Aidas Popkolumne: Bin ich ein Spießer? Sido Weihnachtsshow
Aida war bei Sidos Weihnachtsshow, hat bei „Carmen“ laut mitgerappt und sich gefragt, was eigentlich Familienentertainment ausmacht.
Pünktlich zu Nikolaus legte er los: Sido veranstaltet wieder Weihnachtsshows, eine Tradition, mit der er 2018 begonnen hat. Und im Spirit eigentlich seit Anbeginn seiner Karriere, never forget „Weihnachtssong“ vom Sampler „Aggro Ansang Nr. 3“ – mit dem die Weihnachtsshow natürlich eröffnet wurde. Ich war, muss ich zugeben, zum ersten Mal da, im Auftrag für eine andere Zeitung.
Ich gehöre zwar zur Generation Aggro Berlin und Generation Sido, aber wenn ich ehrlich bin: In meinen Teens hätte ich niemals zugegeben, Sido zu hören. Obwohl mir Freund:innen natürlich indizierte Songs auf CDs gebrannt haben und wir alle jede Zeile von „Endlich Wochenende“ auswendig mitrappen konnten. Und später? Ist er für mich über die Jahre mit Songs wie „Bilder im Kopf“ zum netten Mainstream-Onkel geworden, der wesentlich sympathischer gealtert ist als seine Weggefährten (was ich damit meine? Schaut euch „Zeiten ändern dich“ von Bushido und „Blutzbrüdaz“ mit Sido und B-Tight nacheinander an, dann wisst ihr schon). Ganz ehrlich: Ich hatte überraschend viel Spaß bei diesem Fiebertraum, sogar alleine und nüchtern mit meinem kleinen Notizblock in der Hand auf dem Rang.
Aber ich hatte keine Ahnung, dass Sido und seine Weihnachtsshows mittlerweile absolutes Familienentertainment sind. Der MC des Abends, ein Standup-Comedian, fragte gleich zu Beginn, wer denn der jüngste Besucher am ersten Abend der fünfzehn (!) angesetzten, ausverkauften (!) Shows sein würde. Antwort: ein Sechsjähriger. Und plötzlich fiel es mir auf: Überall um mich herum waren Eltern mit ihren oft sogar ziemlich kleinen, wahrscheinlich sogar noch jüngeren Kindern.
Geschenke für alle
Toll: Meine Eltern haben mich auf iranische Popkonzerte in Süddeutschland mitgenommen, als ich klein war, ich habe dann irgendwann immer in einem Jackenhaufen geschlafen. Sowas mit seinen Eltern zu erleben, ist eine tolle Sache. Seine Eltern befreit, losgelöst und beim Erleben von Kunst zu sehen, ist eine tolle Sache. Denn direkt mit der Erkenntnis, dass die jüngste Person im Raum sechs Jahre alt war, gingen bei der Weihnachtsshow die Witze darüber los, ob denn angesichts so junger Leute im Publikum der „A****f***song“ gespielt werden würde. Und das sollte den ganzen Abend nicht mehr abreißen, nicht vom MC und nicht von Sido selbst, der immer wieder Kinder auf die Bühne holte, die Gedichte vortrugen oder Weihnachtslieder sangen und dafür mit Merch, Schokolade oder sogar richtigen fetten Weihnachtsgeschenken belohnt wurden.
Und da muss ich mich selbst fragen: Bin ich ein totaler Spießer?
Denn ich geb’s zu: Das Ganze hat mich zutiefst irritiert. Ja, auch als jemand, die selbst sowas ganz lustig findet, die Fan von ziemlich, eh, transgressiver Musik ist, die gerne in Clubs tanzen geht, wo neben mir durchaus auch mal andere Dinge passieren können. Ich dachte, ich hätte alles gesehen, ich wäre superliberal und nichts irritiert oder wundert mich mehr. Aber: Kinder im Raum bei expliziten Lines über Analverkehr und Prostitution, da werde ich plötzlich doch anscheinend zum Klemmi.
Ist „Carmen“ wirklich age-appropriate?
Aber es ist ja so: gemeinsame Erlebnisse mit seinen Kindern haben? Toll. Kinder an die Musik heranführen, die einem selbst viel bedeutet? Toll. Aber sind „Strip für mich“ und mein ewiger heimlicher Fav „Carmen“ wirklich age-appropriate? Oder ist das eine total verspießerte Frage? Geht „A****f***song“ – der immerhin ganz zum Schluss als Zugabe gespielt wurde, der Raum war trotzdem noch voller Familien – wirklich an den Kindern vorbei, die das eh nicht richtig verstehen? Ich weiß es doch auch nicht. Freund:innen von mir mit Kindern diskutieren in meinen DMs hin und her, manche waren selbst mit ihren Kindern in vergangenen Jahren schon bei diesen Shows, haben ihnen dann bei Songs wie diesem die Ohren zugehalten oder was anderes vorgesungen. Aber machen das alle? Sah nicht so aus.
Vielleicht bin ich wirklich ein wenig verklemmt, denn wenn ich mich an mich selbst in dem Alter zurückerinnere, fällt mir ein, was wir auf dem Schulhof nachgesungen haben. Und das war eben nicht Rolf Zuckowski, sondern in den späten Neunzigern eher Tic Tac Toe. Meine erste Maxi-Single war „Leck mich am A, B, Zeh“, eine wütende, sehr, sehr explizite Abrechnung mit einem Typen, der kein Kondom benutzen will und ein leidenschaftliches Plädoyer für Safer Sex. Ich hatte mit sechs Jahren noch nicht wirklich eine Ahnung, was das alles bedeutete, mitgerappt mit diesem und all den anderen, ziemlich offenherzigen Tic-Tac-Toe-Songs haben ich und meine Freundinnen aber trotzdem in der Umkleide nach dem Sportunterricht.
Tic Tac Toe statt Rolf Zuckowski
Klar, inhaltlich schaue ich heute zurück und danke Tic Tac Toe von ganzem Herzen für die Message (stay safe, friends!), die dann doch etwas anders gelagert ist als „A****f***song“. Aber war das altersgerecht? Ziemlich sicher auch nicht.
Und ich denke zurück an die Neunziger und Nullerjahre im Allgemeinen, auch weil Thomas Gottschalk aufgrund einer Krebserkrankung gerade seinen Rückzug von der Bühne angekündigt hat (und direkt danach den Rückzug vom Rückzug). Denn das große Fernsehevent war für mich natürlich immer „Wetten, dass?“ mit Gottschalk. Und wer die letzten Monate nicht gerade unter einem Stein verbracht hat, hat wahrscheinlich die Diskussionen um seinen Umgang mit weiblichen Gästen im Studio mitbekommen. Er streitet heute öffentlich, entschieden und laut ab, jemals irgendwie übergriffig gewesen zu sein. Diverse Supercuts im Internet sprechen eine andere Sprache, die das damalige Verhalten aus heutiger Sicht als durchaus schwierig bis schmierig zeigen.
Ich frage mich aber: Was ist schlimmer? Die unhinterfragte Normalisierung sexistischen Verhaltens, nicht nur bei Gottschalk, sondern überall? Oder völlig überzeichnete Porno-Rap-Comedy wie bei Sido, eingebettet zwischen Mutmach-Songs, Balladen über die große Liebe und Geschenken? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Und wahrscheinlich geht es mich auch einfach gar nichts an. Aber trotzdem singe ich etwas leiser bei „Carmen“ mit, wenn Kinder daneben stehen. Call me a Spießer!






