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Ballett für die Massen: Queens „Bohemian Rhapsody“ ist alles, was man über die Band wissen muss

Im August 1977 sind Queen erfolgreich und berühmt. In den Wessex Studios in London arbeiten sie an ihrem sechsten Album, NEWS OF THE WORLD. Ein paar Räume weiter sind die Sex Pistols damit beschäftigt, „Bodies“ aufzunehmen, den letzten noch fehlenden Track für ihr Debütalbum NEVER MIND THE BOLLOCKS. Das einzige Lied des Albums, auf dem Sid Vicious selbst den Bass einspielt (später wird sein Beitrag durch einen Overdub von Steve Jones ersetzt). Vicious befindet sich in einem sichtlich derangierten Zustand, als er versehentlich in den falschen Kontrollraum stolpert und dort Freddie Mercury antrifft. „Na, immer noch dabei, Ballett für die Massen zu machen?“, schnarrt er der Überlieferung nach. „ Ah, Mr. Ferocious, wenn ich nicht irre!“, lautet Mercurys süffisante Antwort. „Ich arbeite daran, Schätzchen, ich arbeite daran.“ Der Sänger wendet sich ab und lächelt in sich hinein. Wenn Vicious nur wüsste, wie recht er hat.

Is this the real life, is this just fantasy?

Scaramouche. Galileo. Magnifico. Bismillah. Beelzebub. 180 Vocal-Overdubs für etwas mehr als eine Minute Musik, aufgenommen in fünf Studios in 86 Stunden Arbeit, abgemischt in drei Wochen, das bis zu diesem Augenblick teuerste Stück Popmusik, das jemals auf Schallplatte gepresst wurde. Die knapp sechsminütige Single hat fünf Millionen verkauft und stand in den britischen Charts neun Wochen auf Platz eins, abgelöst von, wie passend, „Mamma Mia“ von Abba. Wie man es auch dreht und wendet, man kommt doch immer wieder zurück zu „Bohemian Rhapsody“, wenn man die Geschichte von Queen erzählen will. Weil alles davor auf genau diesen Song zustrebt. Weil alles danach von diesem Lied ausgeht. Weil es die Blaupause ist. Weil zahlreiche Evergreens folgen werden, die man jederzeit als essenzielle Queen-Stücke bezeichnen kann, von „We Are The Champions“ bis „Radio Ga Ga“, aber doch alles, worum es Queen als Gruppe geht, was man über Queen als Gruppe wissen muss, auf 5 Minuten 55 Sekunden komprimiert Ausdruck findet, in dieser Rhapsodie mit ihren sechs distinktiven Teilen, die von allem etwas zu viel hat und genau goldrichtig ist. Zu viel Hardrock, zu viel A-cappella-Gesang, zu viel Pathos, zu viel Schwulst, zu viel Maßlosigkeit, easy come, easy go – a little high, a little low. Weil es ein völlig unmöglicher und perfekter Song ist. Weil er nur von Queen stammen kann. Weil Ballett für die Massen nie wieder schöner war als hier.

I am just a poor boy …

Queen. Königin. Tunte. Von beidem hat die Band ausreichend. Sie ist edel, majestätisch und unnahbar, sie ist zickig, überkandidelt und affektiert. Der Bandname stammt von Freddie Mercury. Ende 1970 überredet der Grafikdesignstudent, der zu diesem Zeitpunkt noch auf den Namen Freddie Bulsara hört, Gitarrist Brian May und Drummer Roger Taylor nach der Auflösung ihrer erfolglosen Band Smile dazu, es mit ihm als Sänger zu versuchen. Im Januar 1971 stößt Bassist John Deacon dazu und zieht mit den anderen zusammen. Es ist eine aufregende Zeit für Rockmusik. Die Sixties sind vorbei. Alles geht. Man darf ambitioniert sein, man darf ausprobieren, man darf angeben und man darf auch albern und peinlich sein, ein bisschen zumindest. Noch sind T. Rex die größte Band des Landes, David Bowie sägt schon an Marc Bolans Thron. Led Zeppelin vermessen die Möglichkeiten des Stadionrock. Yes, Genesis, und Emerson, Lake & Palmer rütteln an den Grenzen des musikalisch Spielbaren. Hardrock, wie ihn Deep Purple oder Black Sabbath spielen, ist auf dem Vormarsch. Der Artrock von Roxy Music oder Audience weist mögliche neue Wege auf. Mittendrin, an der Schnittstelle von Glam, Heavy, Art und Prog, docken Queen mit einem Sound an, der sich überall bedient und doch ganz der ihre ist.

