Kylie Minogue: XXL-Karriere von „Neighbours“ bis zur Popikone
Kylie Minogue verkaufte über 80 Millionen Alben und holte in Großbritannien in fünf Dekaden je ein Nummer-1-Album. Eine Würdigung ihrer Karriere als Popikone.
Musst du schwul sein, um Kylie Minogue zu lieben? Es hilft vielleicht, doch die Antwort lautet eindeutig: Nein. Kylie ist für alle da, seit 39 Jahren als Popstimme on record, seit 58 Jahren als Mensch auf der Erde, seit vielen Jahren auch als Überlebende, sowohl der Musikindustrie wie ihrer Krebserkrankung.
Aber fangen wir vorne an: Kylie Ann Minogue ist anfangs eine süße, fleißige australische Teenagerin, die gerne singt, und das auch gut, die aber zunächst mit Auftritten im australischen Fernsehen berühmt wird – am wichtigsten natürlich: ihre Rolle als Charlene Mitchell in der Daily-Soap „Neighbours“. Das ist quasi die australische „Lindenstraße“, die 37 Jahre lang läuft, in über 60 Länder syndiziert wird und unter anderem mit Margot Robbie, Guy Pearce und den Hemsworth-Brüdern über die Jahre auch viele andere australische Schauspielstars hervorbringt. Kylie ist zwischen 1986 und 1988 dabei und singt als Charlene auch schon: mal ihren Großeltern ein Ständchen, oder Backup-Vocals für das Demo-Tape ihres Boyfriends Scott (Jason Donovan), der davon träumt, als Musikproduzent groß rauszukommen.
In einem Interview mit Jools Holland im britischen Fernsehen erzählte Kylie vor einigen Jahren, sie habe sich damals immer über Vorurteile der Art aufgeregt, ein Soap-Star wie sie könne doch unmöglich eine gute Sängerin sein. Um es den Zweifler:innen zu beweisen, nimmt sie das „little bit of money“, das sie mit ihren TV-Rollen verdient, leistet sich davon Gesangsstunden und nimmt ein Demotape mit drei Tracks auf: Coverversionen von Patti LaBelles „New Attitude“, Donna Summers „Dim All The Lights“ und Quincy Jones’ „Just Once“.
Ihre erste Single ist dann 1987 ein Cover des Sixties-Teen-Hits „The Loco-Motion“, geschrieben 1962 vom legendären Songwriting-Team und Ehepaar Carole King und Gerry Goffin in der ebenso legendären Popfabrik Brill Building in New York. Kylies Version von „The Loco-Motion“ steht in den australischen Charts sieben Wochen lang auf Platz 1 und wird in ihrer Heimat am Ende des Jahrzehnts die meistverkaufte Single der Achtzigerjahre sein.
Die Stock-Aitken-Waterman-Jahre
In „The Loco-Motion“ ist im Prinzip die Kylie von heute schon komplett angelegt. Denn da ist schon diese Stimme – diese markant hohe, nicht gerade voluminöse, aber sehr durchsetzungsstarke Stimme, die ein bisschen an Tweetie erinnert, aber so kristallklar und zugleich voller Wärme ist, dass der Vergleich sofort wie eine Frechheit wirkt. Außerdem ist da schon der supereingängige Dance-Pop. Er ist bis heute, mit Ausnahme weniger Ausflüge in andere Genres, Kylies Stärke.
Logisch also, dass sie mit „The Loco-Motion“ – wir sind immerhin auch im Commonwealth, wo Stars von down under zum Karriereboost gern mal direkt nach UK durchgereicht werden – in London bei Mike Stock, Matt Aitken und Pete Waterman landet. Vom Fernseh- aufs Pop-Fließband, sozusagen: Das Produzententrio hält damals das Monopol auf chartsoptimierten Eurodisco und führt mit zig Acts (Bananarama, Rick Astley, Mel & Kim, Pepsi & Shirlie usw.) das Motown-Prinzip fort – nur eben mit State-of-the-Art-Digitaltechnik, Hi-NRG-Wumms und einer Italo-Disco-sülzigen Seichtigkeit in den Melodien. Der „Guardian“ ist bald so genervt von dem Stock-Aitken-Waterman-Sound, dass er das Trio „Schlock, Aimless and Waterdown“ nennt.
