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Exklusiv-Interview mit Dr. Motte: Sauerland und Schaller gehören ins Gefängnis

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Die Loveparade am 24. Juli 2010, bei der 21 Menschen starben und über 500 verletzt wurden, hätte nach Ansicht der Ermittler nicht genehmigt werden dürfen. Einem Zwischenbericht der Duisburger Staatsanwaltschaft zufolge wurde die Veranstaltung als rechtswidrig bezeichnet. Am Montag hat sich Oberbürgermeister Sauerland entschuldigt – und übernahm moralische Verantwortung.

Gegen 16 Personen besteht ein Anfangsverdacht, die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung laufen bereits. Zu den Verdächtigen gehören der Polizeidirektor, elf Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Beschäftigte von Lopavent. Die Gesellschaft war für die Organisation und Durchführung der Loveparade zuständig.

Musikexpress Online sprach exklusiv mit Dr. Motte, dem Gründervater der Loveparade.

Sauerland hat sich entschuldigt und übernimmt moralische Verantwortung für die Loveparade-Katastrophe. Zu spät?
Dr. Motte: Sauerland und Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller sollen mit dem Kasperletheater aufhören. Sie werfen Nebelkerzen. Schuldzuweisungen, Verantwortungsübernahmen und so weiter – das bringt alles überhaupt nichts. Damit lenken sie nur vom eigentlichen ab.

Wovon?
Dr. Motte:  Die Hinterbliebenen wollen Aufklärung! Wiedergutmachung. Schadensersatzforderungen dürfen nicht zehn Jahre lang rumliegen, bis sie dann vielleicht erfüllt werden.

Wie könnte dieses Verfahren beschleunigt werden?
Dr. Motte:  Vor allem ist eine Untersuchungskommission nötig, die neutral ist. Das ist bis jetzt nicht der Fall. Die Staatsanwaltschaft von Nordrhein-Westfalen untersucht den Fall, in den sie selbst verwickelt ist. Die kann sich doch nicht selbst untersuchen! Ich habe einen Brief an Angela Merkel geschrieben mit dem Verweis auf die Befangenheit der Staatsanwaltschaft. Keine Reaktion. Aber die Bundesregierung muss da ran, mit einer eigenen Kommission, keine Frage.

Wie sollte man mit den Verantwortlichen der Katastrophe umgehen?
Dr. Motte: Alle in U-Haft nehmen. Einsperren. Sauerland, Schaller. Stattdessen gibt es nun Bauernopfer, wie die vier Mitarbeiter von Lopavent, gegen die ermittelt wird. Die Auswahl des Lopavent-Personals aber übernahm doch der Geschäftsführer. Also ist auch der verantwortlich. Von daher fordere ich eine klare Schuldzuweisung mitsamt Verurteilung.

Was raten Sie den Hinterbliebenen und Verletzten?
Dr. Motte: Sie sollen das OEG, das Opferentschädigungsgesetz in Anspruch nehmen. Mit gesammelten Einzelklagen macht man Druck auf die Staatsanwaltschaft.

Der Unglücksort soll als Gedenkstätte teilweise erhalten bleiben. Das Gelände um den Duisburger Güterbahnhof hatte ein Investor gekauft, der dort ein Möbelhaus errichten wollte.
Dr. Motte: Der neue Besitzer des Güterbahnhofs möchte das Areal wohl am liebsten zuschütten lassen. Das ist einfach nur asozial. Die Opfer, Hinterbliebenen und ich fordern ganz klar den Erhalt einer Gedenkstätte.


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