Das geht nicht! Oder doch?


Audioslave sind tot, Soundgarden längst Geschichte. Von klar definierten Grenzen hat Chris Cornell nun auch die Nase voll.

Er hat aufgeräumt, seinen Hang zum Maximalkonsum betörender Substanzen reduziert auf ein paar Gläschen Rotwein im eigenen Restaurant in Paris, lässt sich neuerdings auf Schritt und Tritt begleiten von Frau und Tochter, beide entsetzlich hübsch. Er hat sich – fast genau zehn Jahre nach dem Soundgarden-Split – vom mittlerweile schal schmeckenden Audioslave-Gebräu getrennt. Und mit dem an sich eher mediokren Titelsong zum letzten James-Bond-Getöse fand er wieder Freude am einsamen Musizieren. „Da“, sagt er, „habe ich wiederentdeckt, wie schön und wichtig die Freiheit des Solokiinstlers ist. Ich hatte fast vergessen, wie es sich anfühlt, ohne die Zwänge einer Band Musik zu machen. Davon wollte ich mehr. Es hat mich total angetörnt, mein eigener Herr zu sein. „Mit Freunden oder auch allein ging es mehrmals ins Studio; es entstanden rund 20 Songs, von denen 13 (plus Bond-Hit) nun als zweites Chris-Cornell-Soloalbum erscheinen – acht Jahre nach EUPHORIA morning. Die Unterschiede zwischen den beiden Alben sprechen Bände über die persönlichen Veränderungen. Während das erste introspektiv, nachdenklich und überraschend leise daherkam, ist carry ON eine Präsentation Cornellscher Möglichkeiten: mal exaltiertes, hitziges Rockbiest, mal fast souliganmutende Dame mit duftigen Bläser-Pailletten, dann wieder zuckerwatteweiches Balladengirlie. Ja, selbst ein Cover des Michael-Jackson-Kieksers „Billie Jean“ geht, ohne dabei rot zu werden. „Ich habe mir mehr als je zuvor Freiheitengenommen, Dinge auszuprobieren „, sagt Cornell, der so unverschämt gut aussieht, dass man vor Neid ganz krumpelig in der Seele wird, „Dinge, von denen ich dachte: Das kannst du nicht machen, das wird der Fan nicht verstehen. Jetzt habe ich es mir erlaubt, und siehe da: Es geht nicht nur, es ergibt Sinn.“ Daher auch die neue Bereitschaft, seine Karriere als Ganzes zu sehen: Auf den ersten Konzerten der aktuellen Tour eröffnete er zur Freude aller mit zwei Soundgarden-Songs und dem Temple-of-the-Dog-Klassiker „Hunger Strike“, voll überbordender Lust und souveräner Attitüde. Er hängt nicht mehr fest in selbstverordneten Klang-Katechismen, sondern erlaubt sich, was gefällt. Oder, wie er es beschreibt: „Es ist eine Schande, dass ich erst4z werden musste, bevor ich erkenne, wie wertvoll Freiheit ist. Dieses unablässigeBewegen in klar definierten Grenzen hatsicherlich auch etwas für sich, denn es macht dich zu einem Meister in einer Spezialdisziplin. Das würde ich für meine bisherige Karriere gern in Anspruch nehmen. Und doch ist ein echter Künstler in meinen Augen etwas anderes.“

Wohlan: Willkommen in der Kunst. >» www.chriscornell.com