Die 700 besten Songs aller Zeiten: Plätze 650 bis 601

von

Am 13. März 2014 ist sie erschienen, die sage und schreibe 700. Ausgabe des Musikexpress. Und die hatte es in sich: Wir hatten eine prominente zigköpfige Jury aus Musikern wie etwa Lana Del Rey, Mark Lanegan, Danger Mouse, Marteria, Thees Uhlmann, Judith Holofernes, WhoMadeWho sowie aus Autoren, Journalisten und Fachleuten von anderen Magazinen, Tageszeitungen, Radiosendern und Plattenlabels nach ihren Lieblingssongs aller Zeiten gefragt. Herausgekommen war in mühevoller Kleinarbeit nicht weniger als eine Liste mit den 700 besten Songs aller Zeiten inklusive Texten zu jedem (!) dieser Songs, und diese Liste haben wir Euch nach und nach online auf Musikexpress.de/700 präsentiert.

Hier die Einzelteile unserer „700 besten Songs aller Zeiten“ in der Übersicht:

Und hier kommen nach unseren Plätzen 700 bis 651 die Plätze 650 bis 601 im Detail:

650. Tom Petty And The Heartbreakers – „Learning To Fly“

Tom Petty balanciert auf diesem Stück, das er mit Jeff Lynne nach deren Zusammenarbeit bei den Traveling Wilburys schrieb, zwischen gefühlter Resignation und trotzigem Willen.

649. Jay-Z, Kanye West – „Niggas in Paris“

Jigga und Yeezy sind bescheiden genug, die größte Punchline des Stücks Will Ferrell zu überlassen. Eine Theorie der Ästhetik in drei Sätzen: „No one knows what it means. But it’s provocative! It get’s the people going!“

648. Nina Simone – „Feelin‘ Good“

Eigentlich eine Nummer aus dem Meta-Musical „The Roar Of The Greasepaint – The Smell Of The Crowd“ von 1964. Bereits im Musical ist der Titel ein emanzipatorischer Schlüsselmoment von Schwarz gegen Weiß. Nina Simones Vortrag macht das Stück zu einer Hymne schwarzer Selbstermächtigung.

647. Public Enemy – „Bring The Noise“

„Bass! How low can you go?“ „Public enemy #1!“ „Black is back!“ – die erste Strophe hat mehr Quotables, als andere Rapper in ihrer gesamten Karriere rausschießen. Dazu machte die Bomb Squad den besten Boys-Noize der Welt.

646. Billy Joel – „Uptown Girl“

Läuft beim Zähneputzen, wenn nebenbei das Gute-Laune-Radio dudelt. Aber irgendwoher muss das Gute-Laune-Radio ja seinen Ruf haben. Es hat es von Songs wie diesem, der die klassische Lovestory zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zum Thema hat.

645. Dusty Springfield – „You Don’t Have To Say You Love Me“

Im Treppenhaus des Studiokomplexes, so heißt es, sang Dusty Springfield die Vocals ein – der Akustik wegen. Dabei legte sie so viel Gefühl in ihre Stimme, dass man ihr die Gleichgültigkeit, die der Titel andeutet, nicht eine Sekunde lang abnimmt.

644. Falco – „Junge Römer“

Der unterkühlte, melancholische Funk aus der Feder Robert Pongers bildet die passgenaue Basis für einen der größten Texte des Falken: dekadent, sehnsüchtig, europäisch, poetisch.

643. Madness – „Our House“

Der Song erzählt von der Kindheit im Haus einer Arbeiter-Großfamilie, in dem es stets laut und wuselig zugeht. Ein überschwänglicher Ohrwurm, der Pop, Ska und New Wave vereint.

642. Edwyn Collins – „A Girl Like You“

Der Individualist Edwyn Collins hatte sein Streben nach einem Hit längst aufgegeben, da fiel ihm diese eingängige Nummer ein. Er fühlte sich zunächst nicht wohl damit, der Song schien im zu nah am Klischee zu sein. Gut, dass er über seinen Schatten gesprungen ist!

641. Tina Turner – „Private Dancer“

Ein erstaunliches Comeback für Tina Turner, die Anfang der Achtziger eher als uninteressanter Altstar galt. Mark Knopfler schrieb die Rock’n’Soul-Nummer, Jeff Beck lieferte ein Gitarrensolo und Tina Turner verlieh dem Lied durch ihre heisere Stimme einen Moment sinnlicher Tiefe.