„It was a pretty wild ride“, sagt Kylie in einer TV-Doku von 2023, in der Aufstieg und Fall des Produzententrios nachgezeichnet werden, über ihre Zeit als erfolgreichstes Pferd im Stock-Aitken-Waterman-Stall – wobei sie sich selbst lieber, und immer wieder, als „Show-Pony“ bezeichnet. Sie ist schließlich auch nur 1,52 Meter groß.
Die SAW-Jahre von 1988 bis 1992 sind quasi ihre schubidumäßigen Teen-Bop-Jahre. Der Hit „I Should Be So Lucky“, mit dem sie mit 19 zum globalen Star wird, nimmt jedenfalls den Sixties-Vibe von „The Loco-Motion“ auf. Hin und her gerissen zwischen teenage euphoria und teenage heartbreak geht es auch auf ihrem zweiten Album ENJOY YOURSELF (1989) weiter, mit einem Cover des Doo-Wop-Hits „Tears On My Pillow“ von Little Anthony And The Imperials aus dem Jahr 1958. Eine Kylie-Version von „It’s My Party (And I’ll Cry If I Want To)“ hätte auch gepasst.
Warum Queers Kylie lieben
Wäre es dabei geblieben, würden wir Kylie hier aber nicht als Heldin feiern. Zur Heldinnengeschichte gehören Identitätskrisen, Ups and Downs, Katharsis und Emanzipation dazu, kurz: Es fehlt das Drama. Dass es bei Kylie genug Drama gegeben haben muss, zeigt aber allein schon die Tatsache, dass so viele Queers, insbesondere schwule Männer, sie zu ihrer Queen, Heiligen, zur Ikone erhoben haben.
Schwule lieben seichten Discopop mit Rumms? Die Erklärung greift zu kurz. Eher ist es so: Queers, insbesondere Schwule, tanzen gern zu Musik von Stars, die, wie sie selbst, auf die eine oder andere Weise broken sind und/oder struggles hinter sich haben. Am besten sind die Stars dabei glamourös – nicht allein, weil Glamour schick ist, sondern weil Glamour als Selbstbehauptungsgeste den Triumph über alle Widrigkeiten betont, oder behauptet. Siehe Cher. Siehe Mariah Carey. Siehe Whitney Houston. Und eben Kylie.
Kylie selbst sagt im Sommer 2023 in einem Interview mit dem Sender ET Canada, sie sei schon früh von der queeren Community „kind of adopted“ worden, besonders in den Neunzigerjahren, als sie einige „not pleasant times“ durchlebt habe. Ihr schwules Publikum habe damals Solidarität mit ihr verspürt. In Sydney habe sie 1990 auch ihre erste Kylie-Drag-Show besucht, sie sei „the least Kylie in the room“ gewesen, die Drag-Queens hätten sie „out-kylied“.
Seitdem liebt Kylie ihre queeren Fans, tritt bei Pride-Events auf, singt herrlich dapperte Arschklapshymnen wie „Padam Padam“, setzte sich in Australien für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen ein, und seit sie an ihren Lyrics mitschreibt, baut sie auch immer mal wieder sexuell wenig zweideutige Zeilen ein wie im Hit „Wow“ von 2007: „Every inch of you spells out desire“. OMG, ist Kylie etwa eine size queen?
Die schweren Neunzigerjahre
Aber zurück zu den not pleasant times: Die Neunzigerjahre sind für Kylie eine schwere Zeit, weil sie hauptsächlich damit beschäftigt ist, im Lichte der Öffentlichkeit erwachsen zu werden und ihr Image als Industrie-Puppe abzustreifen. Die Zusammenarbeit mit Stock Aitken Waterman beendet sie 1992, sie geht indie, veröffentlicht auf dem Dance-Label Deconstruction Records, ändert ihr Image.
