Ed O’Neill wird 75: Warum Al Bundy und Jay Pritchett so verschieden gar nicht sind

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Ed O’Neill ist am 12. April 2021 75 Jahre alt geworden. Seine Karriere prägten vor allem zwei Rollen: Sowohl in der erfolgreichen Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“ als auch in der beliebten Mockumentary „Modern Family“ mimte er ein Familienoberhaupt. Der größte Unterschied zwischen Al Bundy und Jay Pritchett ist ihr Kontostand: Während Ersterer als Schuhverkäufer in Chicago ein Dasein am Existenzminimum fristet, hat sich Letzterer als Millionär in seiner kalifornischen Villa eingerichtet. Jenseits davon verbindet sie jedoch mehr, als sie trennt – auch wenn Ed O’Neills erste große Rolle heute kritischer beurteilt wird als seine zweite.

Denn heißgeliebte TV-Serien aus den 1980er-, 1990er- und frühen 2000er-Jahren wurden zuletzt einer nochmaligen Überprüfung nach heutigen gesellschaftlichen Standards unterzogen. Egal ob „Baywatch“, „Friends“ oder „How I Met Your Mother“: Ein Großteil der Sitcoms ist nicht gut gealtert oder war schon zu Zeiten der ursprünglichen Ausstrahlung problematisch. Auch die in Deutschland erstmals zwischen 1992 und 1996 ausgestrahlte Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“ hält einer solchen Analyse in der Tat nicht stand: sexistische Witze, „fat shaming“ und sowieso absolut rückwärtsgewandt. Dabei wirkt der von Ed O’Neill gespielte Al Bundy – der Patriarch, der eigentlich gar keiner ist – am stärksten aus der Zeit gefallen.

Al Bundy, der traurige „Working Class Hero”

Im wenig glamourösen Job als Schuhverkäufer festsitzend, ist das Lamentieren über seine (übergewichtigen) Kundinnen fester Bestandteil jeder Folge; mit Ehefrau Peggy (Katey Sagal), die als untätige, dauerfernsehende Hausfrau in Erscheinung tritt, liefert er sich stets mit Beleidigungen gespickte Rededuelle; und auch über seine Kinder Bud (David Faustino) und Kelly (Christina Applegate) macht er sich regelmäßig lustig: Der Sohn wird als jungfräulicher Verlierertyp und die Tochter als naives „Blondchen“ zum Ziel seiner Sticheleien.

Der Humor der Sitcom gründet an vielen Stellen auf Klischees, die heute nicht mehr witzig sind – damals jedoch zumindest ein bedeutendes Novum darstellten: „Eine schrecklich nette Familie“ brach mit dem bis dato vorherrschenden Bild der glücklichen, zumindest mittelständischen Familie als Fokus und erzählte erstmals von einer dysfunktionalen aus der Arbeiterschicht. Und immerhin: Egal wie sehr man sich im Alltag gegenseitig piesackte – am Ende stand der familiäre Zusammenhalt über allem.

Als Vorbild, gar als bewundernswert wird Al Bundy dabei nicht inszeniert – bleibt er doch selbst nicht vor ständigen Niederlagen und Spott verschont: Sein geringes Gehalt, seine unzufriedenstellende sexuelle Ausdauer, sein Aussehen, ja selbst sein trostloses Leben in Gänze wird ihm von der Familie und den Nachbar*innen Marcy (Amanda Bearse) mit ihrem ersten Ehemann Steve (David Garrison) beziehungsweise ihrem späteren Gatten Jefferson (Ted McGinley) hämisch unter die Nase gerieben. Die Autorität, die er gerne für sich beanspruchen würde, wird belächelt; seine einzigen Erfolge liegen mit ständig rezitierten vier Touchdowns in einem einzigen Footballspiel an der „Polk High“ schon einige Jahrzehnte zurück. Und die einzigen Freuden, die er heute für sich beansprucht, sind sein uralter Dodge, Bier und „Männermagazine“.

Jay Pritchett, der erfolgreiche „Self-made Man“

Ganz anders „Modern Family“: Die zwischen 2009 und 2020 über elf Staffeln produzierte Sitcom gilt als überaus fortschrittlich, als gelungenes Paradebeispiel eines sonst zuletzt eher negativ aufgefallenen TV-Formats. Das liegt auch an ihrer Diversität: Durch Jays neue Ehefrau Gloria (Sofía Vergara) und deren Sohn Manny (Rico Rodriguez) sind Latinos, mit Jays Sohn Mitchell (Jesse Tyler Ferguson) und dessen Partner Cameron (Eric Stonestreet) ein schwules Paar fester Teil des Figurenensembles.

Während sich über die Überlegenheit in puncto Fortschrittlichkeit der beiden Sendungen wenig streiten lässt, kann man durchaus kritisch betrachten, ob Jay Pritchett denn wirklich so viel besser ist als Al Bundy – oder ob diese unterschiedliche Wahrnehmung nicht viel eher dem Klassenunterschied zwischen den beiden geschuldet ist. Denn Jay Pritchett sucht seine Freuden schließlich in nicht weniger Archaischem: in seinem Mercedes und seinem Porsche, in seinem teuren Whisky und seiner viel jüngeren Ehefrau Gloria. Als Luxusvariante von Al Bundys „Genüssen“ scheinen diese plötzlich weniger anrüchig zu sein.

Tatsächlich aber verkörpern beide ein Männerbild mit gleichermaßen chauvinistischen Zügen: Für beide ist der Stolz auf die USA wichtiges Wesensmerkmal, verbunden mit Arroganz gegenüber jeglicher anderen Kultur. Jay Pritchett macht sich selbstredend über kolumbianische Bräuche lustig und kann ein lateinamerikanisches Land nicht vom anderen unterscheiden. Noch zentraler wird in „Modern Family“ jedoch seine Homophobie thematisiert, die sich in einem distanzierten Verhältnis zu Sohn Mitchell äußert. Wie groß seine Ablehnung jeder Form von Männlichkeit ist, die nicht seinem konservativen Idealvorstellungen entspricht, zeigt sich nicht nur in regelmäßigen Scherzen, sondern gipfelt in seinen Überlegungen, der Hochzeit von Cameron und Mitchell fernzubleiben.

Am Ende unterscheiden sich also die beiden großen Rollen in Ed O’Neills Leben gar nicht so sehr, gerade was ihre Progressivität angeht, wie es ihre unterschiedliche Rezeption vermuten lassen würde. So erzählt „Eine schreckliche nette Familie“ letztlich von einem „Working Class Hero“, der ein Leben lang in der Unterschicht festsitzt und „Modern Family“ von einem erfolgreichen „Self-made Man“. Als Familienoberhaupt aber ähneln sie sich stark – nur ist der „American Dream“ einmal aufgegangen, einmal ist er ein eben solcher Traum geblieben.

Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass Jay Pritchett sich noch offensichtlicher wie Al Bundy verhalten würde, befände er sich in der gleichen ökonomischen Situation. Allzu weit ist es jedenfalls nicht hergeholt, wenn einige Fans in Jay Pritchett eine Variante Al Bundys sehen, die doch noch Glück im Leben hatte.

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