Die Schönheit des Zauderns


Die Fleet Foxes schlagen mit ihrem zweiten Album und einem Sack voller schwerer Gedanken auf. Kein Wunder, hat sich Robin Pecknold doch zwischendurch sogar die Frage gestellt, ob er der Welt nicht Wertvolleres geben könnte als seine Musik.

Die Fragen, die Robin Pecknold umtreiben, fangen alle mit einem kapitalen W an. Warum bewegt sich die Erde um die Sonne? Warum hat man uns das Leben geschenkt, nur damit es eines Tages aufhört? Und: Was hilft es, den Blues der Hilflosigkeit zu singen? Antworten findet der 25-jährige Songwriter aus Seattle keine, nicht im Gespräch und auch nicht in seinen Songs. Wenn Pecknold sich seine Gedanken darüber macht, wo wir herkommen und wo wir hingehen, fasst er sich an die Lippe oder krault sich im Bart. Als könnte das Geheimnis des Großen irgendwo im Kleinen versteckt sein. Oder in den unendlichen Tiefen des Universums.

In astronomische Dimensionen ist der Fleet-Foxes-Sänger bei der Lektüre der Werke des populären amerikanischen Astrophysikers Carl Sagan1 (1934-1996) vorgedrungen: „Seine Schriften sind fantastisch. Sagan nimmt dich von der Erde mit in die hintersten Winkel des Universums. Diese Reise hat mir geholfen, Perspektiven zu hinterfragen, selbstreflexiver zu werden.“ Was schon eine Umschreibung für das neue Album der Fleet Foxes sein könnte: Helplessness Blues darf als Sammlung existenzieller Fragezeichen, als Anthologie von Gedankenspielen, Träumen und philosophischen Betrachtungen verstanden werden, die erst in den schicken Akustikgitarren-Räumen effektvoll zu schillern beginnen.

Auf das neue Songdutzend der Fleet Foxes, das Ende April erscheint, hat die weltweite Fangemeinde drei Jahre warten müssen. Drei Jahre, die die Erwartungen ins Blaue trieben. Das Debüt der Band aus Seattle war 2008 unverzüglich zum Klassiker der Popmusik erklärt worden, obwohl es sich nüchtern betrachtet um ein Designer-Stück aus der Retro-Werkstatt handelte – mit Verweis auf prominente Zeitläufte. Aber wer wollte den vollendeten Satzgesängen widerstehen, die wie durch ein Kathedralenrund kreisten und wahlweise an Crosby, Stills, Nash & Young, Simon & Garfunkel und die Beach Boys erinnerten? Solch wunderbaren Wohlklang hatte niemand mehr für den Pop der Nuller auf der Rechnung gehabt, so viel Schönheit überrumpelte. In den kunstvoll verschachtelten Melodien der Fleet Foxes nahm die Sehnsucht nach der Einswerdung mit dem Universum formvollendet Gestalt an. Mit den Liedern der US-Band fiel man in weiße Winterlandschaften, erklomm die „Blue Ridge Mountains“, tauchte in das Klirren der Gitarren und Mandolinen ab und im Zirpen der amerikanischen Abendnacht wieder auf. Musik wie ein langer, guter Atemzug in einer sauberen, klaren Welt.

Robin Pecknold winkt bei Natur-Assoziationen aller Art ab: „Es war ja schon damals nicht so, dass wir als Landeier aus der Mitte des Nichts kamen. Die Natur war bereits auf dem ersten Album eine Metapher für das, was in uns passierte. Wenn ich heute darüber singe, wie es wäre, wenn ich einen Obstgarten besäße, hat das mehr mit ‚If I Had A Hammer‘ zu tun als mit einem echten Obstgarten.“ Der konjunktivische Obstgarten taucht im Titelsong des Albums Helplessness Blues als zentrales Gedankenspiel auf: Im eigenen Obstgarten würde er arbeiten, bis seine Hände rau würden, singt Pecknold mit der Unschuld des braven Mannes, der nur sich und seine Liebsten durchdringen will. Das Bild reicht weiter: Der Mann, der von seiner eigenen Hände Arbeit leben kann, ist das Gegenstück zum Rädchen in der Maschine, das als Metapher für systematische Ernüchterung steht: Werden wir nicht etwas ganz anderes, als wir uns erträumt haben? „Du triffst Entscheidungen im Leben, weißt aber nicht, was es bedeutet, einen bestimmten Weg zu gehen“, erklärt Robin Pecknold. „Als Teenager war Musik mein Ein und Alles – Musik hören, Musik spielen, Songs schreiben. Nach unserem Debütalbum und der Tournee stellte ich mir die Frage: War das die beste Entscheidung, die du hast treffen können? Ist Musikmachen so wichtig wie die Kultivierung von Beziehungen? Oder die Gründung einer Familie? Oder etwas zu schaffen, das einen Wert für die Gesellschaft hat?“

