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Interview

Charlotte Cardin im Interview: „Zu meinen großen Einflüssen gehören Radiohead und Céline Dion“

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Charlotte Cardin ist eine der interessantesten Singer-Songwriterinnen der aktuellen Popkultur. Die in Montreal aufgewachsene und lebende Musikerin schreibt Hymnen über das Leben und vor allem die facettenreiche, schmerzhafte Liebe. Passend dazu vereint auch ihre Musik diverse Genre-Stile. So ist ihr Sound poppig, soulig und wird an einigen Stellen durch elektronische bis sanftere Instrumentals ergänzt.

Cardin hatte weder in ihrer Familie noch in ihrem näheren Umfeld musikalische Vorbilder. Dennoch beherrscht sie, neben ihrer powervollen R’n’B-Stimme, Gitarre wie auch Klavier. Im Jahr 2016 brachte sie ihr Talent erstmalig mit ihrer BIG BOY-EP zum Ausdruck. Diese wie auch ihre zweite EP MAIN GIRL aus dem Jahr 2017 erlangten Goldstatus in Kanada. 2020 brachte die 26-Jährige ihre erste neue Single „Passive Aggressive“ heraus, in der sie das Ende einer toxischen Beziehung, das Alleinsein und ihre gewonnene Unabhängigkeit besingt. Nach drei weiteren Neuerscheinungen veröffentlicht Cardin nun ihr Debütalbum PHOENIX, das genau auf diesen Eckpfeilern aufbaut. Die Künstlerin besingt darauf schwierige Situationen – unter anderem in toxischen Beziehungen – und zeigt auf verschiedenen Ebenen Stärke und vor allem Charakter.

Neben ihrer Musik fing Charlotte Cardin bereits in ihrer High-School-Zeit an zu modeln. Nun ist sie Markenbotschafterin für das Modeimperium Chanel, modelte in der Vergangenheit für Jacquemus und zierte im Mai 2020 bereits zum dritten Mal das Cover der kanadischen ELLE Quebec. Wie sie mittlerweile zur Mode-Industrie steht und wieso auf Frauen ihrer Meinung nach zu viel gesellschaftlicher Druck lastet, verriet sie uns im Interview. Auch sprachen wir mit ihr über die Musikszene in Montreal und natürlich ihr neues Album PHOENIX.

Musikexpress.de: Du veröffentlichst nun Dein erstes Album nach der MAIN GIRL EP im Jahr 2017. Wie aufgeregt bist Du?

Charlotte Cardin: Wir haben fast drei Jahre lang an diesem Album gearbeitet. Es war ein langer Prozess mit vielen Höhen und Tiefen und vielen extrem unglaublichen Momenten. Ich bin wirklich glücklich und stolz auf dieses erste Album und kann kaum erwarten, es mit allen zu teilen.

Dein Album trägt den Titel PHOENIX. Würdest Du deine aktuelle Situation damit vergleichen? Gerade im Titeltrack singst Du davon, alles zu verbrennen, was Du nicht warst, nur um „wie ein Phönix zurückzukehren“.

Charlotte Cardin: Für mich hängt das Symbol des Phönix sehr mit dem Schreibprozess und dem kreativen Prozess hinter diesem Album zusammen. In diesen Jahren sind eine Menge verschiedener Dinge passiert – sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene. Ich habe das Gefühl, dass ich eine Menge über mich selbst gelernt habe, auf viele verschiedene Arten. Wo immer es Wachstum oder persönliche Entwicklung gibt, gibt es auch Tiefen und Opfer, die damit einhergehen. Eine Art ewiger Kreislauf. Für mich war der kreative Prozess des Albums genau das.

Das Album klingt auch, als hättest Du eine toxische Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen durchgemacht. Geht es hier um Deine eigene Geschichte?

Charlotte Cardin: Ja, das Album ist sehr persönlich. Es sind die persönlichsten Songs, die ich je geschrieben habe. Gleichzeitig finden sich Erzählungen und Teile, die ein bisschen überspitzt, romantisiert oder ein bisschen fiktional sind, wieder. Ich mag die Idee, dass ich eine Geschichte erzähle und es ist definitiv meine Geschichte – ich würde sagen, zu einem sehr großen Anteil.

