Deichkind: Triumph des Wahnsinns

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Eine Adresse wie aus dem Bilderbuch des subversiven Undergrounds. Inmitten der gediegenen Hamburger Passagenwelt, der Jungfernstieg liegt direkt um die Ecke, verbirgt sich hinter einer Stahltür im zweiten Stock eine ehemalige Büroetage. Das Innenleben ist teilweise demontiert, der Teppichboden rausgerissen. Eine Kommandoeinheit des Mossad könnte sich hier auf den nächsten Einsatz vorbereiten. Stattdessen summt die Bohr- und Fräsmaschine Optimum BF 20. Henning Besser alias DJ Phono mustert einen stabilen, drei­eckigen Holzrahmen. An der Wandseite ist ein gutes Dutzend dieser Bauteile gestapelt, aus denen unterschiedlich hohe Podeste montiert werden: die zentralen Bühnenelemente der kommenden Tour von Deichkind. Über ein „omni-direktionales“ Räder­system, das in vollautomatischen Post- oder Frachtguthallen zum Einsatz kommt, sollen diese Dreiecksklötze wie von Geisterhand kreuz und quer durch die Show kurven. Eine digitale Steuerungstechnik mit sogenannten „Codepads“ und komplexen Kreiselinstrumenten macht es möglich. „Alles selbst entwickelt und für unsere Zwecke verarbeitet“ , sagt DJ Phono und wirkt dabei wie Daniel Düsentrieb. Was einst mit improvisierten Müllsack-Kostümen und neongrellen Leuchtstreifen begonnen hatte, erfährt hier seine bislang ambitionierteste Ausbaustufe. Rings­umher hämmert und fräst das Werkstatt-Team.

Deichkind existieren seit Ende der Neunziger. Gestartet als hanseatische HipHop-Band mit ironischen Mätzchen und tiefer gelegten Beats („Bon Voyage“) überstanden sie Sinnkrisen und Stilwechsel. Rumpelstrecken, in den sich andere Gruppen längst aufgelöst hätten. Sie dagegen fühlen sich nach all den Jahren reif für den nächsten Sprung. Zur kommenden Tour im März 2012 sind die großen Hallen gebucht.

Drei ausgewachsene Sattelschlepper übernehmen den Material­transport. Eine wüste Truppe, die unter dreieckigen Plastikhelmen zum Markenzeichen für episches Elektronik-Entertainment geworden ist. Kultiviertes Chaos. Eine atemlose Euphorie schaukelt sich hoch im Wechselspiel mit dem Publikum. In früheren Epochen der Popmusik führten Lasershows und Keyboard-Burgen zu einer Distanz zu den Fans. Kunst-Pop, der schließlich in einer erhabenen Langeweile implodierte. Der Technik- und Materialeinsatz von Deichkind soll dagegen die Energie von Techno-Punk transportieren. Ramba Zamba mit Konzept.

Die Protagonisten hinter dieser Sause sind nach diversen Mitgliederwechseln weitgehend unbekannt geblieben. Die Kerntruppe mit dem musikalischen Studioteam Philipp Grütering und Sebastian „ Porky“ Dürre sowie dem Tour-DJ Phono, der seit Längerem die Live-Präsentation vorantreibt wie der große Fellini, entspricht nicht gerade einer klassischen Besetzung. Dazu passt, dass die profilierteste Figur mittlerweile MC Ferris ist, der erst 2008 als Rapper und Bühnenbeserker dazukam. Eine perfekte Neubesetzung dieser Rolle, die menschlich, musikalisch und von der nötigen Mannschaftsdisziplin her gut zu funktionieren scheint. In dieser freigeistigen Konstellation sind sie zur perfekten Popband der Zehnerjahre geworden. Ihre Wurzeln im HipHop und Techno sind längst in einem eigenständigen Sound aufgegangen, der auch ein großes Rock-Publikum kicken kann. Der Wille zur Show wirkt enorm integrierend. Niemand ist ausgeschlossen bei der wilden Abfahrt. Natürlich bilden Deichkind ein Gegenmodell zum strengen Pathos von Rammstein. Doch die Faszination an einer Inszenierung, die weit über ein klassisches Gitarren- oder Laptop-Konzert hinausgeht, wirkt ähnlich. Als Gegengift zum kargen Singer-/Songwriter-Kult.