Die Band, der Pecknold als Sänger und Songwriter vorsteht, hat sich von Beginn an um die Aufrechterhaltung von Werten und Traditionen verdient gemacht. Ihre Musik wurde als „Himmelsgabe“ („Die Welt“) bezeichnet oder zum „spirituellen Grenzgang für Agnostiker“ („Die Zeit“) erklärt. Die US-Presse entdeckte den Geist der Americana in den „Apfelkuchenstimmen“ der Musiker, vorausgesetzt, man meint die Americana von Stephen Foster, Aaron Copland und Van Dyke Parks. Das Erdige, Trockene und Direkte vieler No-Depression-Bands ging den Fleet Foxes von Anfang an ab. Als Anführer einer Beardo-Folk-Bewegung, die sich in Naturmetaphern erfindet, war die Band schon deshalb undenkbar, weil ihr jede Form von Vereinnahmung suspekt, jede Kategorisierung ein Rätsel ist. Robin Pecknold verkörpert einen anderen Typ Amerikaner: den kreativen Zweifler der Ära Obama, der sich in seinem Mikrokosmos von allen Führungsansprüchen distanziert. Pecknold steht im Ruf, ein besonders höflicher, überaus selbstkritischer („Egal, was die Leute sagen, ich denke immer, wir sind eine schlechte Band“) Zeitgenosse zu sein. Im Interview an diesem Morgen wird er zum Grübler und Zauderer, der Sätze abbricht, seine Finger in der Gesichtsbehaarung vergräbt. Einer, der nichts dagegen hat, zu dokumentieren, dass er auch nicht weiterweiß.

Robin Pecknold ist am Rande von Seattle in einer Familie aufgewachsen, der Musik sehr wichtig war. Die Mutter spielte Piano, der Vater baute Gitarren und jammte nebenbei in einer Band. „All die von ihm gebauten Instrumente zu sehen, die bei uns im Haus herumstanden, das war meine Einführung in die Musik“, erzählt Pecknold. „Ich hatte die Musik immer vor Augen und in meinem Kopf.“ Und auch noch eine andere Geschichte erzählt Robin Pecknold: Als Kind soll er Übergewicht gehabt und sich in seine Bob-Dylan-Welt geflüchtet haben. Um Cobain und Nirvana kam der Junge aus Seattle zwar auch nicht herum, aber interessiert haben ihn die Platten, die sein älterer Bruder anschleppte, nie ernsthaft.

Wenn Seattle als Ort überhaupt einen messbaren Einfluss auf die Musik der Fleet Foxes haben sollte, dann ist dieser mit Sicherheit nicht dem Grunge geschuldet. Die Songs von Pecknold geben nur vage Hinweise auf die geografische Lage der Metropole an der Westküste der Vereinigten Staaten, zwischen der Hipster-Kolonie Portland und dem coolen Vancouver, die Olympic Mountains im Westen. Verbunden ist die Musik der Foxes vielmehr auf der Zeitachse mit dem Great American Songbook2. Sie thematisiert das, was Folk jederzeit aktuell macht: Die Erfahrung des Ich in seiner engsten Umgebung. Das Urerlebnis des Kampfes. Sie besitzt den Unschuldssound, den wir unseren schönsten Hollywoodprojektionen zuordnen, Bilder von pilgrim fathers und frommen Siedlern. Dass dieses Arrangement bei den Fleet Foxes nie zum Kitsch wird, ist der überlegenen Songwriterkunst Robin Pecknolds zu verdanken, in der das Schwere so einfach, so klar klingt.

Lange schlummerten diese Qualitäten jedoch in der Schublade. Erst in der Band, die Pecknold mit seinem Schulfreund Skye Skjelset gründete, begannen seine Folk-Melodien ihren eigenen Klang zu entwickeln. Anfangs firmierten die beiden unter dem Namen The Pineapples, nach diversen Umbesetzungen und umbenannt in Fleet Foxes entsteht der Markenzeichensound der Band, erstmals festgehalten auf der EP „Sun Giant“: die durch den Raum wandernden Gesänge, die den Songs gleichzeitig eine pastorale Strenge und eine folkige Leichtigkeit verleihen. Vorgetragen von einem Haufen bärtiger Karohemdenträger, die so ausschauten, als hätte man sie von einem Hippiefestival der späten Sechziger entführt und zur Freude des Publikums mitten in einer amerikanischen Großstadt ausgespuckt. Wer in der traditionsbewussten Folkband reflexartig die Enkel der „Generation Woodstock“ ausmachte, lag dennoch knapp daneben. Woodstock taucht im Sprachschatz der Fleet Foxes nicht einmal als Chiffre für Gegenkultur oder als großer amerikanischer Mythos auf. Das Ereignis Woodstock entziehe sich insgesamt seiner Beurteilung, sagt Robin Pecknold, weil er damals doch noch gar nicht geboren war.