Kooperation

Auf dem ersten Album von 1973 entdeckt man hinter ungestümem Metal, hinter entschlossen aufgetürmten Riffs von Brian May bereits alles, was Fans später abgöttisch lieben und Kritiker hassen werden. Da ist schon, wenn man genau zuhört, Pop und Pomp, Klassik und Klasse, Handfestes und Entrücktes, Königin und Tunte. Der entscheidende Durchbruch kommt auf dem dritten Album, SHEER HEART ATTACK. Er kommt mit „Killer Queen“, der Song, auf dem sich die Gruppe endgültig findet, der die Haltung der Gruppe definiert, eine Haltung der ewigen Indifferenz und Überlegenheit. Dynamit mit einem Laserstrahl, das einen mit Sicherheit aus den Socken haut. Man hört noch den Hard Rock, aber er klingt wie mit Mottenkugeln umhüllt, weil Music Hall und Vaudeville den Ton angeben und Freddie Mercury erstmals so richtig den Dandy heraus- hängen lassen kann. Es will ja keiner hören, aber man muss es festhalten: Mercury ist ein limitierter Sänger. Doch seine Stimme ist absolut unverkennbar und er singt allemal gut genug, um die Türen aufzustoßen für sein einmaliges Charisma, sein unerhörtes und einzigartiges Talent, einen Saal mit einer einzigen Geste um den Finger wickeln zu können. „Now I’m here“, singt er auf dem ersten Track von SHEER HEART ATTACK. Und ausnahmsweise meint er es auch. Queen sind gelandet. Jetzt kann A NIGHT AT THE OPERA folgen. Mit „ Bohemian Rhapsody“ als pièce de résistance. Lasst sie doch Kuchen essen.

No escape from reality …

Die nächste Zäsur folgt 1980. Nach der berauschenden Nacht in der Oper haben Queen über drei weitere Alben hinweg ihre Vision vom Ballett für die Massen verfeinert, hat die Band die beste Hardrockmusik geschrieben, die man in den Roaring Twenties nicht gespielt hat, und en passant wird ein untrügliches Gespür für Popmusik mit maximaler Wirkung entwickelt. Und alles, wie die Plattencover vom ersten Album an verkünden, ohne Hilfe künstlicher Zutaten: No synthesizers! Der Stolz auf maximale Artifizialität mittels purem Handwerk weicht einem neuen Ansatz, als Queen erstmals Giorgio Moroders Musicland Studios in München betreten und mit dem Toningenieur Reinhold Mack arbeiten. Der Ballast für die Massen wird über Bord geworfen, „Another One Bites The Dust“, „Dragon Attack“, auf ihre Weise auch die unsägliche Rockabilly-Pastiche „Crazy Little Thing Called Love“ entschlacken den Sound der Band. Brian May zügelt seine Lust am Symphonischen, Roger Taylors muskulöse Rhythmik tritt in den Hintergrund, der Raum öffnet sich für den Bass, erstmals, und Synthesizer-Akzente, ebenfalls erstmals, und lässt Freddie Mercury atmen.


Die schlimmste Szene aus „Bohemian Rhapsody“ wird auf DVD und Blu-ray sogar noch schlimmer
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