Ballett für die Massen: Queens „Bohemian Rhapsody“ ist alles, was man über die Band wissen muss


Easy come, easy go – a little high, a little low: An der Schnittstelle von Glam, Heavy, Art und Prog liegen Queen mit einem Sound, der sich überall bedient und doch ganz der ihre ist. Aber da ist ein Song, der heraussticht: Er ist die Blaupause, die die ganze Geschichte erzählen kann. „Bohemian Rhapsody“ ist alles, worum es Queen als Gruppe geht, was man über Queen als Gruppe wissen muss.

Erstmals spielen Queen keine Musik aus der Vergangenheit, erstmals spielt Mercury keine Rolle, das Ballett von einst ist jetzt Bodymusic und schwitzt, lässt das Make-up verlaufen. Und bedingt den Irrläufer HOT SPACE mit seinen bemühten Clubsounds ebenso wie die Neudefinition als Arenarock-Hitlieferanten, die sich in der MTV-Ära einrichtet als Nachlassverwalter des eigenen Soundmuseums. 1979 hatte Dave Marsh sich mit seiner Rezension von JAZZ im „Rolling Stone“ den Zorn der Fans eingehandelt mit seiner Beobachtung, Queen seien die „erste wahrhaft faschistische Rockband“ . 1984 geben sie ihm recht mit ihrem Video zu „Radio Ga Ga“, das Szenen aus Fritz Langs problematischem Stummfilm „Metropolis“ zeigt, den man auch als protofaschistisches Statement lesen kann. Und Queen lassen die Massen im Rhythmus dazu klatschen.

I need no sympathy …

Vielleicht verstehen wir Queen auch einfach nicht richtig, vielleicht lesen wir die Zeichen auch falsch. Niemand schätzte die künstlerischen Meriten von Queen nüchterner ein als Freddie Mercury selbst. In einem seiner seltenen Interviews sagte er zu Beginn der 80er-Jahre: „Meine Lieder sind wie Einwegrasierer. Sie machen Spaß, sie sind modern, und wenn man sie ein paar Mal gehört hat, reicht es. Wunderbarer Wegwerf-Pop.“

Okay, spielen wir das Spiel mit. Und werfen einen anderen Blick auf die Musik und Mercury. Das mag ungerecht sein, weil die Rolle der drei anderen Musiker in der Band unter den Tisch gekehrt wird. Deshalb sei betont, dass aus Farrokh Bulsara niemals der weltberühmte Freddie Mercury hätte werden können, wenn da nicht Brian May gewesen wäre mit seinem einzigartig singenden Gitarrenspiel, Roger Taylor mit seinem propulsiven Drumming und John Dea- con mit seinem erdenden Bassspiel, jeder Einzelne von ihnen selbst ein versierter Songwriter. Aber Queen, das ist Freddie Mercury. Von ihm stammt der Name, er entwarf die Logos und Signets, und er setzte die kompositorischen Akzente. Und von ihm stammt die „ Bohemian Rhapsody“, ein Song, von dem er selbst sagte, dass sein kryptischer Text keinen Sinn ergibt. Wegwerf-Pop, der sich bewegt, wie der Wind bläst, easy come easy go, a little high, a little low. Was ja, wenn man es genauer betrachtet, auf alle Musik von Queen zutrifft, die bei aller Eingängigkeit unnahbar bleibt, distanziert und immer betont uneindeutig.

