Spezial-Abo

Popkultur

Die neue Trübseligkeit: Emo-Trap, Sadcore und Lofi-Pop im Überblick

von

„Ein bisschen Melancholie ist manchmal ok“, sangen vor neun Jahren Kraftklub in ihrem Song „Melancholie“. Sie erklärten auch warum: „Glückliche Menschen sind nicht interessant.“ Dem stimmte im vergangenen Oktober auch Bela B. von den Ärzten im Song „Clown Aus Dem Hospiz“ zu: „Wenn der Künstler glücklich ist, nimmt man von ihm kaum noch Notiz.“ Wenn also Melancholie nicht nur Inspirationsquelle, sondern auch eine Marketingstrategie ist, wundert man sich nicht über die vielen neuen trübseligen Genres wie Emo-Rap, Sadcore und Lofi-Pop. Hier die wichtigsten Stationen der Schwermut in der Popkulturgeschichte.

(Pop-)Kulturgeschichte

1969 veröffentlichte der Soziologe Wolf Lepenies seine Dissertation Melancholie und Gesellschaft, in der er als einer der ersten versuchte, eine Kulturgeschichte der Melancholie zu schreiben. Diese begeisterte etwa Diskurspopper PeterLicht derart, dass er sein 2008er-Album danach benannte.

Für Lepenies waren Melancholie und erst recht Langeweile umkämpfte Privilegien. So zelebrierte das aufbegehrende Bürgertum im Salon des 18. Jahrhunderts seine Melancholie, während es den Adel am königlichen Hof um seine faule Langeweile beneidete. Sich hemmungslos der eigenen Traurigkeit oder Fadheit hingeben zu können, muss man sich also leisten können, wie Bela B. in „Bielefeld“ zugab: „Ich denke, dass eine Mutter in Aleppo sich auch ganz gern mal langweilen würde.“ Im 19. Jahrhundert waren Melancholie und Langeweile nur noch ein Spleen aristokratischer Dandys, die der „guten alten Zeit“ nachtrauerten.

Chillen statt rocken

Die Jugend des 20. Jahrhunderts verstand ihre wilde Rockmusik hauptsächlich als Gegenprogramm zur als „trist“ und „langweilig“ geltenden Klassik ihrer Eltern. Erst in den 1980ern wurden nach der gescheiterten Rock- und Punkrevolution Subkulturen möglich, die der Schwermut und Weltabgewandheit frönten – wie etwa Gothic, Post-Punk und Metal. Sind die Eltern nicht zu besiegen, kann man ihnen eben nur aus dem Weg gehen. Man denke auch an die aggressive Langeweile des Collegerocks und des Grunge mit Nirvanas Aufschrei „Entertain us!“ in den 90ern. Entsprechend stockte in den 2000ern auch die Kreativität und führte zum Wiederholungszwang, wie Simon Reynolds in seinem Werk Retromania betont.

Der große Bruch der nächsten Generation mit dem Rock während der 2010er in Form des HipHop ließ den Wunsch nach Melancholie und Langeweile wieder zum erstrebenswerten Luxus werden. Vor 2020 schwelgte die Netzkultur in neuen Chill-Genres und deren Anhänger*innen nennen sich Sadbois und Sadgirls. Im Lockdown der Coronakrise verstärkte sich der Trend zu den Plattform-Genres erst recht. Eine Übersicht.

Emo-Rap

Nu Metal und Emo-Punk der 1990er beeinflussten in den 2010ern junge Rapper. Melancholie und Langeweile wurden hier zu Depression und Wut gesteigert. Schon Crossover-Stars wie Eminem hatten gezeigt, dass HipHop und Rockmusik sich sowohl musikalisch wie auch lyrisch vermischen können. Die größten Talente des Emo-Raps, Lil Peep und XXXTentacion, konzentrierten sich auf Themen wie Drogenrausch, Depression, Sexismus und Zorn. Interessanterweise folgte aus ihren frühen Toden 2017 und 2018 kein Märtyrerstatus, wie etwa noch für Nirvana-Sänger Kurt Cobain. Sie starben ebenso unglücklich, wie sie gelebt hatten, ohne damit etwas auszulösen. Dass Emo-Rapper wie Lil Lotus, Poorstacy, Powfu und Iann Dior jetzt nicht mehr auf SoundCloud angewiesen sind, sondern ordentliche Plattenverträge erhalten, zeigt, dass dieses Crossover-Genre überleben wird. Und wem die emotionalen Trips der Trap-Rapper noch nicht unglücklich genug sind, der hört sie sich noch extra verlangsamt an.

Sadcore/Slowcore

Auch dies ist freilich keine neue Idee. In den 90ern hatten einige Indie- und Countrybands wie Red House Painters und Savoy Grand keine Lust mehr auf wütenden Grunge und fingen an, ihre Songs auf langsame Gitarrenlinien zu reduzieren. Gefühle von Einsamkeit und Verlorenheit, wie man sie vom Singer/Songwriter-Genre kennt, wurden jetzt groß in Szene gesetzt. Es sind aktuell gerade Diven wie Lana Del Rey und Cat Power, die sich großer Beliebtheit bei unglücklich Verliebten und enttäuschten Frauen erfreuen. Während Sängerinnen wie Cat Power in der Tradition von Indierockbands stehen, holt Lana Del Rey den aristokratischen Touch der Langeweile zurück in die Jetztzeit. Flower Face, Lisa Germano oder Scout Niblet klingen zwar authentischer als viele weibliche Popstars. Doch keine erreichte für die Netz-Szene je einen Status wie die mysteriöse Singer/Songwriterin Shiloh Dynasty aus Maryland in der Mitte der 2010er.

Lofi-Pop

Unabhängiger Pop braucht heutzutage kein Studio mehr. Aktuelle Musikprogramme können alles, was ein Musiker oder eine Musikerin braucht und passen in einen Laptop im Schlafzimmer. Protagonist*innen wie Joji, Yaeow, Hashir, Bran und F.L.O.A.T singen über Lofi-HipHop-Beats oder Vaporwave-Synthies, gern autotuned wie so manch ein Cloud-Rapper. Während etwa Sängerin Grimes mit einem kreativen Elektro-Genremix die Welt eroberte, ist dieser Pop völlig nostalgisch. Bemerkenswert ist die tiefe Melancholie in den kitschigsten Produktionen. Die Einsamkeit des Künstlers vor seinem Privatcomputer ist die des Users im Internetzeitalter. Früher mussten Fans selbst eine Band gründen, um das Bühnengefühl des Stars zu spüren. Jetzt verwischt die Grenze zwischen Konsument und Anbieter im digitalen Medium.


ME-Talk auf Clubhouse: Wie kann Popmusik Teenager*innen empowern, Leepa?
Weiterlesen