Spezial-Abo

Die Schallplatte lebt – ein bisschen

von

Wir schreiben das Jahr 2962. Außerirdische Humanoide entdecken auf der Erde Überreste der menschlichen Kultur. Die Menschheit ist vor Hunderten von Jahren ausgestorben – nicht, wie man meinen könnte, durch die Folgen einer atomaren Katastrophe, sie ist auch nicht an ihrem eigenen Müll erstickt, sondern an einer seltsamen Krankheit des Genicks ausgestorben, verursacht durch die Krümmung des Kopfes durch permanentes Starren auf mobile Kommunikationsgeräte. Die Außerirdischen finden bei ihren Grabungen eine Reihe von Hollywoodfilmen aus den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts. Die Filme werden von Wissenschaftlern genau analysiert, um das Leben und den Alltag der Menschen in dieser Epoche zu rekonstruieren. Es werden wichtige Erkenntnisse über kulturelle Gepflogenheiten gewonnen. Zum Beispiel diese: Die archaischen stationären und mobilen Computer, die damals von den Menschen benutzt wurden, stammten ausschließlich von einem Hersteller, dessen Markenzeichen ein angebissener Apfel war. Und: Obwohl damals schon längst die technischen Voraussetzungen dafür bestanden haben mussten, um Musik digital zu konsumieren, bedienten sich alle Menschen doch eines seltsamen elektromechanischen Apparates, der Musik abspielte, die analog auf schwarzen Kunststoffscheiben gespeichert waren.

Zugegeben, das oben beschriebene Szenario ist eher unrealistisch. Unsere Zeit wird in tausend Jahren keine Spuren hinterlassen haben, weil die Clouds dann längst verweht sein werden und ihre digitalen Datenspeicher korrodiert und verrottet. Aber Hollywood und die Werbung zeichnen ein idealisiertes Bild der Realität, das später mangels Vergleichsmöglichkeiten als die einzige Realität gewertet wird. Apple-Computer haben einen Marktanteil von nicht einmal zehn Prozent, zu dem zu vernachlässigenden des Vinyls kommen wir später. Und trotzdem sehen wir ständig hippe, junge Menschen in Werbung und Spielfilmen, die über Apple-Gadget-Vollausstattung verfügen und in ihren hippen Designerwohnungen Musik von Schallplatten hören. Apple ist hip, Vinyl ist hip, Vinyl ist wieder da.

Aber so einfach ist die Sache nicht.

Als im Frühjahr der Bundesverband Musikindustrie seinen Bericht über die Entwicklung des Musikmarktes im Jahr 2014 in Deutschland vorlegte, stürzten sich die Mainstream-Medien wieder auf einen bestimmten Teilaspekt des Gesamtmarktes: die seit Mitte der Nullerjahre zu beobachtenden zweistelligen Zuwachsraten bei den Verkäufen von Vinyl. Weil das ja schon irgendwie ein Fun Fact ist, dass im Jahr 2015 ein totgesagtes Format immer noch irgendwie lebt, das ist auch für Leser von Interesse, die sich nicht für Musik und Formate interessieren, das ist eine Meldung wert, so wie wenn vor den Galapagos-Inseln eine als ausgestorben geltende Fischart gefunden worden wäre. Eine Tageszeitung schrieb damals unter fahrlässiger Verkennung der Tatsachen, die CD liege „wie Blei in den Regalen“. Tatsache ist, dass der Absatz von Vinyl im Jahr 2014 wieder um 27,2 Prozent gestiegen ist, nachdem die Verkäufe 2013 bereits um 43,1 Prozent angestiegen waren – was den anhaltenden Trend aus dem Jahr 2006 bestätigt. Aber sehen wir uns den Markt genauer an. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 108 Millionen Alben verkauft (physisch und digital) – das ist zunächst erfreulich für die dauerjammernde Musikindustrie, denn zum zweiten Mal in Folge ist der Absatz relativ stabil geblieben. Den 1,8 Millionen Schallplatten, die 2014 verkauft wurden – so viel wie zuletzt im Jahr 1992 – stehen allerdings 87,1 Millionen verkaufte CD-Alben entgegen. Auch wenn CDs nicht aus Blei hergestellt werden, kommt da bei fast 90 Millionen Stück schon ein ordentliches Gewicht zusammen. Die CD bleibt – zumindest im eher konservativ ausgerichteten deutschen Musikmarkt – der dominierende physische Tonträger und liegt nicht wie Blei in den Regalen.

Das viel gehypte Comeback des Vinyls ist ein Phänomen in der Nische. Werfen wir einen ungesicherten Blick in die Zukunft. Wenn sich die Entwicklung so fortsetzen würde wie bisher, ist davon auszugehen, dass die CD weiter an Bedeutung und Marktanteil zugunsten digitaler Formate verlieren wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schallplatte bleiben, aber auf lange Sicht keinen wesentlich größeren Marktanteil gewinnen wird. Der große Gewinner wird das Musik-Streaming sein, das im Jahr 2014 einen Marktanteil von 8,2 Prozent erreicht hat. Die Anzahl der Streamings hat sich von 2012 bis 2014 von 99 Millionen auf 329 Millionen erhöht. Der Bundesverband Musikindustrie rechnet mit 22 Millionen Streaming-Nutzern bis 2018. In zehn Jahren könnte Streaming die CD als „Haupttonträger“ abgelöst haben.

Damals wurden viele Alben gar nicht erst auf Platte veröffentlicht.

1978 wurden in Deutschland 64 Millionen LPs verkauft, die größte Anzahl im Land in der Geschichte der Schallplatte. Ab da gingen die Verkäufe sukzessive zurück. Zunächst durch die Konkurrenz der billigeren Musikkassette, und dann ab 1982 Zug um Zug mit der Einführung der CD. Diese hatte nicht einmal zehn Jahre gebraucht, um die LP als Standardtonträger abzulösen. Im Jahr 1989 wurden erstmals mehr CDs (56,9 Millionen) als LPs (48,3 Millionen) verkauft. In den 1990er-Jahren spielte die LP keine Rolle mehr, es war das dunkle Zeitalter für das Vinyl. Damals wurden viele Alben gar nicht erst auf Platte veröffentlicht. Und falls doch, dann in verschwindend kleinen Auflagen, die die Preise auf dem Second-Hand-Markt explosionsartig in die Höhe schnellen ließen. Erst ab dem Jahr 2006 (300 000 verkaufte LPs) ging der Absatz von Jahr zu Jahr permanent nach oben. Für 2014 bedeutet das: die CD erwirtschaftete mit einem Marktanteil von 66,4 Prozent zwei Drittel der Musikumsätze in Deutschland. Demgegenüber steht der Marktanteil der LP von eher bescheidenen 2,6 Prozent.



Willkommen in den Neunzigern: „Never Forget – der 90er-Podcast“ ist da!
Weiterlesen