Interview

An der Bar: Sophia Kennedy über Schnaps, Karaoke und Trüffelsuche

Es ist einer dieser ersten Abende im Jahr, an denen die Stadt nicht friert. Anlass genug, um mit Sophia Kennedy so lange draußen zu sitzen, bis alle Shades of Sonnenuntergang durchgespielt sind. Vom Peter Schlemihl aus schauen wir auf den Berliner Chamissoplatz, trinken Wein, Zigaretten werden entzündet.

ME: Wenn deine Musik ein Cocktail wäre – was wäre drin?

Sophia Kennedy: Ich kenne mich nicht aus mit Cocktails, deshalb würde ich sagen: eher ein Schnaps. Herb. Mit Salzrand. Und diesen wundervoll schrecklichen Fake-Kirschen. Übrigens: Ich habe noch nie in einem Interview Alkohol getrunken.

Wirklich? Bei mir zeigt das ja schnell Wirkung. Wie ist es bei dir?

Schon auch. Aber wir müssen keine drei Flaschen kippen. Einfach was essen dazu.

Deal. Lieber Rot- oder Weißwein?

Rot finde ich zu krass. Lieber weiß. Grauburgunder.

Prost! Und hier die Karte.

Am Ende ist alles lecker. Ich bin fürs Viererlei, die Salat-Kombi.

Bist du Essenskennerin?

Ich schaue extrem viele Kochshows – vor allem Wettbewerbe. Das ist der Eskapismus von meinem eigenen Beruf. Ich esse alles sehr gern, außer Käse. Ansonsten bin ich kein picky eater und deshalb auch beim Viererlei dabei.

Bodenständig. Hast du ein bestimmtes Bild von dir im Kopf, das du nach außen transportieren willst?

Ein klares Image interessiert mich nicht. Zum Leidwesen der Marketingabteilung. Gleichzeitig interessiere ich mich für bestimmte Bilder und Klischees und habe Spaß an der Performance. Natürlich treffe ich sehr bewusst ästhetische Entscheidungen. Und dabei – in Momenten wie diesen, in denen ich hier sitze und rauche – denke ich, dass ich vielleicht Gefahr laufe, „die Rauchende“ zu sein. Vorhin habe ich mich sogar umgezogen, um auszusehen wie die Person, die diese Songs singt. So weit geht es also doch! Am Ende des Tages sind Image-Fragen sehr lustig, finde ich.

Siehst du immer auch das Gute in Dingen?

Überhaupt nicht. Meine Einstellung ist negativ, ich bin dabei aber oft sehr gut gelaunt.

Deine Musik transportiert für mich Vertrautes, aber nicht ohne Weirdness-Faktor. Was war der schrägste Sound, den du je aufgenommen hast?

Ich bin nicht der Typ, der mit einem Mikrofon am Bahngleis steht und das Quietschen eines Zuges aufnimmt, um es später zu verzerren. Trotzdem interessiert mich das Abwegige. Entweder habe ich eine klare Vision, die sofort umgesetzt werden muss, bevor sie mir entwischt, oder ich drücke wahllos auf irgendwelchen Geräten herum und schaue, was passiert. Am liebsten sitze ich am Klavier oder an Synthesizern, verdrehe irgendwelche Samples und Sounds und suche dort nach einer Art Verfremdung. Für mich ist das Vertraute eine Art Basis, um aus dieser Sicherheit heraus wieder alles quer über das Feld zu schleudern.

Du willst dich nicht festlegen lassen, oder?

Ich habe ein Problem damit, wenn es kein Geheimnis gibt, wenn nichts auch nur ein bisschen wackelt. Ich fürchte mich vor zu viel Seriosität in Musik. Es geht mir auch um eine Art Witz, aber die Dinge, die ich behaupte, trage ich mit größter Ernsthaftigkeit vor. Musik, die bis zum Ende auf den Punkt feingeschliffen und poliert ist, kann genauso nerven wie der ewige Dilettantismus.

Gibt es Situationen, in denen du Alkohol bewusst meidest?

Alkohol ist grundsätzlich zu vermeiden. Aber ich lebe nicht nach diesem Vorsatz. Früher gehörte das Trinken auf der Bühne dazu. Heute mache ich das kaum noch. Es macht mich zu nervös. Ich bin sowieso schon neurotisch genug. Man muss sein Limit kennen.

Kenn dein Limit – war das nicht mal eine Kampagne? Klingt aber auch nach Autobahnschild.

Ich kann kein Auto fahren, ich habe eine Links-rechts-Schwäche. Autofahren wäre mein Tod, ich würde das keine Woche überleben. Ich arbeite auch als Fußgänger viel mit Google Maps und vertraue der App blind, selbst wenn sie mich drei Mal im Kreis laufen lässt. Aber vielleicht wäre es eine schöne Herausforderung und ich hole den Führerschein irgendwann doch noch nach. Wobei – ich würde viel lieber Trüffel suchen.

Wie kommst du darauf?

Ich habe eine Doku gesehen – jemand mit Hunden und Trüffelschweinen im Wald. Das hatte etwas von Schatzsuche. Das könnte mich entspannen.

Du hast an mehreren Orten gelebt. Gibt es Unterschiede im Ausgehverhalten?

Ich bin zwar in den USA geboren, aber diese Barkultur ist für mich etwas sehr Europäisches. Selbst in vermeintlich tristen Städten – Hannover zum Beispiel, das ist wirklich nicht mehr zu retten – kann man tolle Leute treffen. Ich bin nach einem Konzert mal in einer Karaoke-Bar gelandet und hatte einen großartigen Abend.

Du bist für Karaoke zu gewinnen?

Warum auch nicht. Für viele Leute ist Karaoke der „Ich trau mich jetzt zu singen“-Moment – mich kostet es fast noch mehr Überwindung, da das Singen mein Beruf ist. Es ist kompliziert!

Wie wäre es, wenn jemand einen Song von dir covert?

Das würde mich zu Tränen rühren. Das ist doch die größte Wertschätzung.

Auch wenn etwas komplett anderes daraus wird?

Gerade dann! Das ist sogar erwünscht.

An deinem Ego ist nicht leicht zu kratzen, oder?

Natürlich habe ich ein Ego. Aber sobald ein Song draußen in der Welt ist, gehört er nicht mehr nur mir, sondern allen. Es gibt Grenzen – Donald Trump zum Beispiel wäre davon ausgeschlossen. Aber grundsätzlich veröffentlicht man Musik, um ein Teil der Welt zu sein.

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Mehr zu Sophia Kennedy

Die aus Baltimore stammende und nach Hamburg übergesiedelte Sophia Kennedy veröffentlichte 2017 ihr selbstbetiteltes Debüt. Sie verwebt Smart-Pop, Chanson und experimentelle Elektronik zu einem cineastischen, eigenwilligen Sound. 2025 erschien ihre jüngste Platte SQUEEZE ME, erneut geprägt von der Zusammenarbeit mit Mense Reents. Mit der Doppel-Single „Schenke mir ein / Musik ist kein Krieg“ brachte Kennedy 2026 erstmals eigene Songs auf Deutsch heraus, nachdem sie zuvor bereits mit DJ Koze deutschsprachig gearbeitet hatte.

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