„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 12: Fünf Finger sind… So faszinierend ist Fausts Krautrock

von
Jan Müller
Jan Müller

In meinem Geburtsjahr 1971 erschien das unbetitelte Debütalbum der Band Faust. Zu diesem habe ich ein ganz besonderes Verhältnis, denn es befand sich in der Schallplattensammlung meiner Eltern. Diese war nicht sonderlich groß, und allein schon deswegen fiel es meinem Bruder und mir bald auf. Die optischen Merkmale des Tonträgers taten ihr Übriges: Cover und Beiblatt sind auf transparente Folie gedruckt. Auch der Tonträger selbst ist durchsichtig, bis auf das silberne Etikett. Auf das Albumcover ist in Schwarz der Bandname und eine Röntgenfaust gedruckt. Die Schrift des Beiblatts ist rot. Dieses Artwork ist klar im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist außerdem formvollendet und strahlt etwas Bedrohliches aus.

Natürlich wollten wir damals als Kinder erfahren, was sich hinter dieser Aufmachung für Musik verbirgt. Wir wurden nicht enttäuscht. Wir liebten es, diese Platte zu hören, laut zu hören und zu entdecken. Und sie hat meinen Glauben daran, dass die Kunst frei ist, sehr geprägt. Scheinbar gewährt die Musik dem kindlichen Ohr den Durchblick, den die transparente Aufmachung verspricht. Dies hängt vielleicht auch mit der kindlichen Fantasie zusammen, die viel auszugleichen in der Lage ist, was an Verständnis und Wissen noch nicht entwickelt ist.

Fausts unbetiteltes Debüt hat alles, was ein gutes Album braucht

Ohnehin hat dieses Album von Faust alles, was ein gutes Album braucht. Die drei langen Tracks klingen fantastisch, sie sind ungemein abwechslungsreich, sie wecken die Neugier und es gibt sogar Melodien. Eigentümliche Melodien, aber eben doch Melodien. Fausts CLEAR, wie das Album heute heißt, floppte – kommerziell betrachtet – phänomenal. Das erwachsene Publikum jener Tage war anscheinend nicht bereit für eine Band, die so frei und fern jeglicher Konvention arbeitete. Die konservative Hörerschaft aus E- und U-Musik kam ohnehin nicht infrage und diejenigen, die neuen Klängen zugeneigter waren, schienen sich entweder auf Bands mit akademischem Hintergrund wie z.B. Can oder, dem Zeitgeist gemäß, esoterisch angehauchte Wohlfühlmusik zu fokussieren.

Faust galten sogar mancherorts als Dünnbrettbohrer. Kein Vorwurf hätte ungerechtfertigter sein können. Im Grunde ist es ohnehin ein Wunder, dass das aus Hans Joachim Irmler, Jean-Hervé Péron, Werner Diermaier, Rudolf Sosna und Arnulf Meifert bestehende Sextett bei dem tradierten Konzern Polydor unter Vertrag geriet. Zu verdanken ist dies Uwe Nettelbeck, dem Produzenten und Manager der Band. Er muss über eine betörende Überzeugungskraft verfügt haben. Anders lässt sich nicht erklären, dass es ihm gelang, Faust mit dem avantgardistisch-collagenhaften Demo-Track „Lieber Herr Deutschland“ einen hochdotierten Vertrag zu verschaffen.

Abgesehen von „gelegentlichen Orgien“ arbeiteten sie ernsthaft und konzentriert

Die Vereinbarung mit Polydor umfasste erstaunlicherweise auch, dass die Band Faust (die sich aus zwei Vorgängerformationen gerade erst zusammengefunden hatte) zunächst ein Jahr lang zu sich selbst finden durfte, ehe sie Aufnahmen abzuliefern hatte. Faust taten dies in einer stillgelegten Dorfschule der winzigen Ortschaft Wümme im Landkreis Harburg, wo sie zum Erstaunen der Dorfbewohner oftmals nackt über das Gelände liefen. Aber trotzdem arbeiteten sie ernsthaft und konzentriert. Abgesehen von „gelegentlichen Orgien“, wie Péron erläutert. Gemeinsam mit Kurt Graupner, dem Engineer, nahmen sie rund um die Uhr auf. Graupner baute das Studio Faust-passgerecht auf und entwickelte unter anderem bahnbrechende Multi-Effektgeräte.

Faust veröffentlichten mit SO FAR noch ein zweites Album bei Polydor. Dann war das Verständnis der Plattenfirma erschöpft. Nettelbeck gelang es dann jedoch, Faust bei dem jungen britischen Virgin-Label unterzubringen. Die Band siedelte nach London über und veröffentlichte zwei weitere Alben. Vor allem Faust IV ist unbedingt zu empfehlen. Es enthält wunderbare Titel wie „Jennifer“, „The Sad Skinhead“ und außerdem den grandiosen Opener „Krautrock“; die Wiederaneignung einer Fremdbezeichnung und ein grandioses Stück Musik.

Im Jahr 1975 verstreute es Faust in alle Winde. Doch sie sind seit den 1990er-Jahren wieder aktiv. In mehreren unterschiedlichen Formationen. Faust zu hören, lohnt sich so oder so. Ich empfehle die jüngst beim Label Büro B erschienene Box FAUST 1971–1974. Außerdem erzählt Jean-Hervé Péron im meinem Podcast „Reflektor“ aus seinem Leben mit Faust. Fünf Finger sind eine Faust: Energie, Kraft, Humor, Geist und Leidenschaft.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 02/2022.


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