Alle in einem Böötchen


Die Intrigen wurden vergessen, das Kriegsbeil begraben: Die Kölner Szene demonstriert einen Schul- terschluß, von dem andere Städte nur träumen. Auch wenn Brings, der vielversprechendste Sproß, von der Familie nichts wissen will.

Man stelle sich vor: Kölner Rockmusiker, Kamelle und Strüssjer werfend, auf einem eigenen Prunkwagen im Kölner Karneval. „Nit für Kooche“, werden BAP-Fans entgegnen, mit dem Hinweis auf Niedeckens Absage an das närrische Treiben von der LP „Vun Drinne Noh Drusse“. Doch Vorsicht! Im „Backes“, der Stammkneipe vieler Kölner Musiker, wird eine solche Unmöglichkeit derzeit heftig diskutiert — sei es unter dem Einfluß des frisch gezapften Obergärigen, sei es durch das musikalische Motto der kommenden Saison, das da lautet: „Symphonie in Doll“.

Für das Festtagskomitee wäre das die absolute Genugtuung: Niedecken, Engel und Co., mit der Pappnas auf, die Heimkehr der verlorenen Söhne als närrisches Ereignis. Doch bis dahin — wenn’s denn überhaupt dazu kommt — fließt noch viel Wasser den Rhein und viel Kölsch die Kehlen herunter.

Bereits jetzt jedoch mehren sich die Zeichen dafür, daß Köln die heimliche musikalische Hauptstadt der vereinten Republik ist. Trotz aller Unterschiede herrscht im verregneten Colonia ein freundliches Klima der Sympathie, das die Zusammenarbeit kölscher Musiker möglich macht.

Einige Beispiele: Zusammen mit Mike Herting produziert Niedekken die „Solo Plaat“, um die ins Stocken geratene Karriere des Jürgen Zeltinger (alias „de Plaat“) wieder flott zu kriegen. Thomas Richard Engel, Frontmann der Black Fööss, fraternisiert mit Schandmaul Arno Steffen und Multitalent Rolf Lammers unter dem Kürzel L.S.E. Volksschauspielerin Trude Herr — auf der LSE-Scheibe hat man „Trudi“ ein klingendes Denkmal gesetzt — hatte zu Lebzeiten und anläßlich ihres letzten Studioprojektes prominente Chorknaben: Wolfgang N. und Tommy E. aus K. Senior Millowitsch brummelt im Kreis der „Höhner“‚ und stellt sein Theater alljährlich den Black Fööss zur Verfügung, die — so nachzuhören auf der Doppel-CD „Black Fööss & Fründe“ mit Niedecken und Major BAP- und Beatles-Material zum Besten geben. Hellhekker leiht sich für seine Solo-Premiere „Strange Sex“ den Bagdad Babies-Sänger Tobias Stachelhaus. Engel-Filius Kai steigt als Keyboarder bei Brings (siehe weiter hinten) ein, die von BAP’s Klaus „Major“

Heuser produziert werden. Als Produzent verschafft Steffen der nicht ganz so kommerziellen „A-Jugend“ ein Klangforum mit seinem „Lauter Köln“-Sampler.

Alles erscheint möglich: der musikalische Schulterschluß im Schatten des Domes ebenso wie wortgewaltige Abgrenzungsversuche. Dem Zuhörer präsentiert sich sicherlich keine einheitliche „Szene“. Solche von Zeit zu Zeit ausgegebenen Parolen (mal war’s Hamburg, dann Berlin…) gehörten stets in den Bereich der Legendenbildung. Dennoch ist folgendes festzuhalten: In der „Musiker- und Bauernstadt“ (so das Emblem auf Niedeckens Soloscheibe „Schlagzeiten“) hat sich eine Zusammengehörigkeit entwikkelt, die durchaus vorbildlich genannt werden darf.