640. The Korgis – „Everybodyʼs Got To Learn Sometime“

Ernüchterung und Einsicht kommen in wiederholten wenigen Zeilen, die jeder eines Tages verstehen wird. Die Schönheit des Stücks liegt in seiner Melodie, aber ebenso der Rätselhaftigkeit, was eines Tages verstanden werden wird.

639. Regina Spektor – „Samson“

Regina Spektor macht aus der blutigen Bibelgeschichte von Samson und Delilah ein derart wunderschönes Liebeslied, wie es am Klavier sonst wohl nur Zeitgenosse Ben Folds hingekriegt hätte.

638. Prince – „Little Red Corvette“

Funky Synthie-Popballade, die davon handelt, dass sein „Baby“ ein Leben auf der Überholspur führt. Der Ermahnungschor drängt: „U got 2 slow down!“ Kaum mehr als eine Stilübung für den Prinzen in seiner damaligen Form. Aber eben auch ein Ohrwurm bis heute.

637. Radiohead – „Exit Music (For A Film)“

Getragen, traurig, wuchtig. Da macht es nichts, dass das Stück klingt wie eine luxuriöser ausgestattete Version des ELO-Instrumentals „After All“ von 1983. Zumal sich ELO auch nur bei einer Prélude von Frédéric Chopin (Opus 28, No. 4) bedient haben.

636. The Supremes – „Where Did Our Love Go“

Mit dieser fast kindlichen Popmelodie entwickelte das Motown-Dreigespann Holland-Dozier-Holland jene Erfolgsformel, die The Supremes zur größten Poperfindung der Dekade machte. Simple Rimshots, Handclaps und schwelgerischer Call- and Response-Gesang zelebrieren den Zuckerwatte-Optimismus der Sixties.

635. Pixies – „Gigantic“

Die erste Single der Pixies war Ende der Achtziger eine Sensation des Alternative Rock – ungewöhnlich schroff dröhnten die Gitarren, lässig trug Kim Deal den Refrain über eine lüsterne Frau vor, die einem schwarzen Mann nachsteigt: „Gigantic, a big, big love“.

634. Serge Gainsbourg – „Ballade De Melody Nelson“

Serge Gainsbourg beschreibt eine junge Frau, die niemand freiwillig in den Arm nehmen würde – außer ihm. Ungenierter Chauvinismus, inszeniert mit bombastischem Orchesterpop, knackigem Funk und unterkühlten Sprechgesang.

633. William Onyeabor – „Heaven And Hell“

Von allen wiederentdeckten Aufnahmen des Musikers aus Nigeria sind vor allem in „Heaven And Hell“ die Spuren afrikanischer Musik nachzuweisen. Die entlässt er mit windschiefen Orgeltönen und Bläsern und einer „sprechenden“ Gitarre in die noch nicht globalisierte Popwelt des Jahres 1977.

632. Bon Iver – „Skinny Love“

Der Song für verunsicherte Schmerzensmänner, Ursprung allen Weirdo-Beardo-Folks und nebenbei vermutlich auch der meistgecoverte und anschließend auf YouTube gestellte Song aller Zeiten.

631. Big Star – „Thirteen“

Ein Liebeslied aus der Perspektive eines jungen Menschen, der noch nicht viel über Eifersucht und das Verlassenwerden weiß. Ein wenig mitleidig blickt man auf den vermeintlich naiven Teenager. Und wünscht sich sehnlichst, noch einmal so blauäugig zu sein.

630. Stephen Duffy & The Lilac Time – „So Far Away“

Es gibt wenige Songwriter in England, die es mit Stephen Duffy aufnehmen können – leider hat sich das nie rumgesprochen. Egal – hören wir diese wunderbaren Folkpop-Songs eben alleine.

629. The Clash – „Clampdown“

Einer der powervollsten Protestsongs gegen den Kapitalismus: The Clash verschmelzen Wut, Frustration und Gemeinschaftsstreben zu einem Revolutionsaufruf, der sich gewaschen hat. Oder gerade nicht. Und diese Bassline …

628. Talking Heads – „Burning Down The House“

Der größte Hit der Talking Heads in ihrer Karriere, zumindest was die USA und Kanada angeht. Der Song, der dank seines unwiderstehlichen Grooves sofort im Gedächtnis bleibt, basiert auf einem Instrumental von Tina Weymouth und Chris Frantz.

