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Ai Weiwei im Interview: „Viele europäische Länder verraten schamlos ihre Werte“

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Am liebsten würde man Ai Weiwei ja fragen, wie er es geschafft hat, sich diese Immobilie unter den Nagel zu reißen. Unweit vom Alexanderplatz liegt sein Atelier, im riesigen Keller einer ehemaligen Brauerei, in dem nun seine Mitarbeiter herumwuseln und sich Kunstwerke und Kisten mit Material für noch mehr Kunstwerke stapeln. Früher lagerten hier Bierfässer, nun eben die weltweit gefragten Stücke des Chinesen, der seiner Regierung lange Jahre konsequent ans Bein pinkelte, dafür im Knast landete und anschließend Ausreiseverbot erhielt. 2015 bekam er seinen Pass zurück und flüchtete nach Berlin. Seitdem arbeitet er in diesen lächerlich großen, verwinkelten Katakomben und unterrichtet als Gastprofessor an der Universität der Künste.

Im November bringt Ai Weiwei das Projekt in die Kinos, das seit der Umsiedlung ins europäische Exil seine Gedanken bestimmt: „Human Flow“, einen Dokumentarfilm, in dem er sich mit Flüchtlingsströmen auseinandersetzt. Der Chinese war in der griechisch-mazedonischen Grenzstadt Idomeni, in Gaza und Mexiko und schickte Kamerateams in etliche andere Länder, um Stimmen von Flüchtlingen, Experten, Helfern einzuholen.

Szene aus „The Human Flow“

Das Projekt kommt eindeutig von Herzen, geht nah ran an die Betroffenen und wurde auf Filmfestivals gefeiert. Viel von dem, was man in „Human Flow“ sieht, ist überwältigend: Bilder, die sich erst zeigen, wenn das ZDF die Kameras schon wieder abgebaut hat. Trotzdem bleibt die Frage, was eine Doku, deren Thema sich seit dem Dreh mehrfach selbst überholt hat, zur aktuellen Flüchtlingsdebatte beitragen kann. Viel leider nicht.

Musikexpress: Glückwunsch zum Film, die Bilder sind sehr packend. Aber haben Sie nicht Angst, dass „Human Flow“ zu spät ins Kino kommt?
Ai Weiwei: Das macht mir schon Sorgen, und es tut mir leid, dass ich selbst eher spät reagiert habe. Aber ich habe erst sehr spät meinen Pass wiederbekommen, vorher konnte ich nicht aus China ausreisen. Schon davor habe ich aber zwei Assistenten losgeschickt, die dann im Irak gefilmt haben.

Sie durften China erst im Juli 2015 verlassen.

Ai Weiwei mit Musikexpress-Redakteur Daniel Krüger.

Zur Weihnachtszeit 2015 bin ich dann mit meiner Familie nach Lesbos gereist, Hunderttausende waren zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg nach Deutschland. Wir haben natürlich versucht, uns mit dem Film zu beeilen, der Dreh hat dann aber fast ein Jahr gedauert. Nun kommt er zwar spät ins Kino, aber zugleich auch wieder nicht: Schauen Sie nach Myanmar, wo mit den Rohingya wieder Menschen zu Flüchtlingen werden. Oder nach Afrika und in den Jemen. Der Film heißt „Human Flow“, wir reden also über einen menschlichen Zustand, der noch älter ist als das antike Griechenland.

Den Kern des Films macht die Flüchtlingskrise aus, die durch den Bürgerkrieg in Syrien losgetreten wurde. Schauen wir uns Deutschland heute an: Die Fronten in der Flüchtlingsfrage sind verhärtet. Wie überzeuge ich jemanden, der die Grenzen schließen will, sich für zehn Euro „Human Flow“ im Kino anzuschauen?
Gute Frage, ist aber auch sehr praktisch angelegt. Ich denke, jeder, der den Human Flow kritisiert oder hasst, muss auch dessen Geschichte kennen. Mein Film ist für Menschen, die Grenzen einreißen wollen, und für Menschen, die sie verteidigen wollen.

