Placebo – PLACEBO RE:CREATED: Der Außenseiter-Tempel, renoviert
Befreiung durch Pathos: Die 90er-Glam-Rock-Ikonen interpretieren ihr gut gealtertes Debüt neu.
„Mit dieser Platte stimmt nichts nicht“, sagte Placebo-Sänger Brian Molko unlängst in einem Interview mit dem „Frontstage“-Magazin. „Wir betrachten das Album als eine Art Directors-Cut, wir wollten es klanglich ins 21. Jahrhundert holen.“ Vor 30 Jahren erschien das selbstbetitelte Erstlingswerk der Band, das damals die grassiernde Kumpeligkeit im aktuellen Rock kontrastierte und zumindest in Bro-Kneipenkreisen für einige Verwirrung sorgte, denn Molko legte es damals darauf an, auf den ersten Blick auch von Männern sexy gefunden zu werden, aufgrund seiner bewusst zur Schau gestellten weiblichen Attribute.
Damit war er weit vorne – und lag im Wortsinn quer herum, in der MTV-Welt der 90er. Nun erscheint eine überarbeitete Fassung von PLACEBO. Grundlage dafür bildeten die Masterbänder, die Band hat darauf ganz neu aufgebaut, die Säulen stehen lassen, aber den Tempel modernisiert und seine Hallen erweitert. Das Album kann so anders atmen, es hat eine größere Dringlichkeit bekommen. „Nancy Boy“, „Swallow“, Bionic“- am Ende des Tages bleibt größter Respekt für die Band übrig, die mit ihrem verdichteten Sound und wegen der aggressiv flirrenden Stimme Molkos weltweit das Teenage-Außenseitertum einer ganzen Generation thematisierte und denjenigen Trost spendete, die zwischen Baum und Borke festklemmten.
Befreiung durch Pathos. Einige Tracks sind auf der Neuauflage schneller geworden, Gitarren wurden nach vorne gemixt, elektronischer Zierrat weggelassen. Es macht Spaß, beide Versionen miteinander zu vergleichen. Und man kommt zu dem Ergebnis, dass PLACEBO wirklich gut gealtert ist.