Interview

Bibiza im Interview: „Ich bin eigentlich ein Indie-Chill-Boy“

Im großen Interview erzählt Bibiza, warum er sich für sein neues Album neu erfindet und was hinter seiner Kunstfigur wirklich steckt.

In Österreich kennt man ihn als Falco der Gen Z, nun wagt Bibiza mit „Rocknrollst★r“ einen Stilwechsel in seiner Karriere.

Wir haben den Musiker in Wien zum Interview getroffen und mit ihm über Farbcodes in der Albumproduktion, die Grenze zwischen seiner Kunstfigur und sich selbst sowie die Herausforderungen hinter dem Rockstar-Dasein gesprochen.

„Ich mag das wirklich“

Bibiza
Bibiza im Interview

Am Rande des sechsten Bezirks treffen wir ihn, den „Rock’n’Roll“-Star – Franz, Frank, Francoise? Bibiza. Er schlappt gemütlich um die Ecke, die Haare verwuschelt und an den Füßen schwarze Pantoffeln mit Metallschnallen. „Bei dem Wetter trage ich eigentlich nur Shorts und Flip-Flops, aber ich dachte, für euch putze ich mich ein bisschen raus“, grinst der 27-jährige Musiker, setzt sich an den Tisch und bestellt ein „Soda Zitron“. „Nicht wegen der Single, versprochen. Ich mag das wirklich“, lacht er. Eine Woche zuvor erschien mit Soda Zitron der fünfte Release seines neuen Albums „Rocknrollst★r“, das am 31. Juli erscheint.

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„Mein Kopf steckt in 2027“

Die österreichische Hauptstadt befindet sich in der Hitzewelle, und Franz Bibiza mitten in der Promo-Phase. Doch er scheint keineswegs gestresst, gedanklich ist er ohnehin schon wieder ganz woanders. „Das Album ist fertig und ich habe Bock, wenn die Leute es hören können. Aber ich plane eigentlich immer in die Zukunft, mein Kopf steckt in 2027 und in den Projekten, die noch kommen werden.“ Ein „Geschwisterchen“ wird es wohl geben, wie der Musiker verrät – eine Art musikalische Antwort auf „Rocknrollst★r“. Aber eins nach dem anderen.

Bibiza: Von Schmähpop zu Rock’n’Roll

2022 machte sich Franz Bibiza mit „Opernring Blues“ in Wien und schnell auch in Deutschland einen Namen. In seinem Debütalbum „Wiener Schickeria“ (2023) verpackte er die Dekadenz des Wien-Stereotyps, geprägt von Konsum, larmoyantem Weltschmerz und großspuriger Angeberei mit einem Charme, für den die Hochdeutschen kein anderes Wort als „Schmäh“ kennen. Bibizas Debüt klingt wie eine angeschickerte Nacht durch Wien: gewitzt, wild und moralisch meist am rechten Fleck. Man wirft Bibiza gern den Macho vor, seine Kunstfigur liefert jedoch mehr als das.

„Manchmal bekomme ich den Eindruck, die Leute hören nur die Beats und gar nicht so richtig den Text“, erklärt der gebürtige Wiener. „Man bringt mich oft nur mit Party und Exzess in Verbindung, aber ich bin eigentlich schon auch ein ziemlicher Indie-Chill-Boy“, lacht er.

Bibiza
Bibiza im Interview

Denn bei aller Ekstase verarbeitet Franz Bibiza tiefere Gedanken in seiner Musik: Er vermischt den jugendlichen Drang nach Freiheit und Hedonismus mit den Grenzgängen menschlicher Ängste, die in Ablenkungsmanövern aus Spaß und durchzechten Nächten verarbeitet werden. Den tatsächlichen Tiefgang seines musikalischen Repertoires hört man aber besonders auf seinem zweiten Album „Bis einer weint“ (2024). Bibiza selbst beschreibt es als persönlicher; der Schmäh bleibt, ist aber weniger plakativ. Als indirekte Antwort auf die Exzesse der Wiener Schickeria wird der Musiker auf der zweiten LP introspektiv, gesellschaftskritisch und auch klanglich experimenteller. Hier treffen Laptop-Punk, Eighties-Funk und Surf-Rock auf den typisch-trockenen Wiener Humor des Musikers.

Nun markiert „Rocknrollst★r“ den ersten wirklichen Genrewechsel: vom Wiener „Schmäh-Pop“ hin zu einem rockigen, gitarrenlastigen Sound.

Das weiße Album: „Rocknrollst★r“

„Rocknrollst★r“ wurde 2025 in drei Etappen in Ungarn, Spanien und Norwegen aufgenommen. Mit dabei: seine Band, ein paar Freund:innen und Produzent:innen. Woher der Impuls kam, das Genre zu wechseln? Er ist simpel: „Wir hatten einfach total Bock.“

„An einem typischen Studiotag wird meist gejammt, werden Riffs getestet und mit Synthesizern oder Drums herumgespielt“, erzählt Bibiza. Sobald ein Track steht, begibt sich der Musiker allein in die Booth, geht spazieren oder sperrt sich anderswo ein, oft für mehrere Stunden, und schreibt die Texte. „Bei meinen Lyrics kann ich nicht planen, die müssen unmittelbar zur Musik entstehen“, sagt er. Insgesamt haben Bibiza und sein Team in den letzten eineinhalb Jahren knapp 200 Songs und Demos aufgenommen.

