Stilkolumne

Bow Down To The Brow: Was Nick Kamen und Grace Jones eint

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Korrektur: Vor zwei Monaten schrieb ich in dieser Kolumne, wir sollten uns alle dringend die Haare färben, das sei quasi die einzige Möglichkeit, um im anhaltenden Corona-Schlamassel ein bisschen Spaß auf dem Kopf zu haben und dem klinisch-weißen Masken-Einerlei über Nasen und Mündern mit krassen Farben zu trotzen. Nette Idee, aber wie konnte ich nur die Augenbrauen vergessen?! Die bieten sich doch genauso an, wenn man Pep in die aerosolgeschützte Visage bringen will. Man kann Augenbrauen färben, sie ausrasieren oder ganz abrasieren, man kann sie mit Dingen überkleben. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Ich komme darauf, weil – sehr traurig – vor einigen Wochen Nick Kamen starb. Der sang nicht nur einige der schönsten Schnulzen-Pophits der 80er-Jahre („Each Time You Break My Heart“, „I Promised Myself“), sondern er prägte als sehr hübsch geratener Mann auch das softe und in Mode verliebte, aber doch maskuline Männerbild der 80er. Ich denke an das Cover des Magazins „The Face“ von 1984, auf dem er weiß geschminkte Lippen trug und einen gelben Klebestreifen über einer Augenbraue. So ein Brauenstreifen war unter den sogenannten Buffalo Boys damals beliebt.

Fazit: Augenbrauen sind zum Experimentieren da

Vielleicht war Grace Jones die Inspiration. Sie hatte schon 1982, auf dem Cover ihres Albums LIVING MY LIFE, ein Pflaster über der Braue getragen. Jones wiederum hatte es vermutlich von Boxern mit aufgeplatzten Augenbrauen. Wie auch immer: Wenn Nick Kamen das Klebeband abnahm, hatte er darunter einen Schlitz in der Braue, eine Narbe, auf der keine Haare wuchsen. Sexy. Vermutlich war die Narbe aber fake. Auf später entstandenen Fotos hatte er volle Augenbrauen. Hatte er sich den Schlitz reinrasiert, wie es später Vanilla Ice, Soulja Boy und andere Rapper machten?

Fazit: Augenbrauen sind zum Experimentieren da. Lassen wir aber Marusha als weitere Referenz mal weg, um noch schnell zu einer anderen Option zu kommen, wie man den Körper akzentuieren kann: Nagellack. Frauen tragen ihn routiniert, Männer lernen es gerade. Beziehungsweise fahren Skater schon seit Jahren mit lackierten Nägeln rum. Auf Skater ist Verlass. Mutige Rapper machen es auch schon länger. Lil Yachty will das Ganze jetzt zum Geschäft ausbauen: Der Rapper hat eine Unisex-Nagellack-Marke lanciert. Sie bietet keine Glitzerlacke an, sondern matten Nagellack in Weiß, Betongrau und Schwarz. Raffiniert. Mit mattschwarz lackierten Nägeln sieht man als Mann nämlich gar nicht so feminin aus, sondern als hätte man nur lange und sehr liebevoll den mattschwarzen Turbo-SUV in der Garage gestreichelt. Skrrt-skrrt!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 07/2021.

Island/Universal

Die Gerhard Schröder des Pops: Warum Coldplay Musik für Menschen machen, die Musik hassen
Weiterlesen