„Du weißt ja noch“, erinnert mich Niedecken, als ich wegen des Fototermines anrufe, „wann das in der heutigen Form angefangen hat?“

Ja, bei der „Schlagzeiten“-Produktion. 1987, in der BAP-losen Interimsperiode, trafen sich im EMI-Studio Musiker, die sich sonst nicht mit dem Arsch angeguckt hätten: ein Paradiesvogel wie Dominik von Senger (Ex-Phantomband) musizierte mit Tommy Engel, die ¿

Toten Hosen schauten vorbei, mit Klaus dem Geiger hatte man gar einen Straßenmusiker engagiert, Paul Kuhn hatte das Vergnügen mit Zeltinger. Letzterer war — eigentlich ohne erklärte Absicht — schon Ende der Siebziger eine Integrationsfigur der im „Roxy“ beheimateten „Scene“. Was als Weibeiiastnachts-Gag anfing, endete als legendäres Live-Debüt von Zeltinger und begründete, den bald auch bundesweit berühmtberüchtigten „Asi-Rock“.

Auf der berühmten ersten Seite dieser LP („Live im Roxy“) trommelte Jaki Liebezeit (Can, Phantomband u.a.); es spielten Peter Gramen (g) Ralph „Roxon“ Engelbrecht (g) und Norbert „Sugar“ Zucker (b), Arno Steffen schrieb die Texte für die kölschen Ramones-Cover („Müngersdorfer Stadion“), Conny Plank hatte als weitsichtiger Produzent sofort gewittert, daß sich da im Alkoholdunst des „Roxy“ etwas Neues aus dem Alten entwickelte; Fotograf Herman Schulte war dazu verdonnert worden, am 8-Spur-Mixer zu sitzen. „Weil es zu laut war, kamen dreimal die Bullen. “ Wohl durch den Einfluß von Plank spielte ein Holger Czukay dann Waldhorn auf der zweiten Zeltinger-Seite „Schleimig“.

Woran man leicht ersehen kann, daß es in der Musikerstadt Köln schon früher zu merkwürdigen Begegnungen gekommen ist. „Beim Abschlußkonzert der Schweden“, erinnert sich Verleger Karl Heinz Pütz, „waren 50 Musiker auf und 2500 vor der Bühne.“ Das mag zwar eine dieser liebenswerten kölschen Übertreibungen sein, aber im Kern trifft ’s den Nagel auf den Kopf. Musikantentum wurde in der Stadt am Rhein stets gepflegt. Schon seit altersher: Bänkellieder, vorgetragen von den sogenannten „Kräzzjens-Sängern“, waren im Reportagestil vertonte Alltagsgeschichten. Die Musikerzunft war in einer Stadt mit zahlreichen Festen noch angesehen. Die sprichwörtlich Rheinische Frohnatur hatte logischerweise stets ein großes Herz für ihre Sanger. Zwei der vier kölschen K — Kunst. Kirche, Kneipe, Karneval — sorgten zudem für ausreichende Beschäftigung. Der Schicksalsstrom („Wer hat den Vater Rhein in seinem Bett gesehen?“) warf die entsprechenden Bilder ab — so wie die Seele für die Hamburger Shanties und die Berge für die Münchner. Mit Willi Ostermann, sein Repertoire umfaßt gut 1700 Songtitel, wurden populäre Sänger salonfähig. Ostermann stand Pate für „Stänekränk“, ein Lied von LSE.

Schiffe der weißen Rheinflotte sind nach ihm benannt. Er ist — nicht nur in Köln — allgegenwärtig. Die Rheinische Musikakademie, die Musikhochschule, das Wirken von modernen Komponisten wie Mauricio Kagel und Karl-Heinz Stockhausen verliehen der Musik-Stadt Köln internationales Profil.

Diese Linie wurde von Can fortgesetzt — gegründet von Stockhausen-Schülern und wohl die erste Combo mit Strahlkraft ins Ausland. Vielen britischen Musikern galt Can als stilistischer Wegweiser.

