Interview: Beastie Boys


Wurde ja auch langsam Zeit: Adam Horovitz, Mike Diamond und Adam Yauch ziehen Zwischenbilanz. Die kreativen Chaoten über Tibet, Triumphe & Teletubbies.

Warum kommt ihr ausgerechnet jetzt mit eurem Createst Hits-Album „The Sounds Of Science“?

Adam Yauch: Wir haben beschlossen, es ist an der Zeit.

Hat eure Plattenfirma Druck gemacht, die CD gerade jetzt zum Weihnachtsgeschäft rauszubringen?

Yauch: Der Zeitpunkt schien ideal.

Wie habt ihr die Songs ausgewählt?

Adam Horovitz: In einer Geheimwahl. Yauch: Genau, es war eine ganz geheime Geheimwahl. Wir hatten so Umschläge, und ein Typ vom Geheimdienst hat sie dann für uns geöffnet und die Stimmen ausgezählt. Mike Diamond: Wir haben einfach ein paar Songs ausgewählt und … (rümpft die Nase) sag mal, riecht’s hier eigentlich nach Pisse?

Finde ich nicht …

Yauch: Doch, tuts … Horovitz: Wir haben einfach Listen gemacht, mit Songs, die unbedingt drauf mussten und mit Songs, die wir auf keinen Fall draufhaben wollten.

Mit „Alive“ ist ja auch ein neues Stück dabei…

Horovitz: „Alive ist unsere neue Single, die wir vor kurzem aufgenommen haben. Adam hatte ein paar Ideen auf einer Diskette, und wir haben einfach ein bisschen rumgespielt. Abgesehen davon haben wir aber auch noch ein paar alte Songs draufgepackt, die wir bisher noch nicht veröffentlicht haben.

Soll das Video zu „Alive eigentlich eine Hommage an die Teletubbies sein?

Yauch: Nein. Eine Hommage an die Banana Splits (amerikanische Kinder-Serie aus den Sechziger Jahren; Anm. d. Red.). Die waren wie die Teletubbies, nur kleiner. Das Video ist … hey, kennst du überhaupt alle Teletubbies?

Nicht dem Namen nach, nur nach den Farben…

Yauch: Tinky Winky ist der lilafarbene und dann gibt’s noch La La. Es wird ja viel über die Teletubbies diskutiert. Ich finde sie eher harmlos. Horovitz: Sie sind auf alle Fälle besser als Barney, dieser dämliche Dinosaurier und …

Okay, noch mal zurück zum Video.

Horovitz: Regie führte Nathanial Hornblower, ein Onkel von Adam. Er ist ein Genie, wahnsinnig kreativ. Er hat auch diese komischen Spring-Schuhe entworfen, die wir in dem Video tragen. Wir mussten sogar trainieren, um sie vernünftig einzusetzen. Yauch: Diese Schuhe sind aus Polytitaniumaloid, ein Stoff aus der Weltraumforschung. Dieses Material ist extrem belastbar und dabei trotzdem elastisch und sehr leicht. Vor ein paar Jahren hätte man solche Schuhe noch gar nicht herstellen können. Horovitz: Sie simulieren eine geringere Schwerkraft. Dazu kommt, dass im Absatz ein Gummi eingearbeitet ist, so dass man leichter rumspringen kann.

Okay, jetzt mal zu etwas Ernsterem. Ihr seid inzwischen so was wie die Eider Statesmen des HipHop, MTV hat euch unlängst sogar einen Award für euer Lebenswerk verliehen. Was ist das für ein Gefühl?

Yauch: Warum siehst du ausgerechnet mich dabei an?

Warum sollte ich dich nicht dabei anschauen?

Horovitz: Ja, Adam, was ist das für ein Gefühl? Yauch: Ein Eider Statesman zu sein? Diamond: Genau.

Lasst es mich anders formulieren. Ihr habt euch über die Jahre ja stark gewandelt. Wie lief das ab?

Yauch: Langsam. Diamond: Es war ein langsamer, beschwerlicher Prozess. Aber er war es wert.

Geht ihr heute an die Musik immer noch mit der gleichen Leidenschaft heran wie zu Begin eurer Karriere?

Diamond: Das ist deine Frage, (sieht zu Horovitz rüber)

Yauch: Ja, erzähl uns das mal! Horovitz: Ich bin zur Zeit super motiviert. Die Musik, die wir momentan machen, motiviert mich. Was nicht heißen soll, dass mich die Musik, die wir früher gemacht haben, nicht motiviert hätte. Aber es ist eine andere Art von Motivation. Versteht man das jetzt?

Konntest du es etwas genauer erklären?

Horovitz: Ich weiß nicht, (lacht)

Diamond: Warum erzählst du nicht von den Bildern, die dir in den Sinn kommen, wenn du Musik machst? Was siehst du? Welche Farben siehst du?

