Will Possess Your Heart“.“ (Das sechste Album „Narrow Stairs“ erreichte 2008 Platz 1 der US-Charts, Anm. d. Red.)

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Demut im schönsten Sinne

Hilfreich mag in diesem Zusammenhang sein, dass ihr Durchbruchsalbum „Transatlanticism“ im künstlerischen und emotionalen Sinne eines war, nicht aber im kommerziellen – und dass Gibbard dessen nahezu kultische Verehrung von Fans und vielen Kritiker:innen nie als Bürde empfand. Im Gegenteil: „Ich kenne Bands, die einen großen Song haben und ihn als lästig empfinden“, sagt er und weicht dem vom Interviewer genannten Beispiel „Creep“ von Radiohead diplomatisch aus. „Aber was für ein Arschloch müsste ich sein, um den Moment der größten Verbindung mit dem Publikum als Belastung zu betrachten?“

Bezogen auf Death Cab For Cutie heißt das: „Ich wäre ein Idiot, wenn ich sauer wäre, falls jemand unser neues Album nicht mag. „I Will Follow You Into The Dark“ (von „Plans“, Anm. d. Red.) wird immer unser bekanntester Song sein. „Transatlanticism“ wird immer unsere meistgeschätzte Platte sein. Sie ist seit fast 23 Jahren draußen, Menschen entdecken sie noch heute. Das erfüllt mich mit Demut im schönsten Sinne. Ich weiß, dass wir nie wieder etwas mit diesem Einfluss machen werden. Das ist schlicht nicht möglich. Aber darum geht es mir auch nicht.“

Tatsächlich wurden Death Cab For Cutie damals die konstante Band, die wir bis heute wertschätzen – wie diesen einen alten Freund, den wir seit Ewigkeiten kennen und manchmal aus den Augen verlieren, auf den aber stets Verlass ist, wenn wir ein offenes Ohr, Verständnis, Zuspruch und eine Schulter zum Anlehnen brauchen. Eine Band, die sich nie einer Szene zuschreiben ließ. Die aus Seattle kommt, aber mit der Wut des Grunge noch nie viel am Hemdkragen hatte. Deren Musiker wegen ihrer bebrillten Seitenscheiteloptik als Emo-Nerds galten und im Geiste des 90er-Emo-Genres agierten, in Sound und Ästhetik aber vom Nuller-Emo-Bombast von My Chemical Romance bis Fall Out Boy noch weiter weg standen als von Weezers Feel-Good-Power-Pop. Und die mit ihrem feingeistigeren, aber nie verkopften Anspruch auch das gute alte Fernsehen prägten wie keine andere Band dieses Jahrzehnts.

Ein Song kann keine Wahl entscheiden

Heute haben sich die Zeiten geändert. Während die Rockwelt Mitte der Nuller noch gegen den damaligen US-Präsidenten mit Samplern wie „Rock Against Bush“ protestierte, ahnte wohl niemand, wie unschuldig diese Ära im Rückblick wirken und es Jahre später um ihr Land stehen würde. 2016 beteiligten sich die immer schon politisch engagierten Death Cab For Cutie an der Anti-Trump-Compilation „30 Days, 30 Songs“. Seit Trumps zweiter Amtszeit scheint der Protest von US-Musiker:innen bis auf laute Ausnahmen wie denen von Bruce Springsteen oder Jack White leiser geworden zu sein. Täuscht der Eindruck diesseits des Atlantiks?

„Wir alle wollten das Gefühl haben, etwas zu tun“, erinnert Gibbard sich an die damalige Motivation. „Aber ich glaube, wir haben auf der amerikanischen Linken gemerkt, dass wir letztlich nur miteinander geredet haben. Wenn die Demokraten erfolgreich sein wollen, müssen sie einen echten Weg finden, wieder mit der Arbeiterklasse zu sprechen.“ Die Kritik, sie seien eine Partei der Küsteneliten, hält er für berechtigt: „Sie haben sogar die Gewerkschaften verloren – das ist schockierend!“ Er selbst hat einen anderen Weg des Engagements und der Kommunikation gefunden: „Ich glaube nicht, dass ein Song eine Wahl gewinnt. Aber es gibt andere Wege, sich einzubringen, die mehr Arbeit erfordern – auf lokaler Ebene.“ Ein paar Tage nach unserem Treffen etwa will er im heimischen Seattle ein Fundraiser-Konzert für „unsere Abgeordnete“ Pramila Jayapal spielen.