Dabei decken Deichkind ein künstlerisches Spektrum ab, das vom verschwitzten Teenager-Krawall bis hinein in die Diskursmaschine der Poptheorie wahrgenommen wird. Erst jüngst gab es einen Vortrag auf der Historical Materalism Conference in London – kein Witz! – über „Trash and subversion: the political aesthetic of Deichkind“. Wer will, kann also das „DK“-Kürzel auf ihren Bühnen-Trampolins als Verweis auf den Widerstand des Hardcore-Punk-Universums entziffern. Die Dead Kennedys lassen schön grüßen. Für 16-jährige Neueinsteiger funktioniert das Ganze auch ohne Dekonstruktions-Diplom. „Mit unserer Show wollten wir ja anfangs nur das alte HipHop-Image zerstören. Die Bühnenkluft wirkte dabei eher wie ein Schutzschild. Aus diesem Pool von Requisiten ist dann eine eigene Ästhetik geworden“, sagt DJ Phono. „Zwei Stunden Spaß haben, rumhüpfen und besudelt und verschwitzt nach Hause gehen, ist ja ein klares Angebot. Und genau wie in der Bildenden Kunst gefallen mir Projekte, die auf mehreren Ebenen funktionieren können, ohne dass man sich mit der Theorie dahinter beschäftigen muss. Von daher spricht nichts dagegen, wenn wir jetzt auch aus der Kunstwelt Anerkennung bekommen. So ernst wie die Sex Pistols werden sie uns sicher nicht nehmen …“

In einem Nebenraum der Werkstatt lässt sich im Modell das neue Bühnenbild mit Spiegeltürmen und abgestuften Ebenen bewundern, auf denen Deichkind-Actionfiguren aus Plastik herumturnen. „Keine Angst, das ist nur der äußere Rahmen. Das Chaos-Element kommt später von ganz alleine. Das ergibt sich aus der jahrelangen Bühnenerfahrung. Nichts ist öder, als jeden Abend wie ein Roboter das Gleiche zu machen. Das ginge mit den Jungs auch gar nicht“, sagt DJ Phono. Ob die bewährten Live-Elemente (siehe Kasten) weiterhin zum DK-Einsatz kommen, ist Phono noch nicht ganz klar. „ Das ergibt sich im Praxistest, wenn wir die ganze Chose in einer Halle im Studio Hamburg erstmals live proben. Bei der neuen Show sind sicher mehr Elemente vorprogrammiert, die sich nicht mehr so spontan durcheinanderwirbeln lassen. Man kann ja nicht jeden Abend die Bühne kurz und klein hacken. Allein schon deshalb, weil wir selbst auch nicht jeden Abend die Rakete im Arsch haben.“

290 Kilometer weiter südöstlich sitzen Sebastian Dürre und Philipp Grütering in ihrem Kreuzberger Studio in der Nähe des Görlitzer Parks, um die Deichkind-Rückkehr aus ihrer Sicht zu vermitteln. Eine Art Neustart nach dem 2008er-Album Arbeit nervt, das vor allem über die Konzerte immer weitere Kreise gezogen hat.