„Ich nehme mir beim Schreiben Zeit, um zu meditieren und bestimmte Reaktionen zu verstehen. Dinge zu verarbeiten und zu alten Wunden zurückzukehren.“

Wie fühlt es sich an, diese Beziehungen zu reflektieren, indem Du sie auf- und vielleicht aus Deinem Kopf herausschreibst?

Charlotte Cardin: Das ist genau das, was es ist; eine Art, Dinge loszuwerden. Schreiben ist für mich therapeutisch und hat etwas sehr Beruhigendes. Ich bin in der Lage, bestimmte Emotionen herauszulassen, von denen ich glaube, sie ohne diesen Prozess nicht reflektieren zu können. Ich nehme mir beim Schreiben Zeit, um zu Meditieren und bestimmte Reaktionen zu verstehen. Dinge zu verarbeiten und zu alten Wunden zurückzukehren – die nicht unbedingt heilen – um dann irgendwie verstehen zu können, warum sie nicht heilen. Ich denke, jeder hat etwas, dass ihn besser fühlen lässt. Ob es nun Kochen ist oder Sport oder mit Therapeuten reden – was ich auch mache, was mir auch hilft (lacht). Aber das Schreiben ist definitiv ein Teil meiner Therapie.

Würdest Du sagen, dass Du zu viel Gewicht auf die Meinung anderer Leute legst? Gerade in „Anyone Who Loves Me“ besingst Du, dass Du tust, was von Dir verlangt wird, „für jeden, der dich liebt“.

Charlotte Cardin: Auf jeden Fall. Das ist etwas, das bis in meine Kindheit zurückreicht. Das Schreiben dieses Albums brachte auch eine große Erkenntnis mit sich. Ich habe sechs Monate damit verbracht, das Album zu schreiben und hatte das Gefühl, nirgendwo hinzukommen. Nach sechs Monaten dachte ich: „Was mit der Art und Weise, wie ich im Moment schreibe, nicht stimmt, ist, dass ich schreibe und darüber nachdenke, wie die Leute die Geschichten aufnehmen werden und was sie von diesem Album erwarten.“ Dann wurde mir bewusst, dass es meine Therapie sein muss. Es müssen meine Geschichten sein. Und ich denke, das ist der einzige Weg, wie der Prozess funktionieren kann. Der einzige Weg, wie ich das Album aus dem richtigen Grund machen kann.

Und worum geht es in diesem Song?

Charlotte Cardin: „Anyone Who Loves Me“ ist kein Song über einen Geliebten oder eine romantische Beziehung. Es ist ein Song darüber, wie es ist, eine Frau im Allgemeinen zu sein und wie das mit unglaublichem Druck von allen Seiten einhergeht. Wie die Gesellschaft darauf aufgebaut wurde, Frauen zu kategorisieren und sie zu etikettieren und uns zu objektivieren. Es geht darum, sich in diesen Dingen zurechtzufinden und sich manchmal verdammt verloren zu fühlen, weil man all diese Dinge erfüllt, die von einem erwartet werden, wenn man eine Frau ist. Es ist manchmal wirklich schwer zu wissen, ob man sich verhält, weil man versucht, sein wahres Selbst zu manifestieren, oder ob es nur daran liegt, dass man konditioniert wurde, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten.

Hört sich an, als hättest Du Deine eigenen Erfahrungen gemacht?

Charlotte Cardin: So habe ich mich viele Male in meinem Leben gefühlt. Manchmal fühle ich mich immer noch so, aber der ganze Prozess des Loslassens kam auch mit dem Schreiben des Albums. Das ist auch das Symbol des Phönix, weil ich sehr daran gewachsen bin, das zu erkennen und zu versuchen, mich von diesen Erwartungen zu befreien, die zu nichts gut sind, wenn man nicht für sich selbst handelt und Dinge tut, die einem ein gutes Gefühl geben.

Du hast auch gemodelt. Glaubst Du nicht, dass es vor allem in diesem Bereich stereotypisierte Erwartungen an Frauen gibt? 

