Babyshambles: So waren Pete Doherty & Co. live im Berliner „Huxleys Neue Welt“

„Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser“, rezitiert Peter Doherty in exzellentem Deutsch aus einer Reclam-Ausgabe von Dostojewskis „Weiße Nächte. Eine Liebesgeschichte“, als er am 28. Januar 2014 im Berliner Huxleys Neue Welt auftritt. Ein Zuschauer hatte das Heft zuvor auf die Bühne geschmissen, Doherty es noch während eines Songs aufgehoben, damit herumgewedelt und darin geblättert.

Der Babyshambles-Sänger ist mittlerweile 34 Jahre alt und es ruhiger um ihn geworden. Den Rockstar, der lange Zeit die Schlagzeilen der Boulevardpresse bestimmte, mimt er nur noch selten, von neuen Exzessen und Skandalen hört man genauso wenig. Es heißt sogar, dass er die Schulden bei der Berliner Polizei aufgrund eines Vorfalls in einer Kreuzberger Kneipe im Jahr 2009 immer noch pünktlich in Raten abzahle. Und auch das neue Werk SEQUEL TO THE PREQUEL wurde hochgelobt. Doch dass der stetig als Drogenjunkie verschrieene Musiker damit auch sein Leben in den Griff bekommen hat, das scheint ein Trugschluss zu sein – falls man das überhaupt glauben wollte.

Beim Babyshambles-Konzert in Berlin wirkt der ehemalige The-Libertines-Sänger wie gerade aus dem Bett gefallen, als er nach einer Stunde Wartezeit mit seiner vierköpfigen Live-Band die Bühne betritt. Mit kurzärmligem Matrosenshirt und zerzausten Haaren hängt ihm der Gürtel bis nach unten, stolpert und wankt er über die Bühne, verliert jedoch nicht das Gleichgewicht. Müde erscheint er nach dem Vortags-Gig in der Kölner Live Music Hall, Bassist Drew McConnell und Gitarrist Mick Whitnall sprechen ihm immer wieder zu, wenn Doherty sich mehrmals, den Kopf nach unten gebeugt, auf den Boden hockt.

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Ironie des Schicksals, dass es gleichzeitig die Momente sind, die in Pete Doherty wieder so etwas wie Energie aufkeimen lassen, er mit seinem Becher der Menge zuprostet, sich mit dem Arm auf dem Rücken verrenkt und fragt: „Berlin! Was ist los?“ Und wenn er dann seine Stimme anhebt für Songs wie „Delivery“, „Nothing Comes To Nothing“, „Fall From Grace“ oder „Maybelline“ – dann blitzt ruckartig wieder das Genie Doherty, dieser begnadete Songwriter, in ihm hervor. Die Band unterstützt ihn dabei solide, ist gut aufeinander eingestimmt und musikalisch betrachtet ist das Konzert beileibe nicht schlecht.

Doch – Peter Doherty, wie er nun heißen will, scheint sich an diesem Abend eher für Nebensächlichkeiten zu interessieren. Für den angesprochenen Roman-Klassiker. Für die Zigaretten. Und für das Mikrofon, dass er immer wieder um sich kreisen lässt. Die Roadies legen ihm behutsam die Gitarre um den Körper, räumen alles um ihn herum auf, was er auf seinen Laufwegen über die Bühne fallen lässt oder mit dem Fuß wegkickt.

Man mag es Voyeurismus nennen, mit dem man jeden einzelnen Schritt des Babyshambles-Sängers begutachtet, vielleicht auch Sensationsgier, aber vielleicht ist es einfach auch nur der Wunsch, endlich einen gefestigten Doherty zu erleben.

Gefragt bei den Zuschauern ist Pete Doherty jedenfalls nach wie vor, die Halle ist ausverkauft. Und als er vor der Zugabe für 20 Minuten hinter den Kulissen verschwindet, geht fast keiner, sondern jubeln viele, als er schließlich für die Stücke „Stone Me“ und „Fuck Forever“ noch einmal die Stage entert und schließlich in Rock-And-Roll-Manier das Mikrofon über die Stahlgitter-Konstruktion über seinem Kopf wirft. Babyshambles live 2014 in Berlin – stellenweise eben doch eine irgendwie „wundervolle Nacht“.

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