Die Statistik untermauert die These von der musikalischen Hauptstadt Köln: 600 aktive Rockbands, 14 Clubs, darunter drei für den Jazz-Bereich, 20 weitere Veranstaltungsstätten, fünf Nachwuchswettbewerbe („Six Pack“, „Rheinwellen“, „Vor’m Tor“…), das hoffentlich in Serie gehende „Kölner Gipfeltreffen“, einen Rock-Beirat und den „Leiter des Referats für Popularmusik beim Kulturamt der Stadt Köln“, Manfred Post. Ihm gelang es nicht nur, die „Pop Komm“ nach Köln zu holen, die in drei Jahren zur drittgrößten Musik-Messe der Welt avanciert ist.

Nach dem Dafürhalten von Szenekennern ist es dem rührigen Manfred Post zu verdanken, daß eine „Politik aus der Szene heraus gemacht wird“. Zwar muß auch der Kölner Rock-Referent mit einer vergleichsweise lächerlichen Surrune auskommen, aber er ist Teil der Szene, die er fördert. Glaubwürdig nicht zuletzt deshalb, weil er mit den Herren Musikern an einer Theke steht.

Daß es zwei sogenannte „Major“-Plattenfirmen in Köln gibt, hat sich wohl herumgesprochen: Die Phonogram verpflichtete Can und legte deren letztes Album auf. Auch Rausch gehören zu ihrem Künstlerstamm. Daß die Zeltinger Band einst und jetzt aktuell auch The Piano Has Been Drinking bei der Münchner BMG Ariola unterkamen, ist die Ausnahme von der RegeL Erste

Adresse des kölnstämmigen Klientel ist jedoch zweifelsohne die Electrola: Black Fööss, BAR Brinas. Purple Schulz. Wolf Maahn, Axel Heilhekker und LSE sind ausnahmslos bei dieser Firma unter Vertrag. Nicht von ungefähr: in manchen besonders kölschen Fällen haben die Musiker einen Verbündeten in der Chefetage. Geschäftsführer Helmut Fest, in den 60er Jahren mal Schlagzeuger bei den Kölner Bands „Craw Daddies“ und „Incrowd“. gab z.B. LSE grünes Licht, obwohl er nur wenige Demos gehört hatte.

Doch im Chor der Freude und „Friinde“ (Freunde) wollen längst nicht alle mitsingen. Rausch, im vergangenen Monat MÜV-Gewinner mit ihrem dritten Album „Good Luck“, gehören zur englisch singenden Internationale. „Wir stehen eher“, so Manager Paul Grau, „in der Tradition von Can, die im Ausland erfolgreich waren. Mit der Kölsch-Fraktion haben wir in aller Freundschaft wenig zu tun. “ Aber selbst ein waschechter Kölner Jung wie Arno Steffen — Texter des Gassenhauers „Müngersdorfer Stadion“, Wegbereiter des frühen Zeltinger-Ruhmes und durch LSE mitten drin — verwehrt sich gegen eine Vereinnahmung. „Von BAP“, so sagt er, „kenne ich unreinen einzigen Titel, und das ist .Kristutmuich‘. “ Ein anderer — prominenterer —“.Kölner“ kennt noch nicht einmal Niedeckens Namen: Herbert Grönemeyer. Mitte der 80er von Bochum an den Dom gezogen, ist bis heute nicht mit Kölnisch Wasser gewaschen. Herbert, nicht nur Niedekkens Intim-Feind, suchte und fand nie den Familienanschluß. Es wird gemunkelt, daß er sich nicht zuletzt deshalb unlängst eine Villa im Hamburger Schnösel-Ghetto Blankenese gekauft haben soll.

Und auch die A-Jugend, wiewohl Kölsch bis ins Mark, will sich abgrenzen. Was künstlerische Heimal sein könnte, erscheint den Jungen wie tödliche Umarmung. Peter Brings bringt’s in Rage, wenn sie in der lokalen Presse als die „kleinen Niedeckens“ bezeichnet werden. „Friinde, Friinde — das ist doch alles Geschwafel — geh jedem von denen ein Messer und die stechen sich ab!“

Nun. wenn es keine Szene gibt, dann hat man in Köln zumindest eine überaus aktive Musiker-Gilde. Und — wie Niedecken lachend feststellt — sogar ein Wort für das. was die Kölner Musikwelt im innersten zusammenhält: Klüngel.