Besonders auf den großen Festivals hämmerten ihre Elektro-Beats wie Stadionrock, frenetisch gefeiert von Zehntausenden. Nach dem Tod ihres Produzenten Sebastian Hackert im Februar 2009, der sowohl guter Freund wie technischer Mastermind des Deichkind-Sounds war, stand das ganze Projekt kurz infrage. „Es war ein totaler Schock, keine Frage. Doch einen wirklichen Bruch hat es nie gegeben“, sagt Dürre. „Stattdessen waren wir ständig auf Achse und haben uns in Arbeit geflüchtet, als wären es fünf, sechs Jahre einer Bandkarriere gewesen.“ Im vergangenen Winter führten sie in der Hamburger Kampnagel-Fabrik das lang geplante Theaterstück „ Deichkind in Müll“ auf, das Dürre heute als eher zweifelhaftes Experiment in Richtung Hochkultur betrachtet. Später drehten sie mit Christian Ulmen eine Testfolge für eine TV-Sitcom. Jetzt wieder zurück im normalen Deichkind-Modus. Trotz der Dauerhektik wirken Dürre und Grütering durchaus entspannt. Das mag daran liegen, dass die Deichkind-Protagonisten mit dem üblichen Popstar-Zirkus nur wenig zu schaffen haben. „Ich bin froh, dass ich mir am Imbiss am Hermannplatz was bestellen kann, ohne angequatscht zu werden“, sagt Grütering. „Ich fahre gerne mit der U-Bahn ins Studio und keiner weiß, wer ich bin. Beim Hurricane-Festival haben uns 70 000 Leute gefeiert und danach bin ich mit meiner Frau herumspaziert und habe mir die anderen Bands angeschaut. Leute wie Jan Delay oder Ferris werden bei ähnlicher Gelegenheit bestürmt und auseinandergerissen“, sagt Grütering mit einem Grinsen. „Es ist halt eine Frage des eigenen Anspruchs: Will man unbedingt berühmt werden oder nicht.“

Die beiden bilden die musikalische Zelle der Band. Sie sind die Herren der Beats, die sie über die letzten 18 Monate ausgiebig hin und her geschaukelt, verworfen und wieder neu zusammengesetzt haben. Die anderen beiden beraten, kommentieren und bringen Ideen ein. Das letzte Wort haben jedoch Dürre und Grütering. Eigentlich hätten sie Material für drei Alben, erzählen sie. Gemeinsam mit MC Ferris hatten sie sich ausgeklinkt, um die Texte in einer konzertierten Aktion zu schreiben. Was in der Münchner Wohnung eines Bekannten wegen zu großer Ablenkung (Biergärten, Nachtleben, dauernd auftauchende Kumpels) nicht so recht funktionierte, zündete dann in der Abgeschiedenheit der Mecklenburger Leere. Kein Internet, nichts gab es hier. „Ferris hat erst mal geflucht, doch letztlich sind auf diese Weise diverse Texte und Songstrukturen ent­standen. Zwischen uns herrscht eine Diskrepanz zwischen Chaos und Ordnung. Ich arbeite eher systematisch, und lese auch mal im Handbuch ,Songwriting für Dummies‘ herum, während Porky das für totalen Bullshit hält“, berichtet Grütering. Wobei dieser mit seiner spontanen Art alleine auch aufgeschmissen wäre. „Ich brauche jemand mit einer gewissen Struktur, da ich ja eher der hektische Typ mit Tourette-Syndrom bin, der alles spontan raushaut“, sagt Dürre. Eine bipo­lare Technik, welche die Leerstelle des verstorbenen Produzenten-Kumpels ersetzen muss.