627. Billy Bragg – „A New England“

Der junge Mann und seine elektrische Gitarre, den alle für politisch halten und der doch nur eine neue Freundin haben möchte. Die besondere Tragik: Er hält zwei Satelliten für Sternschnuppen. Ein größerer Hit war die Version von Kirsty MacColl, mit einer Extrastrophe von Bragg.

626. The Beach Boys – „Surfer Girl“

Kleine Doo-Wop-Ballade, die unschuldig wie ängstlich Liebe und Sehnsucht feiert – und die Finesse durchscheinen lässt, die die Band später zu einer der wichtigsten der 60er-Jahre werden ließ.

625. Ebo Taylor & Uhuru Yenzu – „Love And Death“

„Love And Death“ ist ein wahrer Killer-Song. Unaufhörlich antreibende Tribal-Beats, ein Funk-Bass und Frauenchor sowie imposante Bläsersätze prägen dieses unwiderstehliche Tanzstück.

624. Mazzy Star – „Fade Into You“

Irgendeine verstecke Mystik liegt in dem Song. Hört man ihn an einem belanglosen Vormittag, wirkt er träge. Aber wehe, der Abend ist gekommen, der Nebel zieht durch die Straßen und der Kopf steckt voller Gedanken – dann ist er der beste Song für schwierige Situationen.

623. Paul Simon – „Graceland“

Auf Paul Simons größtem Album der Song mit den geringsten Bezügen zu Afrika. „Graceland“ beschwört zu wippenden Beats Bilder vom amerikanischen Südwesten.

622. Neil Young & Crazy Horse – „Cowgirl In The Sand“

Der erste jener monströsen Jams, die Youngs Zusammenarbeit mit Crazy Horse definieren werden: elegischer Folkrock, in den er brutal verzerrte Gitarrensolo-Splitterbomben stürzen lässt.

621. Orange Juice – „Rip It Up“

Ein Roland-303-Bassblubbern, eine Chic-Gitarre, angetäuschtes Soul-Crooning: Das war nicht mehr nur der „Sound Of Young Scotland“, den Orange Juice auf dem Eröffnungslied ihres zweiten Albums präsentieren.

620. George Harrison – „All Things Must Pass“

Eben hatten The Band Americana als Stil begründet – und der Ex-Beatle George Harrison eiferte nach. „All Things Must Pass“ war einst von Lennon und McCartney abgelehnt worden, hier leuchtet der Song in opulenter Pracht.

619. Prince And The Revolution – „Let’s Go Crazy“

Vier Singles aus PURPLE RAIN haben es in diese Bestenliste geschafft. Die zweite Auskopplung daraus, „Let’s Go Crazy“, hätte sich als erste empfohlen: Denn das Stück ist mit beorgelter „Afterlife“-Preisung zum Auftakt, Uptempo-Beats und heftiger Gitarren-Gniedel-Action ein großartiges Eröffnungsfeuerwerk vor dem (lila) Herrn

618. Led Zeppelin – „Kashmir“

Ein Monolith, angetrieben von John Bonhams stampfendem Marschrhythmus, um den sich verschnörkelte Gitarren- und Mellotron-Arabesken schrauben und Robert Plants Stimme sich den Weg bahnt durch ausgedörrte Wüstenstraßen.

617.  Sly & The Family Stone – „Dance To The Music“

Sly Stones damaliger Label-Boss Clive Davis forderte kommerzielleren Sound. Den lieferte ihm diese stampfende Partyhymne, die mit ihrer Collagen-Art die Musikwelt nachhaltig änderte.

616. The Beach Boys – „Heroes And Villains“

Brian Wilson und Van Dyke Parks legen die Latte gleich bei ihrer ersten Zusammenarbeit so hoch, dass darunter ein Konzertflügel und ein Sandkasten im Wohnzimmer hindurchpassen: symphonischer Vaudeville-Surfrock, der Bach, Bacharach und die Beatles abhakt.

615. Carly Simon – „You’re So Vain“

West Coast Rock geht nicht eingängiger als die Ode an den Eitelsten unter den Eitlen, der überzeugt ist, derjenige zu sein, der da besungen wird. Warren Beatty bedankte sich bei Carly Simon ungefragt für den Song.

