Der milde Meuterer


Seine Vergangenheit als Sänger der Politrock-Gruppe Ton steine Scherben ist zwar nicht verges- sen, doch die Parolen neuen inzwischen persönlich gefärbten Perspektiven Platz gemacht. Anläßlich seines neoen Albums blinder Passagier sprach ME/Sounds-Mit- arbeiter Detlef Kinsler mit einem nachdenklichen Rio Reiser "ich möchte nicht ständig rumlaufen und sagen: "Morgen geht die Welt unter."

Der Begriff des „Blinden Passagiers“ assoziiert natürlich zunächst einmal Abenteuerlust und Entdeckergeist zum Nulltarif. Wenn Rio heute dieses Bild programmatisch zum Titel seines zweiten Soloalbums macht, darf man aber getrost auch andere Interpretationsmöglichkeiten unterstellen.

„Na ganz klar! Der Passagier ist der, der aufm Schiff, also unterwegs ist und nicht sieht, wohin die Reise geht. Weil er blind ist. Oder“, schiebt er nach einer kurzen Kunstpause nach, „weil er vielleicht auch die Augen zu macht.“

Wie ein roter Faden zieht sich auf Blinder Passagier der von Rio beobachtete und teilweise auch bissig kommentierte Zeitgeist: Passivität, Apathie, Resignation. „Niemand denkt hier an Meuterei“, singt er — und scheint dabei mit nostalgisch verklärtem Blick auf die 68er Bewegung zurückzuschauen. Ist Blinder Passagier ein Aufruf zu mehr Aktivität, auf gut deutsch: ein Tritt in den Arsch?

„Ein Wort wie Aktivität kann sehr zweischneidig sein. Weil man auch gleich an Aktivismus denken muß: ‚Man muß was tun, was tun, was tun…‘ Manchmal tut man auch das Richtige, indem man gerade nichts tut. Oder umgekehrt. Diese ganzen Zwänge… Der Eine sagt: Laß uns unbedingt dies machen, und: Es müssen Flugblätter verteilt werden. Und die sehen bis zum heutigen Tag genauso aus wie vor 15 Jahren: da wundere ich mich, wie man immer noch solche Sachen schreiben kann. Obwohl auch Flugblätterverteilen immer noch wichtig sein kann, wenn man etwas anders nicht transportieren kann.

Aber an diesem ständigen Was tun, was tun-Gefühl kann man auch kaputt gehen. Weil man immer wieder auf die eigene Ohnmacht stößt, weil man auch seine Ansprüche so hoch gesteckt hat.

Das will ich nicht. Davon will ich auch weg. Ich möchte mich frei fühlen können, möchte auch genießen dürfen. Was nicht heißt, daß ich ’n Auto brauche oder Pi pa po oder ’n Swimmingpool. Damit hat das gar nichts zu tun. Das kommt erst weit, weit dahinter.

Es hat damit zu tun, wie ich mich verhalte. Und ich möchte nicht ständig rumlaufen und sagen: Morgen geht die Welt unter. Obwohl ich das im ‚Blinden Passagier‘ tue und man mir deshalb schon den absoluten Kulturpessimismus unterstellt hat.“

In diesem Rio Reiser steckt neben einer gehörigen Portion Realitätsbewußtsein auch eine nicht unterzukriegende Romantik und Neugier auf das, was ihn auf seiner Reise noch erwartet. „Für mich ist mein Leben wirklich wie eine Seefahrt“, erklärt er die Tatsache, daß er diese Metapher immer wieder benutzt. „Ich habe schon immer eine große, starke Beziehung zum Meer gehabt. Obwohl ich da nicht aufgewachsen bin. Oder gerade deswegen.“

Sein latentes Fernweh („Die Idee, sich hier einfach wegzuwünschen“), seine Vorliebe für Wasser, Wind und Wellen spiegelt sich konkret in Texten wie „Runter zum Hafen“ und „Über’s Meer“ wieder, letzteres ein fast klassisches Seemannslied, das selbst Hans Albers die Tränen in die wasserblauen Augen treiben dürfte — da oben im Himmel.

Und dann sind da noch die wunderschönen Schlaflieder, die vertonten Reiser’schen Gute-Nacht-Geschichten. „Das ist doch in ’ner guten deutschen Tradition“, lacht er angesprochen darauf, ob er damit deutsche Rootspflege betreiben wolle?

„Im Nachhinein sehe ich das wirklich so und behaupte das auch einfach mal. Denn ich hab‘ sie, diese Roots. Ich setz mich aber nicht hin und mache diese Lieder absichtlich, sondern sie werden einfach so. Es gibt ein schönes Liederbuch, das Tomi Ungerer illustriert hat und ’76 oder ’78 ein Verkaufsschlager war. Das habe ich zuhause, steht bei mir aufm Klavier. Dann setz‘ ich mich manchmal ans Klavier und sing‘, Am Brunnen vor dem Tore‘ oder ,Wenn ich ein Vöglein war‘. Es gibt da sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Liedern. Manche sind einfach sehr gut und stimmen in sich; da kannst du nur sagen Punkt und das war’s. Andere sind viel schlapper, haben auch nicht den Witz und auch nicht dieses Gefühl drin.

Aber da sind schon meine Wurzeln. Damit bin ich aufgewachsen. Und ich hab‘ mich früher nicht getraut, solche Sachen zu machen. Ich konnte mich da nur ausleben, wenn ich Theatermusik gemacht habe. Aber mir ist das schon wichtig, das gehört auch dazu, zu den Roots. Warum sollen wir nicht unseren Senf auch dazu geben? Ich finde, jedes Land sollte seinen Teil dazu geben. Alles sollte sich vermischen, alle Möglichkeiten sollten offen sein. Und das ist ja eigentlich die Qualität, die Popmusik haben sollte: daß alles erlaubt ist.“

Abschlußfrage: Hat Rio Reiser eine ganz persönliche Utopie, eine Idee, dem Paradies näher zu kommen?

Rio zögert keine Sekunde: „Meine Utopie habe ich einmal ganz klar gesagt in ‚Der Traum ist aus‘, weil ich da sage, wie ich mir das vorstelle: Daß es keine Waffen mehr gibt, keine Kriege, keinen Hunger. Aber das pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern. Das wollen natürlich auch alle. In so einer Welt möchte ich gerne leben. Keine Friede-Freude-Eierkuchen- Welt in dem Sinne. Aber eine, in der es keinen Todschlag und keinen Hunger gibt. Und auch das Bewußtsein, sich, als Teil der Natur und nicht als Loch in der Natur zu sehen.“