Charlotte Cardin: Doch, natürlich. Ich habe vor Jahren damit aufgehört. Ich habe nur von fünfzehn bis zwanzig Jahren gemodelt und es war eine Art Studentenjob für mich. Etwas, das ich gemacht habe, um ein bisschen Geld zu verdienen und die finanzielle Freiheit zu haben, Instrumente zu kaufen, zu reisen und Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Aber ich habe diese Branche gehasst. Man wird nur nach seinem Aussehen bewertet und das ist offensichtlich das ganze Konzept.

„Ich denke, es ist ein Teil des Lebens, sich dafür zu entscheiden, Dinge zu tun und später die Konsequenzen zu tragen, weil man sich dadurch lebendig fühlt, es aufregend ist, eine Art Herausforderung darstellt und weil es etwas gibt, von dem man weiß, dass man es nicht tun sollte.“

Hast Du deshalb mit dem Modeln abgeschlossen?

Charlotte Cardin: Es hat mich auf so viele Arten traumatisiert – nicht in der Lage zu sein, für Dinge gehört zu werden, für die ich mich selbst schätze. Wie die Dinge, die ich zu sagen habe, wie die Musik, die ich schreibe, wie die Erfahrungen, die ich gemacht habe, meinen Intellekt oder Dinge, die einfach nur völlig verurteilt werden für etwas, das völlig außerhalb deiner Kontrolle liegt. Das war eine schreckliche Erfahrung für mich und ich würde so etwas nie wieder tun. Aber ich habe großen Respekt vor Models, die das beruflich machen, denn es ist wirklich sehr, sehr hart. Und man muss wirklich stark sein, man muss wirklich sicher sein und seinen Wert voll und ganz kennen, um den Kopf aus dem Wasser dieser Industrie zu halten. Und ja, ich habe es gehasst (lacht).

Vielleicht war es eine Deiner schlechteren Entscheidungen. „Daddy“ ist ein Song über schlechte Entscheidungen, die man unheimlich gerne trifft. Gab es bei Dir viele davon in den vergangenen Jahren?

Charlotte Cardin: Ich denke, wir alle haben Momente, in denen wir sagen: „Ich sollte das nicht tun, aber ich tue es und ich liebe es. Ich nehme mich den Konsequenzen morgen an.“ In „Daddy“ geht es definitiv darum. Und ja, ich hatte ein paar Momente in meinem Leben, in denen ich mich so gefühlt habe. Ich denke, es ist ein Teil des Lebens, sich dafür zu entscheiden, Dinge zu tun und später die Konsequenzen zu tragen, weil man sich dadurch lebendig fühlt, es aufregend ist, eine Art Herausforderung darstellt und weil es etwas gibt, von dem man weiß, dass man es nicht tun sollte. Selbst wenn man ein Kind ist und Dinge tut, von denen man weiß, dass die Eltern darüber wütend wären. Da ist dieser Nervenkitzel, bei dem man sagt: „Okay, ich genieße es bei vollem Bewusstsein“ (lacht).

Lass uns über Deine bisherige Karriere sprechen: Wann hast Du erstmals darüber nachgedacht, Deine eigene Musikkarriere zu starten?

Charlotte Cardin: Ich habe von acht bis achtzehn Jahren Gesangsunterricht genommen und ich habe es geliebt. Singen ist eines der Dinge, die mich am glücklichsten auf der Welt machen. Das war es schon immer. Aber erst mit 18 habe ich mich dazu entschlossen, professionell Musik zu machen. Ich hatte schon ein paar Jahre lang Songs geschrieben und mir wurde klar, dass Musik das Einzige ist, was mich wirklich glücklich macht und dass es meine einzige Leidenschaft ist.

Du standest im Jahr 2013 im Finale der kanadischen Gesangscastingshow „La Voix“. Was ist danach passiert?

Charlotte Cardin: Nachdem ich in der Show war, bin ich für zwei Jahre zurück zur Schule gegangen, weil ich mich darauf konzentrieren musste, meine eigene Musik zu schreiben. Ich musste herausfinden, was ich als Künstlerin machen wollte. Es ist schwer, wenn man in so einer Reality-Show ist, weil alle Augen auf dich gerichtet sind. Es ist super intensiv – Millionen von Menschen sehen dich jede Woche performen. Aber es ist wirklich nicht repräsentativ für das, was es wirklich bedeutet, Musik für den Lebensunterhalt zu machen. Es war eine schöne Erfahrung. Ich habe viel gelernt und konnte von vielen Leuten gesehen werden, was großartig war, weil ich mir eine Fanbase aufgebaut habe. Ein Teil dieser folgt mir bis heute.