Oft wurde spekuliert, inwiefern ihre Affäre mit INXS-Sänger Michael Hutchence zwischen 1989 und 1991 dazu beigetragen habe, dass sie damals vom girl next door zu sexy Kylie wird. Wobei, was heißt spekuliert: In der Doku „Mystify: Michael Hutchence“ (2019) sagt Kylie selbst: „Es wird meist so erzählt, dass er ein düsterer Bad Boy war und ich das unschuldige Good Girl – und das stimmt so eigentlich auch.“ Für die Doku gab sie sogar einige intime Briefe heraus, die Hutchence ihr damals schrieb: „Ich werd’ dir den Hintern versohlen“ usw.
Der australische Schwerenöter-Rockstar ist es auch, der ihr schon in den frühen Neunzigerjahren erzählt, sein Freund Nick Cave würde gerne Songs für sie schreiben. Nick who? Damals hat Kylie noch kein Interesse. Aber als Nick Cave dann Mitte der Neunziger mit seiner Band Bad Seeds an dem Album MURDER BALLADS arbeitet, und sie auf der Suche nach künstlerischer Profilierung ist, oder auch mal ihre morbide Seite zeigen, oder einfach Neues ausprobieren will, da passt es.
Cave schickt ihr ein Demotape mit „Where The Wild Roses Grow“, dem schaurig-elegischen Duett zwischen dem Mädchen Elisa Day und seinem Mörder. Den Part, den später sie singen wird, singt auf dem Demo Blixa Bargeld. Der Frontmann der Einstürzenden Neubauten ist zu der Zeit Gitarrist der Bad Seeds. Kylie sagt sofort zu. Schaut man auf YouTube das Jools-Holland-Interview, in dem sie die Geschichte erzählt, will man sofort zurückspulen: Hat Kylie gerade wirklich „Blixa“ gesagt?
Kylies Management findet die Idee, dass ihr Star mit einer Horde australisch-Westberliner Düstermänner kooperieren will, erwartbar bizarr und karrieregefährdend. Kylie aber setzt sich durch. „Wir waren diese drogensüchtigen Monster, die mürrisch durchs Studio krochen, doch sie war fest entschlossen. Sie kam rein mit dieser wahnsinnigen Präsenz und sang den Song einfach wirklich schön“, erzählte Cave einst in einem Interview mit der US-Zeitung „The Mercury“.
Spätestens hier sind wir also bei jener Kylie angekommen, die sich nicht mehr reinreden lässt, die künstlerische Autonomie beansprucht und die, um Kontrolle über ihr Werk und Business zu bekommen, in den Neunzigerjahren eine eigene Firma gründet: Darenote Ltd. mit Sitz in London.
Kyliefizierung als Kunstform
Wobei Kontrolle haben für Kylie nicht zwangsweise bedeutet, dass sie bei der Umsetzung einer 360-Grad-Vision in sämtlichen Bereichen gleich aktiv sein und mitgestalten muss. Bei Beyoncé, Madonna oder Björk erwartet man geradezu, dass Musik, Lyrics, Grafikdesign, Kostüme, Choreografie und alles, was noch dazugehört, nahtlos ineinandergreifen, teils führen sie sogar selbst Regie bei ihren Videos und Visual Albums. Kylie ist keine solche Popkünstlerin mit Anspruch auf Meisterinnenschaft in jeder Disziplin.
Wenn man ehrlich ist, ist das einzig wirklich memorable Musikvideo, das es von ihr gibt, das in Barcelona gedrehte „Slow“-Video von 2003. Darin trägt sie ein halbtransparentes, von Nicolas Ghesquière designtes blaues Balenciaga-Minikleid, während die extrem langsam fahrende Kamera wie aus Drohnenperspektive eine herrlich schwüle Badehosen-, Muskel- und Sonnenstich-Atmosphäre auf dem Sonnendeck eines Freibads einfängt (Regie: Baillie Walsh). Kylie hat nur ein ikonisches Musikvideo? Das darf nicht zu dem Gedanken führen, sie sei keine vollumfängliche Popheldin.
