Attacke Azteka: Airen lauscht den Trovas

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Zur Abwechslung mal wieder was ordentliches. Trova, das kann man vielleicht mit Singer/Songwriter-Musik übersetzen. Meist ein langhaariger Mann mittleren Alters, der mit einer verhallten Halbakustik-Gitarre allein auf der Bühne sitzt und politisch korrekte Lieder zum Besten gibt. Keine Ironie: In einem Land, das von schmierigen Telenovelas und bunten Zeitungen in einem hirntoten Zustand des passiven Ertragens gehalten wird, ist politische Korrektness auf jeden Fall ein wünschenswerter Fortschritt. Politisches Bewusstsein ist eine Seltenheit in Mexiko, Stimmen werden hier gekauft, 500 Pesos wenn man am Wahltag seinen Ausweis abgibt, das ist Standard und wird weithin angenommen.

Gehört wird diese Musik dann auch vom Bildungsbürgertum, von jungen Studenten und alten Revoluzzern. 68, das was sich bei uns ausleben und verwirklichen konnte und heute vielleicht auch ein bisschen langweilt, dieser neue Geist und der Ruf nach Freiheit und Liebe in der Politik, das alles wurde in Mexiko an einem Nachmittag im Oktober 1968 mit einem Schlag beendet: 250 Studenten wurden damals auf einer Kundgebung in einem Neubauviertel von Mexiko City von Scharfschützen der Regierung erschossen. Eine militärische Aktion, Hubschrauber gegen die eigene Jugend, das Massaker von Tlatelolco. Dann war erst mal eine Weile Ruhe.

Heute wäre so etwas in Mexiko nicht mehr möglich. Aber wir sind noch immer in einem Land, in dem die Medien lieber Fotos von fotogenen Unfallleichen veröffentlichen und über den Beziehungsklatsch von Celebrities berichten, wo politische Nachrichten das Volk kaum erreichen, und im Grunde auch nicht interessieren.

In einem Land, in dem die meisten ums pure Überleben kämpfen, mit Polizisten, die sich für ein Mittagessen kaufen lassen und nicht zuletzt mit einem Nachbarland, das mit politischer und ökonomischer Arroganz die Geschicke Mexikos zum eigenen Vorteil lenkt, da hat diese Musik Relevanz.

Dann sitzt in einer Stadthalle der alte Wolf und reitet auf den Missständen rum, und das hat in diesem Land noch etwas Befreiendes. Der Kampf gegen eingefahrene Zustände hat hier noch seine Berechtigung, und so hören die Leute auch zu, wenn es zwischen den Songs eine Zwischenansage des Sängers gibt, und Anekdoten aus dem Leben eines Aufrechten im korrupten System erzählt werden. Der Konzertbesuch  wird zum revolutionären Akt. Es ist vielleicht so ein bisschen der Spirit, der bei einem Konstantin Wecker – Konzert im Strauß-Bayern der 70er abging.

Die Musik ist Blues, Folk, Chanson – ziemliche westliche Sachen eigentlich, aber das wichtige sind die Worte. Das Gute und Rechtschaffene im Menschen, die Furchtlosigkeit vor den Autoritäten – bei uns schmunzelt man darüber, aber in Mexiko braucht man ab und zu jemanden, der daran erinnert.


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