Nicht nur als Künstler, sondern als Mensch bringt Gibbard keinerlei Empathie oder Verständnis dafür auf, dass genau das der US-Regierung auf ganzer Linie fehlt. Er erkennt einen Unterschied zwischen Stolz auf die eigene Herkunft und Scham über die Handlungen des eigenen Landes. Patriotismus bedeute, aufzustehen und dies zu benennen. „Mein Vater trat mit 17 in die Navy ein, war auf einem Lazarettschiff in Vietnam – ich stehe noch heute bei der Nationalhymne auf“, sagt er. Mehr noch: „Ich bin stolz, Amerikaner zu sein. Aber ich schäme mich tief für das, was unsere Regierung gerade tut. Was jetzt passiert, richtet sich gegen alle, die nicht autoritär, weiß-nationalistisch oder christlich-nationalistisch sind.“ Seine Hoffnung: „Es gibt schlicht mehr von uns als von ihnen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass die Linke bei den Midterms einen dramatischen Sieg einfahren wird. Dass Orbán in Ungarn verloren hat, war ermutigend. Ich schäme mich allerdings, dass wir so lange gebraucht haben.“

Never Gonna Give (You) Up

An diesem Punkt des Gesprächs möchte der Interviewer gerne noch mal die Brücke ins Private schlagen sowie Gibbard die eine musikalische, ihn wohl bis an sein Lebensende verfolgende Frage stellen, die ihm jeder stellt. Aber die Zeit rennt weg, deshalb nur schnell. Erstens: „Ben, du trinkst seit 2008 keinen Alkohol mehr und läufst stattdessen Ultramarathons, die teilweise über 160 Kilometer und mehrere Tage andauern. Was zur Hölle?“

Gibbard: „Meine Eltern sind beide Ende 70 und sehr aktiv – sie sind meine Vorbilder. Ich sehe, wie ein bewegungsarmes Leben Menschen in meinem Alter einschränkt, und ich möchte aktiv bleiben, bis ich sterbe. Ich trainiere meinen Geist täglich als Schreiber – da erscheint es sinnvoll, auch den Körper zu trainieren.“

Ok, cool. Zweitens: 2003 nahm er mit Jimmy Tamborello unter dem Projektnamen The Postal Service den legendären One Shot „Give Up“ auf, das Indietronica-Album für alle, die bis dahin mit elektronischer Musik wenig anfangen konnten. 2013 und 2023 gingen Death Cab gemeinsam mit The Postal Service jeweils auf Doppel-Jubiläumstour und spielten „Transatlanticism“ und „Give Up“ in Gänze, leider nicht in Europa. „Dürfen wir uns für 2033 Hoffnungen machen, Ben? Oder gar auf ein zweites Album?“

Gibbard: „Nein. Manche Dinge waren cool, solange sie andauerten. Außerdem hat Jimmy während der Waldbrände in Kalifornien sein Haus verloren. Darin ist auch sein komplettes Equipment abgebrannt. Wir müssten also jedes Instrument und Gerät neu kaufen. Aber selbst dann hätten wir keine Pläne für ein neues Album als The Postal Service.“

Eine andere Sache schließt Ben Gibbard dafür nicht kategorisch aus, bei der er offenbar selbst mit fast 50 Jahren Herz über Verstand walten lässt und über die er nach seiner zweiten Scheidung auch mit seinem Therapeuten sprach. „Eigentlich glaube ich nicht mehr an die Ehe, nein. Aber noch immer an die Liebe. Die Ehe ist im Grunde ein Geschäftsverhältnis. Sie bedeutet vielen Menschen alles, und das respektiere ich. Ob ich sie noch als Liebesgeste brauche, weiß ich nicht. Wobei: Ich lebe hoffentlich noch lange auf diesem Planeten. Vielleicht überrasche ich mich selbst. Vielleicht wage ich eines Tages Versuch Nummer 3!“ Sagt er und lacht.

Und hey: Selbst bei einer Annullierung auch dieser Ehe, bevor der Tod sie scheidet, dürfte sie unser und sein Schaden nicht sein. Solange Death Cab For Cutie, eine Gitarre oder ein Klavier als Gibbards beständige Ventile bleiben. Muss ja nicht gleich ein Ultramarathon werden.

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