Das Album Befehl von ganz unten funktioniert beim ersten Hören über dieses Wechselspiel der knalligen Reize. Eine bunte Elektro-Wundertüte, die gefüllt ist mit kickenden Beats und euphorischen Hymnen. Der Song „Illegale Fans“ etwa ist ein überdrehtes Bekenntnis an die herzlos-gemeine Filesharer-Fraktion, die sich weder um Copyrights noch um die Einnahmen der Musiker kümmert. Auch wenn Deichkind über ihre Plattenfirma in ganz normalen Vermarktungs-zusammenhängen stehen, gehört diese nihilistische Haltung zum Selbstverständnis. Zumal sich ihre Einnahmenstruktur bei etwa „80 zu 20“ eingependelt hat. Das bedeutet: 80 Prozent der Umsätze erzielen sie mit ihren Konzerten. Hier agieren sie weitgehend selbstverwaltet und investieren in die eigenen Strukturen. Der Tonträger- und Download-Verkauf, obwohl durchaus respektabel, wirkt da manchmal wie ein Popularitäts­verstärker. „Das Album Arbeit nervt hat sich in 60 000er-Dimensionen bewegt, was ja gar nicht mal schlecht ist. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass 20-mal mehr Leute mindestens ein oder zwei Songs von uns irgendwo gespeichert haben“, sagt Dürre. „Wäre das alles normal verkauft worden, wären wir jetzt schon längst böse Multimillionäre.“

Auch wenn die Dimensionen stetig gewachsen sind, bewegen sich Deichkind nach wie vor im Umfeld des Sponti-Undergrounds. Zumal ihre Elektro-Tracks in viele Richtungen crossoverfähig sind und für körperliche Action aller Art bestens funktionieren. „Wir haben vor zwei Jahren auf einer Antifa-Veranstaltung in Dortmund gespielt“, berichtet Philipp Grütering. „Ganz schlicht auf einem Bauwagen. Die Security übernahmen schwarz vermummte Antifa-Typen mit Sturmhauben, die sich eingeklammert hatten und auf diese Weise eine Crash-Barriere bildeten. Songs wie ,Aufstand im Schlaraffenland‘ bekamen bei denen einen ganz speziellen Dreh. Dahinter feierten reihenweise Schule schwänzende Kids, die mit dem politischen Zeugs überhaupt nichts am Hut hatten. Und noch weiter hinten standen Polizei-Hundertschaften in voller Kampfmontur, die dann mit ihren Helmköpfen mitgenickt haben. So nach dem Motto: ,Alter Schwede; ich bin hier auf dem Deichkind-Konzert, wie cool ist das denn!‘ Es gibt auch Videos, wo wir uns selber wundern, wenn so ein riesiger Demonstrations-Mob zum Sound von ,Remmi Demmi‘ ent­schlossen in einen Polizei-Wasserwerfer-Einsatz reingeht.“ Deichkind „pumpen und pushen“ (Grütering) eben für ein breites Erlebnisspektrum. Vielleicht trifft ja die Einschätzung eines Aktivisten aus dem Hamburger Autonomen-Kulturzentrum Rote Flora den Punkt, der Grütering erzählte , dass es im Gegensatz zu früher kaum noch explizite politische Szene-Musik geben würde. Und da werden Deichkind dann gerne mal zum Soundtrack der Widerstandsparty.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich auch der neue Song „Die Rote Kiste“, der in Kooperation mit den Hamburger Punk-Veteranen von Slime entstanden ist und von Gastproduzent Moses Schneider kongenial auf schnell und dreckig produziert wurde. Ein Verweis darauf, dass sie nicht nur mit elektronischen Mitteln zuschlagen können. „Diese rote Kiste gibt es wirklich. Sie dient uns hinter der Bühne als Material- und Klamotten-Abwurfmöglichkeit nach den Shows. Der Song steht aber auch für unser Selbstverständnis, dass wir uns nicht hinter Stilgrenzen verschanzen“, kommentiert Dürre den Ausbruch ins Punk-Lager. „Der Mond ist tot“ wiederum ist einer dieser versöhnlichen, fast schon getragenen Deichkind-Synthie-Tracks („Er ist kalt, auch wenn er strahlt“) wie es auf dem letzten Arbeit nervt-Album der Song „Luftbahn“ war. „ Partnerlook“ ist zackige-spröde Disco-Elek­tronik mit High-Energy-Verweisen und einer schnöseligen Max-Raabe-Stimme, „99 Bierkanister“ kommt mit schweren Beats und assoziativen Wortpaaren, während „Der Strahl“ auf Daft-Punk-mäßige Elektroflächen setzt: „ Die Welt ist groß – wir gehen durchs Licht“. In der Vielfalt haben Grütering und Dürre „als total verspielte Muckertypen“ die Deichkind-Formel gefunden. Auf diese Art hält das dezentrale Kollektiv die Sounds ebenso wie die Bühneneffekte ständig in Bewegung.