Horovitz: Die Farben sind meistens irgendwie grün und braun. Erdtöne …

Diamond: Lind was fühlst du bei diesen Farben? Horovitz: Sie vermitteln mir ein warmes Gefühl. Als ich vier lahre alt war, bin idi mit meiner Familie an den Strand gefahren. Ich musste total dringend furzen, und da hab ich ins Meer gefurzt. Das Wasser und der Sand waren warm, und es war ein wunderbares, warmes Gefühl der Erleichterung. Diamond: Ist das etwas, nach dem du dich immer noch sehnst? Nach Kindheitserinnerungen?

Horovitz: Ja, wahrscheinlich ist es das.

Schön, dass wir das klären konnten. Ihr seid am Anfang eurer Karriere böse angegriffen worden. Hat euch das rückblickend betrachtet – stärker gemacht?

Yauch (endlich ernst): Man denkt über das, was man tut, auf alle Fälle mehr nach. Es wird dir klar, dass das, was du tust, auch etwas bewirkt, dass es einen enormen Einfluss auf die Leute hat.

Ihr habt auch viele Bands beeinflusst. Gab es umgekehrt auch jemanden, der euch beeinflusst hat?

Horovitz: Luscious Jackson. Deren Sängerin, Kate Schellenbach, hatte ein cooles Loft, und wir konnten da immer proben. Und natürlich die Bads Brains, die uns damals als Vorband mitgenommen haben.

Was ist mit Madonna?

Horovitz: Ja, klar, Madonna. Nach den ersten Auftritten im Vorprogramm von ihr war klar, dass wir nicht zu ihrem Publikum passten. Die ganzen Mädchen und ihre Eltern, die da waren, mochten uns nicht.

Was habt ihr dann gemacht?

Diamond: Nichts. Wir haben unseren Gig durchgezogen. Das Publikum hat uns ausgebuht. Und Madonnas Manager hätte uns ganz locker rausschmeißen können, aber sie hat zu uns gehalten, und wir haben sie bis zum Ende der Tour begleitet.

Habt ihr noch Kontakt zu ihr?

Yauch: Ja, wir sehen uns ab und zu. Run DMC haben uns übrigens auch sehr unterstützt. Sie haben uns auch mit auf Tour genommen. Da haben wir sehr viel gelernt.

Wann werdet ihr ein neues Studio-Album aufnehmen?

Diamond: Wir werden erst mal eine Pause einlegen und dann langsam damit anfangen. Horovitz: Wir werden es dann wahrscheinlich gar nicht in einem richtigen Studio aufnehmen. Diamond: Du hast heutzutage so viele technische Möglichkeiten, wir könnten es hier in diesem Raum aufnehmen. Wenn es hier nicht so nach Pisse riechen würde.

Yauch: Eigentlich fände ich es aber ziemlich gut, wenn wir es hier aufnehmen würden.

Was inspiriert euch zu neuen Songs? Müsst ihr in einer bestimmten Stimmung sein?

Diamond: Wir müssen nur beschließen, dass wir es tun. Wir setzen uns dann zusammen, und jeder bringt seine musikalischen Ideen ein. Die Texte dauern oft wesentlich länger, und oft müssen wir uns zwingen, für Stunden, Tage, Wochen in einem Raum zu sitzen und zu schreiben.

Inwieweit hat euch eure Heimatstadt New York musikalisch geprägt?

Diamond: Wenn man wie ich in dieser Stadt aufwächst, ist man unglaublich vielen Einflüssen ausgesetzt. Ich habe schon früh viele verschiedene Sachen gehört. Hardcore, HipHop, Reggae, Punk …

Horovitz: Ich kann mich erinnern, dass ich wahnsinnig viel von meinen beiden älteren Brüdern mitbekommen habe. Sie haben mir Elvis Costello und The Clash vorgespielt, später habe ich dann Bob Marley entdeckt. Wenn du in Manhattan wohnst, kannst du eben mit der U-Bahn schnell irgendwo hinfahren und dir eine bestimmte Platte kaufen oder dieses und jenes Konzert ansehen. Es ist alles so nah beieinander. In New York bist du einfach immer mittendrin. Du kannst dich gar nicht abkapseln. Du gehst die Straße entlang und alles beeinflusst dich irgendwie. Überall sind Menschen, die dich beeinflussen, in den Straßen, in der U-Bahn, überall.

Nervt es euch, wenn euch andere Bands kopieren?

Diamond: Nur, wenn sie die negativen Aspekte an uns nachmachen.

Hormntz: Es ist äußerst interessant zu sehen, welche von unseren Phasen die Leute am meisten inspiriert. Aber wenn du dann siehst, dass sie manchmal wirklich die allerdümmsten Sachen nachmachen, denkst du dir schon, Wow, habe ich das jetzt wirklich ins Rollen gebracht?

Diamond: Solange wir die Leute dazu bewegen, überhaupt Bands zu gründen und Musik zu machen, ist das schon etwas sehr Positives.

Was macht ihr in eurer Freizeit?