Würde es Ihnen nicht selbst besser gefallen, wenn der Film direkt auf YouTube erschiene? Da erreichen Sie doch viel mehr Leute.
Ich habe schon viel für YouTube gedreht. Mit dieser Doku haben wir größere Ambitionen. YouTube wird auf Smartphone-Bildschirmen geschaut. Das Kino ist in diesem Fall besser für die Wucht der Bilder.

„In China ist mein Leben in Gefahr“ – Ai Weiwei

Eine Sache hat mich an „Human Flow“ doch sehr gewundert: Der Film bietet gar keine Lösung für die Probleme an; ja, Sie scheinen noch nicht einmal an der Suche nach Lösungen interessiert zu sein.
Der „Human Flow“ gehört zur Natur der Menschen, dafür kann es gar keine Lösung geben. Nur für Konflikte, zum Beispiel für die in Syrien, Myanmar oder Afrika. Wir müssen anfangen, den Flow als Teil der Menschenwürde zu verstehen: als ein Recht darauf, sich seinen Platz auszusuchen und vor Gefahr zu fliehen.

Szene aus „Human Flow“

Sehen Sie sich selbst auch manchmal als eine Art Flüchtling?
(Lacht) Als Flüchtling nicht, nein. Aber ich wurde in einer Zeit geboren, als mein Vater im Exil leben musste.

Nach einer Haftstrafe und einem Ausreiseverbot kamen Sie vor zwei Jahren nach Europa.
Ich musste gehen. In China ist mein Leben in Gefahr.

Eben. Und wie viele Flüchtlinge kamen sie bestimmt mit Hoffnungen und Erwartungen nach Europa.
Ich kam ausschließlich der Sicherheit wegen. Ich habe früher schon in den USA und hier gelebt. Ich weiß, was und wie Europa ist. Da gab es keine Überraschungen.

Keine Überraschungen? Wirklich?
Überrascht wurde ich, als ich den Film gedreht habe. Diese Flüchtlingssituation hinterfragt Europas Positionen und die ihrer Politik. Ich hätte niemals geglaubt, dass so viele europäische Länder so schamlos ihre eigenen Werte verraten, ihren Blick abwenden und alle Taktiken nutzen, um Flüchtlinge abzuweisen. Jetzt habe ich verstanden, wie fragil diese humanitären Prinzipien sind. Und dass nur sehr wenige diese Prinzipien verteidigen.

Das Thema ist leider sehr kompliziert, Politik ist es sowieso.
Nicht wirklich. Politiker sagen „kompliziert“, um Menschen voneinander zu trennen und zu ihrem eigenen Vorteil. Europa hat noch keinen Politiker hervorgebracht, der eine starke, klare, philosophische Vision davon gehabt hätte, worum es bei Europa überhaupt geht. Und nach welcher Zukunft wir streben. Das ist ein Problem.

Sind Sie von Deutschland enttäuscht?
Deutschland hat entschieden, die Türen zu schließen und Leute von außerhalb für die Aufnahme von Flüchtlingen zu bezahlen …

Die Türkei …
Ich meine nicht nur die Türkei, auch andere Türen werden geschlossen. Afghanen werden in ein Kriegsgebiet zurückgeschickt. Natürlich hat Deutschland genügend Gründe für sein Handeln, aber ich finde, so was sollte einfach nicht passieren.

Flüchtlinge und der „Human Flow“ sind aktuell das Kernthema Ihrer Arbeiten, auch abseits der Dokumentation. Glauben Sie, dass Sie dieses Thema in Ihrer Kunst wieder verlassen werden?
Ich bin jetzt 60 Jahre alt, mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich will meine Fragen an meinen achtjährigen Sohn weitergeben, den ich in die Flüchtlings-Camps mitgenommen habe. Ich trage Verantwortung für diese Probleme, wenn ich meine Energie und Vision nicht damit teile. Ich kann mein Leben nicht davon trennen.

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Daniel Krüger
2017 Human Flow UG


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