Es muss ein komischer Moment gewesen sein, damals 2005 im Hamburger Waagenbau-Club. Eine fatalistische Selbstversenkungsstimmung. Jedenfalls hatte die damalige HipHop-Band Deichkind nach ausgedehnten Konzerten zu ihrem zweiten Album Noch fünf Minuten, Mutti! keine Lust mehr auf sich selbst. Die damalige Besetzung mit Malte Pittner, Philipp Grütering und Buddy Inflagranti mochte keine Downbeats mehr. Das halb ironische Pimp-Gehabe wie im Video zu „Komm schon“ war genauso verbraucht wie der Reiz am Sonderlingstatus unter all den korrekten Szene-Kopfnickern. Da half auch der bis heute kickende Hit „Bon Voyage“ nicht weiter. „Malte hatte in einem Nebenprojekt eine Art Techno fabriziert und so entstand die Idee, die alten Texte über seine schnellen Beats zu rappen“, erinnert sich Phono, der damals lediglich seinen Part als Tour-DJ bediente. „Ich hatte damals diese Müllsack-Kluft vorgeschlagen, die sich auch optisch bestens zu einer improvisierten Neu­erfindung eignete: unernst, uneitel, trashig und irgendwie auch selbstzerstörerisch.“ Was anfangs bewusst dilettantisch rüberkam, musste natürlich bald eine gewisse Flughöhe erreichen, wollte man nicht als ewige Klamauk-Truppe zerschellen.

Neben dem Elektro-Geprolle, das sie unter dem „Yippie-Yeah“ -Banner bald mit Bravour beherrschten, feilten Deichkind ebenso an ihren kaputten Kommentaren zu Politik und Gesellschaft, wie sie musikalisch nachlegen konnten. Unter der Ägide von DJ Phono erlaubte man sich, immer neue Geistesblitze zu verwirklichen. Einen vorläufigen Gipfel dieser derben Recycling-Ästhetik bildete der Videodreh zu „Arbeit nervt“ in einer Industriehalle in Brandenburg, als Hunderte Deichkind-Fans in Plastiksack-Montur sich in eine überschäumende Bierbüchsen-Massen­szene stürzten. Die drückende Hitze und einfallende Wespenschwärme sorgten für zusätzlichen Anek­dotenstoff, der den Deichkind-Wahnsinn manifestiert. Ein Level, das gleichzeitig eine Herausforderung für neue Exzesse bedeutet.

„Es ging eben auch darum, sich selber zu kicken“, sagt Dürre. „ Phono ist halt schnell, das nächste Ding auszubrüten. Dazu kommen dann spontane Ideen wie diese Bierdusche, die als klassische verstrahlte Gemeinschaftsidee im Sprinter-Tourbus entstanden ist. Irgendwann sagte jemand: ,Lass uns mal zu Penny fahren und eine Europalette Bierbüchsen kaufen.‘ Plus Pfand, versteht sich. Diese wurden dann von der Bühne runter verteilt und so kam es zu dem Moment, wo sich über 1 000 vorher geschüttelte Bierbüchsen auf einmal öffneten.“ Während Dürre das spontane Anarcho-Element wichtig ist, verweist DJ Phono auf den strukturellen Ansatz seines direkten Umfeldes. Ohne die Expertise ihres genialen Bandtechnikers Stefan Hübner etwa, so erzählt er, wären viele der neuen Deichkind-Effekte gar nicht denkbar. Ein rasantes Spiel der unterschiedlichen Charaktere, in dem MC Ferris offenbar die Rolle des Krokodils im Kasperle-Theater obliegt. „MC Ferris hat ja seit Jahren dieses merkwürdige, unberechenbar gefährliche Image“, erzählt Sebastian Dürre. „Dabei ist er intern ein Tee trinkender, handzahmer Mensch, der zum Homöopathen geht. Wenn er ein Glas Sekt trinkt, ist er total besoffen. Auf jeden Fall ist er weit entfernt davon, handgreiflich zu werden. Bei einem Fernsehinterview mit Oliver Kalkofe mussten wir dann mal kurz lachen. Kalkofe wurde gefragt, ob er sich überhaupt noch auf die Straße trauen würde, nachdem er so viele Leute in seiner Sendung verarscht hatte. Keine Bedenken, sagte Kalkofe, nur bei Kay One, Bushido und MC Ferris hätte er total Schiss. Ein toller Mythos.“