Horoiitz: Ich würde gerne mehr Fußball spielen, aber hier in New York sind die Plätze viel zu klein. Man kommt sich vor wie beim Tipp-Kick.

Und ihr?

Diamond: Ins Kino gehen, Bücher lesen. Was viele ja nicht wissen: Adam ist ein totaler Stubenhocker. Yauch (süß-sauer): Ja, super. Erzähl mehr davon.

Stimmt das?

Yauch: Ja, ich stricke die Pullover von Mike. Diamond: Ich würde das gerne lernen. Kannst du mir beibringen, wie man strickt?

Ihr engagiert euch sehr stark für die Belange von Tibet. Wie seid ihr auf das Land aufmerksam geworden?

Yauch: Ich war in Nepal und habe dort Menschen aus Tibet getroffen. Das hat mein Interesse geweckt, und ich habe mich in die Thematik vertieft.

Ihr beschäftigt euch ja schon längere Zeit mit diesem Thema. Nervt es euch, dass momentan so viele Promis auf den Tibet-Zug aufspringen, nur weil das gerade hip ist?

Yauch: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.

Horovitz: Ich fände es gut, wenn der Zug noch grösser wäre und noch mehr Leute draufspingen würden. Man möchte immer glauben, dass alle Leute, die sich für Tibet engagieren, das uneigennützig tun. Diamond: Was letztlich zählt, ist wohl das Ergebnis. Je mehr Leute sich für etwas engagieren, desto größer ist der Effekt. Ganz egal, aus welchen Gründen sie das tun. Ich würde es für falsch halten, wenn wir uns jetzt aus der Sache zurückziehen würden, nur weil ein paar Leute plötzlich mitmachen, die das nur aus Image-Gründen tun. Es geht darum, dass etwas passiert, dass sich etwas ändert.

Wo fühlt ihr euch am meisten missverstanden?

Horovitz: Wir haben heute den ganzen Tag Interviews gegeben, und die meisten haben uns nach diesem Beastie Boys-Imperium-Ding gefragt. Wie wir das auf die Reihe kriegen mit unserer Plattenfirma und unseren Klamotten-Läden. Die Leute glauben immer, dass wir total aufregende Typen sind, die das alles im Griff haben, in riesigen Tagungsräumen sitzen und über Millionen Angestellte herrschen. Dabei stimmt das gar nicht. Ich tue eigentlich den ganzen Tag überhaupt nichts. Wirklich. Es ist komisch, dass die Leute den Eindruck haben, dass wir die Bosse einer riesigen Firma sind. Es ist nicht so. Mike kümmert sich ein bisschen um unser Label, aber es ist nicht so, dass er jeden Tag eine Million Telefonate fuhrt. Er hat nur ein paar Leute um sich. Trotzdem ist irgendwie der Eindruck entstanden, dass das alles viel größer ist.

Yauch: Wir wollen den Leuten, die in Bands spielen, eigentlich nur vermitteln, dass sie mehr Einfluss auf das nehmen sollen, was mit ihrer Musik passiert. Sie sollten sich zum Beispiel selbst ums Artwork und solche Sachen kümmern. Einfach mehr Entscheidungen selbst fällen, ihr eigenes Label gründen. Es geht darum, sein eigenes Ding durchzuziehen, ohne große Verträge.

Was wollt ihr noch erreichen?

Yauch: Je selbstloser und uneigennütziger wir in unserem Tun und Handeln werden, desto erfüllter wird unser Leben sein.

Das lässt sich natürlich leicht sagen, wenn man – materiell gesehen – so ziemlich alles erreicht hat.

Yauch: Das mag schon sein, aber es gibt unglaublich viele Millionäre, die mit ihrem Leben total unzufrieden sind. Meiner Meinung nach tendieren die Menschen dazu zu vergessen, was sie wirklich glücklich macht, sie zufrieden stellt. Auf lange Sicht macht es Menschen glücklich, anderen Menschen zu helfen. Wenn man das macht, stellt sich ein Gefühl tiefer Befriedigung ein, die Gedanken werden viel klarer. Es ist ein gewaltiger Trugschluss, dass uns die Dinge, die uns kurzfristig befriedigen, auch auf lange Sicht glücklich machen. Sex mit einem schönen Menschen oder viel Geld machen einen nicht wirklich glücklicher, auch wenn viele das glauben. Diese falschen Vorstellungen haben unsere Gesellschaft aus der Bahn geworfen. Wir verfolgen die falschen Ziele, um das Glück zu finden.

Horovitz: Das rührt auch daher, dass wir in einer Macho-Gesellschaft leben. Ständig wird einem gesagt, dass man kämpfen muss, um sich durchzusetzen. Wir drei versuchen den Leuten zu sagen, dass dem nicht so ist, dass man nicht hart sein muss, um miteinander auszukommen. Diamond: Das Problem ist, dass wir seit Urzeiten in einer Gesellschaft leben, die das Patriarchat predigt. Aber das ist nichts Neues, das gab es schon bei den alten Griechen.