„Die deutschen Konzerte waren wild und wir können es kaum erwarten, wieder zu kommen.“

Ist Montreal ein guter Ort, um die eigene musikalische Karriere zu entwickeln?

Charlotte Cardin: Montreal hat eine sehr zusammengewürfelte Musikszene, weil es eine zweisprachige Stadt ist. Es gibt viele frankophone Acts und eine Menge wirklich cooler Indie-Musik, eine eher anglophone Szene, und dann gibt es Singer-Songwriter und Pop-Québécois-Künstler. Obwohl Montreal kleiner ist als viele andere Städte, ist viel los. Es gibt wirklich interessante Dinge, die künstlerisch passieren, weil es tonnenweise verschiedene Einflüsse und Menschen aus der ganzen Welt gibt, die hier leben und sich gegenseitig inspirieren können.

In Deinem Instagram-Feed präsentierst Du viele verschiedene Arten von Musik. Gibt es Bands, die Dich besonders beeinflussten und Deine Leidenschaft für Musik befeuert haben?

Charlotte Cardin: Ich habe eine Menge verschiedener Einflüsse. Ich denke, einer meiner Haupteinflüsse ist Radiohead – ich habe viel Radiohead gehört, als ich ein Teenager war und höre die Band auch jetzt noch. Aber ich habe auch viel Popmusik gehört, als ich aufwuchs. Ich schätze, man kann aus meiner Musik heraushören, dass ich viele verschiedene Musikgenres mag und auch gerne verschiedene Musikstile ausprobiere. Ich würde sagen, Nina Simone ist auch ein großer Einfluss. Und Céline Dion. Ich bin damit aufgewachsen, der größte Céline-Dion-Fan zu sein. Sie hat mich definitiv inspiriert und ist einer der Gründe, warum ich jetzt singe. Als Kind habe ich versucht, sie zu imitieren. Ich habe meine Liebe zur Musik durch ihre Songs entdeckt.

Hat sich Dein Geschmack im Laufe der Jahre stark verändert?

Charlotte Cardin: Ja, er entwickelt sich auch immer noch weiter. Als ich ein Kind war, habe ich viel Pop gehört und als Teenager immer noch viel Pop. Dann habe ich Jazz, HipHop und Rap entdeckt. Als Kind habe ich auch viel Rock’n’Roll gehört, weil mein Vater ein großer Rock’n’Roll-Fan ist. Und jetzt hatte ich eine Phase, in der ich viel Country gehört habe. Ich hatte auch eine Phase, in der ich viel Emo und Rock gehört habe, Billy Talent war irgendwann ein großes Ding für mich – zumindest ein paar Monate lang (grinst). Ich hatte alle diese Phasen und ich denke, das hat mir geholfen, in meiner Musik mit verschiedenen Genres zu spielen.

Planst Du auch eine internationale Tournee und vielleicht auch wieder nach Deutschland zu kommen?

Charlotte Cardin: Ja, so bald wie möglich. Wir hatten so viel Spaß bei den Shows in Deutschland, ehrlich. Die deutschen Konzerte waren wild und wir können es kaum erwarten, wieder zu kommen. Es war so ein seltsames Jahr, in dem ich überhaupt nicht touren konnte. Es ist so anders als der Lebensstil, den ich gewohnt war und den ich liebe. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und meine Musik zu teilen. Und ich habe das Gefühl, dass mein Album erst dann richtig Sinn macht, wenn wir es live spielen können und die Songs ein bisschen lebendiger sind. Und ja, ich werde durch die ganze Welt touren und möchte einfach wieder auf Tour gehen (lacht).

Album-Artwork PHOENIX, 2021, Charlotte Cardin

Charlotte Cardins Debütalbum PHOENIX ist am 23. April 2021 erschienen.

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