Für immer 1984: The Midnight im Portrait

Der japanische Ausdruck „mono no aware“ beschreibt das Gefühl der Traurigkeit im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit der Dinge. Die Zeit lässt sich nicht anhalten und man muss sich damit abfinden, dass nichts als Erinnerungen bleiben, um kostbare Momente zu konservieren. Prägende Momente der Kindheit, die Herausforderungen der Pubertät, das allmähliche Erwachsenwerden mitsamt dem Herzschmerz, dem Einbrechen ins Freibad in lauen Sommernächten und dem Wunsch, sich niemals mit Steuererklärungen, Krankenversicherungen oder Mietverträgen rumschlagen zu müssen. Für The Midnight liegt diese Zeit in den 80ern und „mono no aware“ ist das Leitmotiv ihrer Musik.

Bis in die letzte Pore

The Midnight sind der in Dänemark geborene Produzent und Songwriter Tim McEwan sowie der Singer-Songwriter Tyler Lyle. 2012 haben sie sich in Los Angeles kennengelernt und arbeiten seitdem in der Stadt der Engel, die ihre Musik ziemlich treffend verkörpert. Eine Ansammlung erfüllter Klischees und immer eine Spur übers Ziel hinaus. McEwan produzierte und schrieb Songs für Sean Combs alias P. Diddy und New Kids On The Block. Lyle stammt zwar aus Georgia, letztlich ist er aber dem Musikzirkus Nashvilles entsprungen, der eines der größten Zentren der weltweiten Musikindustrie ist – vor allem in Sachen Country.

 

The Midnight machen beim Artwork keine halben Sachen.

Sie wissen sehr genau, wie man einen modernen Popsong schreibt, wie man ihn arrangiert und produziert. Malen nach Zahlen gewissermaßen – wenn es denn so einfach wäre. The Midnight fügen den vorgefertigten Schablonen das gewisse Etwas hinzu, das viel mehr ist, als nur die authentische Reproduktion eines 80er Drumcomputers, das schneidende Saxophon oder die Synthie-Sounds, die einer ganzen Dekade ihren musikalischen Anstrich verliehen haben. Die ganze Melancholie, das „mono no aware“ ist mit Händen zu greifen. Selbst wenn man die 80er nie selbst miterlebt hat, glaubt man doch, mit 17 in Daytona Beach oder Malibu gewesen zu sein. Die VHS-Kassette von Terminator ist gerade zu Ende gelaufen und man ist heillos in einer dauergewellte Schönheit aus der High School verknallt. The Midnight übertreiben in jeglichen Aspekten dermaßen, dass man nicht anders kann.

Ab auf die Bühne

Was die harte Schule vieler Bands ist, blieb The Midnight erspart. Das mühsame abklappern kleiner Clubs und Konzerte vor 7 Gästen an irgendeinem Dienstag im Nirgendwo der USA wurde einfach übersprungen. Bereits kurze Zeit nach den ersten Veröffentlichungen spielten sie größere Shows mit artverwandten Künstlern aus der Synthwave-Ecke und treten in den kommenden Monate zu einer großen Tour durch Nordamerika und Europa an. Am 26. Februar 2019 machen sie dabei Halt im Berliner Lido.

Auch das Repertoire, aus dem The Midnight schöpfen können, ist schnell gewachsen. Mit DAYS OF THUNDER und NOCTURNAL stehen mittlerweile zwei längere EPs zu Buche. ENDLESS SUMMER (genau so muss ein Album von The Midnight heißen) ist der erste Langspieler, dem noch dieses Jahr ein weiterer folgen soll. Eine der beiden Singles daraus ist „America 2“.

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Hört hier „America 2“ von The Midnight

Da ein einziger Song aber nicht ausreicht, um das Phänomen The Midnight gebührend präsentieren zu können, findet Ihr hier ein handverlesenes Best-Of:

Sunset

So simpel, so überragend. Jeder Ton passt perfekt an seinen Platz, obwohl man es auf jeden Fall schon mal irgendwie so ähnlich gehört an – aber eben nicht genau so. Wenn Tyler Lyle „you taste so sweet it hurt a little“ singt, tut es tatsächlich jedes Mal auf die „mono no aware“-Weise ein bisschen weh.

Jason

Er, Jason, ist auf der Suche, aber er weiß nicht so richtig, wonach sich sein schweres Herz sehnt. Sie kann nicht anders als ihn frei zu lassen – „Oooh Jason, tell me whats worth chasin‘, because the night will never give you what you want, oooh Jason, and if you can’t escape it, I hope you find whatever you’ve been looking for“. Das Saxophon-Solo setzt dem Ganzen die Krone auf.

Light Years

Es geht weiter mit ihm, Jason, und ihr, deren Name unbekannt bleibt. Vielleicht heißt sie Jaqueline und hat wasserstoffblonde Haare. Mittlerweile ist es Herbst und die Sommergefühle sind dahin. „I fell in love with the feeling, didn’t fall in love with you“.

Days of Thunder

Testosteron, viel zu eckige Sportwagen und Drum-Fills, die einem das Mark erschüttern. Wer bei „Days of Thunder“ nicht wenigstens leicht mit dem Fuß wippt, ist vermutlich taub. Der Rest ist aufgrund des Adrenalins bereits kopfüber durch die nächste Glasscheibe gesprungen oder entfernt sich gerade in Zeitlupe und ohne hinzuschauen von einem explodierenden Auto.

Memories

Ab 1:14 wähnt man sich kurz im ZDF Fernsehgarten, aber es ist irgendwie ok. „You’ll always be a part of me, some wounds will always sting, forever in full bloom, barely twenty two, summer days are growing colder, we’ll know better when we’re older“. Damit sollte alles gesagt sein.

The Midnight Youtube

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