614. Steppenwolf – „Born To Be Wild“

Ein zeitloses Gitarrenriff, ein genialer Stampfrhythmus und das Versprechen, im Sattel eines Feuerstuhls warte die Freiheit. Verantwortungsloser Eskapismus und schwere E-Gitarren: ein Erfolgsrezept, die Geburt des Heavy Metal

613. Element Of Crime – „Weißes Papier“

Wäre Sven Regener Franzose, er hätte hier einen Chanson für die Ewigkeit geschrieben. Die Bilder sind simpel, weise und poetisch. Ein Akkordeon jammert langsam im Hintergrund, am Ende zieht es den Bremer natürlich ans Meer.

612. Refused – „New Noise“

„New Noise“ ist programmatisch – Punk will eat itself: Errichtet um das massivste Gitarrenriff, das 90s-Hardcore hervorgebracht hat, formen die Schweden mit Jazz, Prog, Post-Rock und nackter Wut mitreißenden Punk, der das Neue und Ungehörte mit Vehemenz einfordert.

611. Blondie – „Atomic“

Nach „Heart Of Glass“ der zweite große Disco-Hit der Band, der sich auch soundtechnisch stark an den Vorgänger anlehnte. In den USA hatte die Disco-Welle bereits ihren Zenit überschritten, dort reichte es nur zu Platz 39.

610. Ministry – „Jesus Built My Hotrod“

Ding a ding dang my dang a long ling long. Ein Lied, das Industrial, Redneck-Metal und Biker-Rock’n’Roll so stumpf in den Teilchenbeschleuniger packt, hat kein Recht, so unverschämt eingängig zu sein.

609. Manu Dibango – „Soul Makossa“

Der Saxofonist aus Kamerun nahm in Paris „Soul Makossa“ als eines von vielen afrozentrischen Tanzstücken auf. Als der Song über Umwege in den USA landete, schlug er in den dortigen Clubs ein und legte das Fundament für Disco.

608. Dr. Dre & Snoop Dogg – „Nuthinʼ But A ʼGʼ Thang“

Die untergehende Sonne, der Arm aus dem Fenster, dazu der blutjunge Snoop und die pfeifende Keyboard-Melodie, die den G in den Funk bringt. Der Hang von Dr. Dre zum Perfektionismus ermöglicht diesen Track für die Ewigkeit.

607. Fela Kuti – „Zombie“

Mit „Zombie“, einer engagierten Anklage des nigerianischen Militärs, etablierte Fela Kuti den Begriff Afrobeat in der westlichen Musikwelt. Der Song sowie der Longplayer gelten bis heute als Fela Kutis einflussreichste und wichtigste Veröffentlichung.

606. The Who – „Pinball Wizard“

Die Geschichte des traumatisierten WW2-Kids Tommy Walker. Herzstück der Rockoper „Tommy“ – und ein echter Rock-Klassiker.

605. Sugar – „Changes“

Anfang der 90er-Jahre stand Bob Mould kurz auf der Sonnenseite des Lebens, entsprechend entspannt und kraftvoll blickt er auf die Veränderungen des Lebens. Später hörte man diese in den Ohren klingelnde Gitarre in 90 Prozent aller guten Emo-Core-Hits wieder.

604. John Cale – „(I Keep A) Close Watch“

Die Titelzeile borgte Cale bei Johnny Cash, und seltsamerweise herrscht hier auch eine Stimmung wie beim späten Cash, mollgetränkt und abschiedsschwer.

603. Hüsker Dü – „Don’t Want To Know If You Are Lonely“

Einer der maßgeblichen Songs, der Punk Mitte der Achtziger endgültig mit Pop versöhnte und deshalb zu Recht als Wegbereiter des Alternative Rock gilt.

602. R.E.M. – „The Sidewinder Sleeps Tonite“

Nicht der offensichtlichste Hit von R.E.M., aber einer der nachhaltigsten. Michael Stipe verbindet in dem Song das Ungestüme der Frühphase mit den Kniffen, die sich die Band aus Athens über die Jahre draufschaffte.

601. The Weakerthans – „Left And Leaving“

Keiner liest so viel auf Tour wie Sänger John K. Samson. Kein Wunder, dass der Text von „Left And Leaving“ wie eine Romanpassage wirkt: Die Stadt atmet, der Bürgersteig schaut dem Protagonisten beim Vermissen zu: „Someone chooses who’s left and who’s leaving.“


Archivclip: Green Day feiern INSOMNIAC-Jubiläum mit Konzertvideo
Weiterlesen