Die Musik der Ära liegt als Einfluss dennoch offen auf dem Tisch. Natürlich schätzt Robin Pecknold die Chorgesänge von CSN&Y, früh hat er sich in Brian Wilsons Klangfantastereien verliebt: „Klar, ich gehöre zu den Typen, die die Beach Boys schon als Kind gehört haben. Als Teenager habe ich mich in ihre Musik vertieft, die Beach-Boys-Stücke, die ich mir heute abgesehen vom ‚Smile‘-Bootleg am häufigsten anhöre, sind die reinen Gesangstracks, die in der Pet Sounds-Box zu hören sind.“ Das Studium hat eine gewisse Vorliebe für zweigeteilte Songs ergeben: „‚Cabinessence‘ aus den, Smile‘-Sessions gehört zu meinen absoluten Favoriten. Klingt, als hätten sie Strophe und Refrain zu ganz unterschiedlichen Zeiten aufgenommen, die Instrumente unterscheiden sich total. Das ist für mich interessanter als all die Songs, in denen die Bridge perfekt der Strophe folgt.“

Zitate, Querverweise, Liebhabereien – all das hat Platz in den opulenten Folkpop-Fantasien der Fleet Foxes. Anders ausgedrückt: Die Band bedient sich erfolgsversprechender Zutaten. Robin Pecknold musste nur bei Carl Sagan nachlesen, der posthum zum YouTube-Videostar aufgestiegene Wissenschaftler liefert ihm den Spruch fürs Poesiealbum: „Sollten wir uns in den Kopf setzen, unseren Apfelkuchen von Grund auf selber zu machen, müssten wir erst das Universum erfinden.“

1 Carl Sagan

Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer war ein wichtiger Wegbereiter der Exobiologie, die die Möglichkeit der Entstehung und Existenz von außerirdischem Leben erforscht. Als Professor und Laborleiter schickte er zahlreiche unbemannte Flugkörper mit ins All, um unser Sonnensystem zu erforschen. Sagan hatte die Idee für die beiden Datenplatten „Voyager Golden Record“, die seit 1977 als Botschaft an außerirdische Intelligenz an Bord zweier Voyager-Sonden unterwegs sind.

2 Great American Songbook

Diese Sammlung von Songs aus der „traditionellen Popmusik“ ist kein tatsächliches Buch, sondern eine Liste herausragender Beispiele für diese Epoche von den 1930ern bis in die 1960er-Jahre. Darin enthalten sind vor allem Musical-Titel, oftmals beeinflusst vom Jazz, vor allem aber dem Swing verpflichtet. Die Bedeutung dieser Standards ist eng mit dem Erfolg des Radios als Massenmedium dieser Zeit verwoben.

Under the influence of

Die weniger nahe liegenden Inspirationen des Robin Pecknold

Welche Musik hat Fleet-Foxes-Songwriter Robin Pecknold geprägt, außer jene, von der wir es uns von Anfang gedacht haben – die der Beach Boys und von Crosby, Stills, Nash & Young? Das epische 1971er Album Stormcock des britischen Folk-Sängers und -Gitarristen Roy Harper zählt zu den Einflüssen, die Pecknold in Interviews zur Produktion von Helplessness Blues immer wieder herausstellt: „Jimmy Page spielt darauf die zwölfsaitige Gitarre … keine Akkorde … die Lyrics – einfach schön. Es hat diesen Akustik-Heavy-Metal-Vibe, er bringt diese intensiven Parts mit der akustischen Gitarre.“ Beim mehrteiligen neuen Foxes-Track „The Shrine/An Argument“ verweist Pecknold auf die Bedeutung von John Coltranes (Foto) legendärer Kollektivimprovisation Ascension (1965), die bei ihm zur Zeit der Aufnahmen auf dem Plattenteller lag. Im letzten Drittel des Stückes tritt eine Bassklarinette aus den Sphären des Freejazz in die stille Welt des Folk, weiter haben sich die Fleet Foxes nie von ihren Ursprüngen entfernt. Und, gibt’s aktuelle Lieblinge? Das 2010er-Album Teen Dream der Sub-Pop-Labelkollegen Beach House zählt für Robin Pecknold zu den besten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre.

Albumkritik S. 94