Hecht & Kleine Fische: Fish und Marillion kreuzen die Klinge


MÜNCHEN/AUGSBURG. Gleich den Beginn seines Konzertes in der (einmal mehr) völlig überfüllten Theaterfabrik nutzt Derek William Dick zum Bad in der Menge: Begleitet von einem Verfolger-Scheinwerfer, steigt der schwergewichtige Hüne zu den Klängen von „Vigil“ von der Galerie herab in die Arena und wühlt sich, in der kräftigen Rechten das drahtlose Mikrofon, den Weg zur Bühne frei.

Als er nach der Eröffnungsnummer das Publikum in beachtlich gutem Deutsch begrüßt und seiner Vorfreude auf das gemeinsame „Schwitzbad“ (wörtlich!) Ausdruck verleiht, hat der Mann, den sie Fish nennen, die Zuhörer längst um den Finger gewickelt. Seine enorme Bühnenpräsenz ist es auch, die einen Konzertabend mit Fish selbst für Besucher, die dem (Euvre des trinkfreudigen Riesen eher distanziert gegenüberstehen, zu einem durchaus fesselnden Erlebnis macht: Wie eine Kreuzung aus Phil Collins und einem riesigen Sumo-Ringer wirkt er. wenn er mit schweren Schritten unablässig auf der Bühne hin und her wandert. Seine wackeren, wenn auch unscheinbaren Backing-Musiker werden da zu reinen Wasserträgern — Volksheld Fish beherrscht die Szene.

Da fällt es dann auch nicht so auf, daß sein Set musikalisch ein paar Durchhänger hat. Das liegt allerdings weniger an der Zusammenstellung des Materials (neben ein paar Highlights aus Fishs Marillion-Vergangenheit vor allem reichlich Songs aus dem aktuellen „Internal Exile“-Album). sondern in erster Linie am hausbackenen Niveau seiner Band, die lediglich im „Big Wedge“ andeutet, daß sie bei Bedarf sogar ein bißchen grooven könnte.

Erfreulich für den Hauptdarsteller des Abends: Nicht nur jene besonders eingefleischten unter den Fans, die ihr ( ilaubensbekenntnis in Form eines chwarzen Baretts auf dem Kopf tragen, scheinen mit den Songs seines neuen Albums bereits bestens vertraut zu sein. Als der Schotte nach fast zwei Stunden seine durchgeschwitzte Anhängerschaft in die naßkalte Nacht entläßt, bleibt der Eindruck, daß ihn sein Charisma und seine grundsoliden Songschreiber-Qualitäten zurück in ertragreiche Gewässer geführt haben … Wenig Zulauf hingegen für das einstige Flaggschiff des progressiven Rock in der Geburtsstadt Bert Brechts: Die Schwabenhalle, eine moderne Mehrzweck-Häßlichkeit mit dem Charme .¿mes Flugzeughangars, ist kaum zur Hälfte gefüllt. Unter den bestenfalls eintausend Getreuen findet sich auch eine Reihe von Gesichtern, die eine

knappe Woche zuvor beim Gastspiel von Fish zu sehen waren.

Wie sehr der hünenhafte Frontman seiner ehemaligen Band heute fehlt, wird im Laufe ihres knapp zweistündigen Sets schmerzhaft offenbar: Zwar spielen die Briten ihre Breitwand-Epen mit erheblich mehr technischer Brillanz als Fishs aktuelle Begleitband, zwar ist ihr Sound noch eine Spur perfekter und ihre Lightshow wesentlich imposanter — aber ihre Show wirkt leblos und steril. Da mag sich der adrette neue Leadsänger Steve Hogarth mit seinem sauberen Tenor noch so abstrampeln — die Strahlkraft seines Vorgängers erreicht er weder in musikalischer noch in optischer Hinsicht. Ian Mosley trommelt in den komplexen Marillion-Songgebilden zum Teil durchaus eindrucksvoll — aber was trägt das zur Show bei. wenn er sich dabei hinter seinem Kit verbarrikadiert? Fast schon symptomatisch, daß auch der Rest der Band in schlichten grauen Kaufhaus-Klamotten auf die Bühne tritt: Von Charisma keine Spur.

So retten gerade das handwerkliche Können und das nach elf Jahren Bandgeschichte reichhaltige Repertoire der Formation einen Konzertabend, der nur den ewig Unverzagten im Hallendrittel direkt vor der Bühne halbwegs standesgemäße Reaktionen entlockt. Auch wenn’s abgedroschen klingt: weder Fish noch Fleisch …