Nicht alle müssen immer alles gleich gut können. Die Kunst liegt natürlich darin, sich auf genau das zu konzentrieren, was einen wirklich abhebt. Und das ist bei ihr nun mal diese herrlich hohe Kylie-Stimme und ihre Liebe zum Performen und Good-Vibes-Versprühen auf der Bühne. Außerdem: ihr Talent zum Aufgreifen und Widerspiegeln des musikalischen Zeitgeists.
Wer nicht viel Ahnung von Underground- und Clubmusik hat, oder überhaupt von Pop-Innovationen, wird beim Durchhören von Kylies Diskografie jedenfalls ganz gut auf den Stand gebracht. Der in Frankreich von Daft Punk, Etienne de Crécy oder Modjo erfundene und popularisierte Filter-House-Sound schlägt sich bei ihr in Hits wie „Love At First Sight“ (2001) nieder, und der Superohrwurm „Wow“ (2007) greift die Weiterentwicklung desselben Sounds auf, man hört aus ihm nämlich den krass durchgehäckselten Monster-Funk von Justice deutlich als Inspiration heraus („Wow“ wurde produziert von Adele-Produzent Greg Kurstin). Der kommerzielle Peak des Timbaland/Justin Timberlake-R’n’B-Sounds rund um das Jahr 2002 prägt bei ihr ein Jahr später den Song „Red Blooded Woman“.
Besagte Songs klingen nicht nach Derivaten, sondern, wenn man so will, nach gut überlegten Kyliefizierungen oder, anders gesagt: Es braucht schon diese ganz eigene Kylie-Coolness, um im Subtext nach der Maxime zu arbeiten: Mein Sound ist vielleicht nicht der Originellste, aber ich bin eben Kylie, das Original.
Der Brustkrebs und die Zeit danach
Wir können hier nicht enden, ohne über den Scheiß-Brustkrebs gesprochen zu haben. Als Kylie im Mai 2005 die Diagnose bekommt, muss sie ihre „Showgirl: The Greatest Hits“-Tour unterbrechen, um sich einer partiellen Mastektomie und einer sechsmonatigen Radio- und Chemotherapie zu unterziehen. Sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, ohne ein Geheimnis aus der Erkrankung zu machen. Sie will Awareness bezüglich Brustkrebs schaffen.
Eine ihrer ersten Unternehmungen, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist die Krebsstation des Royal Children’s Hospital in Melbourne zu besuchen, um den Kindern und Eltern dort Mut zuzusprechen. In Interviews erzählt sie, seit ihrer Gesundung empfinde sie noch mehr Leidenschaft für die Menschen und Dinge, die sie liebe. Der Krebs habe ihren Blick auf die Welt verändert, aber ihr Ziel sei im Grunde unverändert geblieben.
Wie merkt man das ihrem Werk an? Etwa daran, dass sie 2008 auf ihrer „Kylie X“-Tour auf einem riesigen, über der Bühne schwebenden, verspiegelt-glitzernden Totenkopf sitzt und singt, als wolle sie sagen: „Nimm das, Tod, meine Disco braucht mich noch!“
Auch übernimmt Kylie noch mehr Kontrolle über ihre Musik, sei es, indem sie inzwischen an jedem einzelnen Song mitschreibt und mittextet, sei es, indem sie seit einigen Jahren auch als „Vocal Engineer“ ihre eigenen Vocals aufnimmt. Ja, Kylie ist zur Produzentin ihrer eigenen ikonischen Stimme geworden.
Abgesehen davon hat sie heute keinerlei Problem mehr damit, auch ihre alten Hits zu singen, man könnte sagen: Sie hat sämtliche Phasen ihrer Karriere vollumfänglich integriert und vermittelt als sexy and self-determined Kylie from next door eine unfassbare Lebensfreude. Sprich: Wenn du zwischendurch mal eine Erinnerung daran brauchst, dass das Leben im Kern doch gut ist und dass niemand, trotz herber Rückschläge und Herausforderungen, seinen Optimismus und die Lust am Tanzen und Lieben verlieren muss, dann musst du Kylie hören.