Mercury liebt Gegensätze und Spannungsfelder. Es ist seine Idee, QUEEN II in eine schwarze und eine weiße Seite aufzuteilen. Er trägt zu dieser Zeit auf der Bühne einen Ballettanzug mit Schachmusterdruck. Er stellt in Texten Chruschtschow und Kennedy gegenüber, Schießpulver und Gelatine, singt „You say black, I say white“ oder „You say Lord, I say Christ“ und beschreibt die „Killer Queen“ als Schmusekätzchen, das auch die Krallen ausfahren kann. Klare Ansagen sind Mercurys Ding nicht. Seinen Namen hat er nicht von ungefähr gewählt: Er bezieht sich auf den römischen Gott der Händler und Diebe, den Planeten und das chemische Element Quecksilber. Das Adjektiv „mer- curial“ bedeutet aber auch launenhaft, sprunghaft. Und beschreibt damit auch die Musik von Queen, die mal laut und dann leise, mal ungestüm und dann zärtlich ist. Mal Königin, mal Tunte. Live ist Mercury exaltiert, die nach oben gereckte Faust wird zum Markenzeichen – drei Plattencover gibt es, die ihn in dieser Pose zeigen. Privat ist er schüchtern, scheu, zurückhaltend. Er gibt nichts von sich preis. Nichts versteckt das wahre Ich besser als ein charismatisches Auftreten im Rampenlicht. Wie das Cover des ersten Albums Mercury zeigt.

Gotta leave you all behind and face the truth …

Als die anderen Bandmitglieder ihren späteren Sänger kennenlernen, sind sie nicht sicher, was sie von dem zartgliedrigen jungen Mann mit dem femininen Auftreten zu halten haben. Ist er schwul, ist er bi, oder steht er doch nur auf Frauen? Er lebt in einer symbiotischen Beziehung mit der Verkäuferin Mary Austin in einer Wohnung in Kensington zusammen, die er 1975 verlassen wird und der er den Song „Love Of My Life“ widmet. Bis zu seinem Tod im November 1991 bleibt sie seine engste Freundin – ihr vererbt er sein Vermögen. Im Grunde kann einem die sexuelle Orientierung anderer Menschen selbstverständlich egal sein. Aber Mercurys Homosexualität und seine Entscheidung, sich bis zum Ende nicht öffentlich zu outen, sind eng mit Queen und der Entwicklung der Band verbunden: Die Freiheiten, die ihm die Musik und die Musikszene ermöglichen, haben offenkundig viel damit zu tun, dass Mercury sich seiner eigenen Sexualität überhaupt erst bewusst werden kann. Natürlich ist da zunächst das Spiel mit Bisexualität, der Uneindeutigkeit, wie es Marc Bolan und David Bowie vormachen, der anspielungsreiche Bandname, frühe Interviews, in denen sich Mercury augenzwinkernd gibt. Nicht ganz zufällig beschwören Queen mit ihrer Musik das dekadente England eines Oscar Wilde und die pomadige Schlagermusik von Ivor Novello – schwule Galionsfiguren in einem Land, in dem Homosexualität bis 1967 unter Strafe steht und erst ab 1980 auch Sex zwischen Männern unter 21 legal wird. Der Sänger wächst hinein in die Rolle des Freddie Mercury: Die Möglichkeit, sich auf der Bühne ausleben zu können und dafür beklatscht zu werden, gibt ihm den Mut, auch in seinem Privatleben ein schwuler Mann zu sein. Aber er will es für sich sein.

Mama, just killed a man …

Zeitgleich mit seiner Trennung von Mary Austin fällt die Entscheidung, fortan keine Interviews mehr zu geben – woran sich Mercury mit sehr wenigen Ausnahmen auch konsequent hält. Und er gesteht in „Bohemian Rhapsody“, durchaus andeutungsreich, einen Mann getötet zu haben und nun der Wahrheit ins Gesicht blicken zu müssen. Der Song ist als Beichte konzipiert. Aber es geht eben nicht um einen armen Jungen aus einer Oper, sondern um Mercury selbst. Sehr viel eindeutiger, als Mercury es mit seinem veränderten Bühnenoutfit ab 1979 signalisierte, konnte man eigentlich nicht werden: Die Ballettoutfits wurden eingemottet, fortan kam er in knallengen Lederjeans auf die Bühne, mit Biker-Lederjacke über dem nackten Oberkörper und einem Lederkäppi. Und wem der Wink mit dem Zaunpfahl nicht reichte, dem präsentierte sich Mercury ab 1980 zusätzlich mit stoppelkurzen Haaren und Schnauzbart und spielte schwarze Bodymusic, wie man sie in den einschlägigen Schwulenclubs zu hören bekam.