Die ziemlich einzigartige Arbeitsteilung zwischen der Berliner Studio- und der Hamburger Bühnenwerkstatt-Fraktion kommt den sehr unterschiedlichen Typen innerhalb des Deichkind-Systems zugute. DJ Phono produziert unter seinem eigenen Namen eher zerbrechliche Tracks auf seinem Soloalbum Welcome To Wherever You’re Not. Dazu stellt er die komplette Daft-Punk-Liveshow als „Approbation-Art“ nach – eine Event-Reihe, die auf zehn Happenings limitiert ist wie eine Foto- oder Video-Arbeit im Galerie-Kontext. „Beim neuen Deichkind-Album hatte ich den Eindruck, dass die Jungs ohne ein spezielles Ziel stark geforscht und alles Mögliche zugelassen haben“ , sagt DJ Phono.

Über eine gemeinsame Dropbox war er über den jeweiligen Stand der Produktion informiert. Kommentare, Einwände oder Ideen waren erlaubt, das letzte Wort verblieb beim Berliner Studioteam. „Es ist für mich kein Drama, wenn mein Input dabei nicht so berücksichtigt wird“, sagt DJ Phono. Auf der anderen Seite überlässt die Musikfraktion ihm weitgehend freie Hand bei der akribischen Bühnen-Inszenierung. Wobei es im Laufe der Jahre immer mal wieder zu pharaonischen Konstruktionen kommt wie bei der „Müllkralle“. Dieses monströse Holzmodell eines Greifarms aus der Abfallwirtschaft hatte das Werkstatt-Team für ihre Kampnagel-Theateraufführung bauen lassen. „Schlappe 5 000 Euro für zwei Einsätze. Jetzt steht das Ding im Lager herum“, berichtet Dürre. Für einige Augenblicke schweben Zweifel durch den Raum. Immerhin kommt der Gedanke, dass man es auch übertreiben kann mit der künstlerischen Materialschlacht – und dabei verglüht wie Michael Jackson. Doch ebenso schnell rückt er die Neigung zum Größenwahn wieder auf ein Deichkind’sches Normalmaß zurecht: „ Natürlich neigen wir zum Inszenierungs-Overkill. Doch bei uns hat das weiterhin diese improvisierte Camping-Aura. Alles kommt schließlich direkt aus der Band selbst. Wir stehen nicht verloren auf einer Hightech-Kugelbühne herum, die mit einem Mörder-Budget zusammengekauft wurde. Wir spinnen unser eigenes, beknacktes Ding zusammen. Und wenn das zum Material-Overkill führt, dann darf das auch mal sein.“ Die kommende Attacke in nächstgrößere Dimensionen versteht man als organischen Prozess. Die quasi logische Konsequenz ihres langsamen Aufstiegs.

„Dieses Projekt brüllt in sich so sehr, dass wir uns noch eine ganze Weile darin treiben lassen können“, sagt Dürre zum Abschluss. „Und wenn wir uns irgendwann mal abgenutzt haben, wird sich das Projekt schon melden. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass es Bescheid sagt, wenn es denn mal gut ist mit unserem Blödsinn.“


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