Stilkolumne

Corona, Tinnitus, Airpods: Warum Ohren gerade ästhetisch so präsent sind

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Kürzlich lag ich wegen einer Handgelenks-Sache, die hier nichts zur Sache tut, in der MRT-Röhre und ließ mich vom Drillen und Fräsen des Hightech-Körperscanners ans Ryoji-Ikeda-Konzert erinnern, das Anfang 2020, kurz vor der Pandemie, die Berliner Philharmonie so massiv durchgerattert hatte, dass Späne aus den Wandverschalungen gerieselt waren. Ja, als Pop-Fan mutet man seinen Ohren schon einiges zu.  Seit alle dauernd Podcasts hören und sich Airpods in die Gehörgänge stecken, ist es nicht weniger geworden.

 

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Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Ohren gerade ästhetisch so präsent sind beziehungsweise in Design und Mode behandelt werden? Da ist zum Beispiel die iPhone-Schutzhülle, die das Luxuslabel Schiaparelli anbietet. Sie hat die Form eines vergoldeten Riesenohrs, das heißt: Man hält sich zum Telefonieren eine güldene Ohrmuschel ans Ohr, in welcher das Gerät versteckt ist. Das ist dann eine surrealistische Dopplung jenes Körperteils, das durchs iPhone ja abgedeckt wird. Genial! Außerdem sind da die Keramikskulpturen, die Paulina Schulz alias DJ Gigola verkauft. Sie lassen sich als Kunst betrachten, als Aschenbecher, als Handschmeichler machen sie sich auch gut.

„Macht es in Ihrem Ohr manchmal piep?“

Dass eine Berliner DJ in der langen Corona-Pause, in der viele neben dem Brotbacken mit dem Töpfern angefangen haben, auf die Idee kommt, Ohren zu töpfern: Wen wundert’s? Ich muss an das sehr persönliche, eindrückliche Tinnitus-Essay des Autors Aram Lintzel denken, das im vergangenen Jahr im „Freitag“ erschien. Unter der Überschrift „Immer da“ schildert Lintzel, wie sich zwischen seinen Ohren eine tosende Hölle auftat, nachdem ein Drone-Konzert bei ihm ein Lärmtrauma ausgelöst hatte. In der Corona-bedingten Konzert-und-Party-Pause konnten viele Ohren aufatmen – vermute ich, lese dann aber, dass eine gar nicht seltene neurologische Folge einer Covid-Erkrankung, neben Geruchsverlust, ein Hörverlust samt Tinnitus sein kann. Fuck!

Hier springt jetzt die Techniker Krankenkasse ein. Sie informiert, dass sie mit der sogenannten „Tinnitracks“-App als erste Krankenkasse eine innovative Tinnitus-Behandlung anbiete. Der Slogan: „Macht es in Ihrem Ohr manchmal piep? Dagegen helfen wir mit Pop!“ Die App soll die individuelle Piep-Frequenz des Nutzers beziehungsweise der Nutzerin herausfiltern, so sollen Hörnerven beruhigt werden. „Sie hören Ihre Songs – egal ob Adele oder Ed Sheeran – ohne die Frequenzen, die Ihren Ohren auf die Nerven gehen“, so die TK. Ed Sheeran müsste man allerdings, zumindest meinem Verständnis nach, ganz herausfiltern.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2021.


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