Bibiza
Bibiza im Interview

Wie entscheidet man bei dieser Masse, welche Songs den finalen Cut machen? „Es ist hilfreich, sich bei aller Unendlichkeit der Möglichkeiten auf etwas zu limitieren. Und ich mache das eigentlich immer nach Farben.“ Bibizas erstes Album war rot, das zweite schwarz, und „Rocknrollst★r“ wird weiß – das sei dem Musiker von Anfang an klar gewesen. Er erzählt: „Die schrillen Gitarren, das Verzerrte, die ganze Figur um ‘Frank’, das ist für mich irgendwie alles weiß. Und so haben wir dann die Songs gewählt. Es braucht im Prinzip immer etwas, das sich durchzieht.“

Who the F*ck is Frank? Zwischen Mythos und Inszenierung

„Rocknrollst★r“ knüpft an die klassische Rock-Ästhetik irgendwo zwischen Falcos Süffisanz und kuratiertem Glamrock an. Um lange Nächte, ekstatische Flucht und ausgelassene Erschöpfung wird es auch in diesem Album gehen, doch nimmt Bibiza nun eine führendere Rolle ein: weniger Kind der Nacht, mehr Boss-Baby. Statt sich gänzlich vom Nachtleben treiben zu lassen, inszeniert sich der Wiener jetzt bewusst und selbstbewusst als Rock’n’Roll-Star. Die Attitüde wird zum Konzept: weißer Sportwagen, weiße Lederjacke, weißer Privatjet, Star-Allüren und VIP-Lounges. Begleitet wird all das von einer Art Augenzwinkern – eins, das genau weiß, wie kitschig das alles im Kern ist. Bibiza kreiert damit eine Art Mythos um die eigene Person. Auch seine Marketingkampagne spielt damit: Ganz Wien ist voll von seinen Plakaten mit der Frage „Who The F*ck Is Frank?“

„Ich werde oft gefragt, wo Franz aufhört und Bibiza anfängt. Aber Bibiza ist nur ein Bruchteil von Franz“, erklärt er. „Schwer ist es dann, wenn man fort ist und erkannt wird und die Leute genau diese Form von mir erwarten. Das ist vielleicht das wirklich Toxische an Bibiza. Ich liege eben nicht jede Nacht völlig zugeballert in irgendeiner Ecke, aber die Leute glauben das.“ Ob ihn das stört? Er winkt ab: „Nein, eh nicht. So oft kommt das nicht vor, und wenn: sollen sie halt denken.“

„Da denk ich mir schon manchmal: what the f*ck ist mein Job“

Tatsächlich wirkt Franz Bibiza kein bisschen wie der herablassende Rockstar, den er etwa in seinen letzten Singles „Call my Manager“ oder auch „Frank“ verkörpert. Vielmehr ist er Businessman, Videograf, Produktionschef, Freund, Social-Media-Manager, Designer, Frontmann, Administrator, Chef und konzeptionelle Leitung in einem. „Es macht mich schon happy, in allen Entscheidungen dabei zu sein und in allen kreativen Schritten das letzte Wort zu haben. Aber es ist auch ein bisschen nervig“, so Bibiza. Seit Februar sei er kaum dazu gekommen, Musik zu machen. „Weißt, da schreibst einen Song in fünf Stunden, brauchst aber vier Wochen, um ein Musikvideo zu machen, geschweige denn die Produktion und alles andere. Da denk ich mir schon manchmal: what the f*ck ist mein Job“, gesteht er lachend. Es sei extrem anstrengend, aber es lohne sich, versichert er und nimmt gelassen einen Schluck von seinem Soda-Zitron.

Bibiza
Bibiza im Interview

„Rocknrollst★r“ wird also dieses Spannungsverhältnis zwischen Traumleben und harter Arbeit einfangen, verpackt in geschliffenen Gitarrenriffs, treibenden Live-Drums, Synthesizern und Selbstdarstellung – in typischer Bibiza-Manier mit Dekadenz und Humor. Welche Farbe und Attitüde das eingangs erwähnte „Geschwisterchen“ haben wird, geschweige denn, wann Fans damit rechnen dürfen, konnten wir dem Musiker jedoch nicht entlocken.

„Bleibt gespannt“, grinst er verschmitzt.

Am 31. Juli erscheint Bibizas drittes Album „Rocknrollst★r“. Im Herbst kann man den Musiker mitsamt Band noch in vereinzelten deutschen Städten live hören, bevor es im April 2027 für den Wiener auf Deutschland- und Österreich-Tour geht.

Christian Thoma
Christian Thoma
Christian Thoma
Christian Thoma

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