Interview

ESC-Vorentscheid „Unser Song für Lissabon“: „Die Musik steht leider nicht im Vordergrund“

Seit den bitteren Niederlagen in den Jahren nach Lenas Sieg 2010 in Oslo, erwarten sich Zuschauer in Deutschland nicht mehr viel vom Eurovision Song Contest. Man ist zum Normalzustand zurückgekehrt. Und der heißt: Alles, was nicht der letzte Platz ist, gilt als kleiner Erfolg.

Dennoch ist es am 22. Februar 2018 wieder soweit: Sechs Acts – nämlich diese hier – werden im deutschen Vorentscheid um „Unser Lied für Lissabon“ kämpfen, mit dem sie im Mai ins ESC-Finale ziehen dürfen. Ausgewählt hat sie die ARD – oder vielmehr verschiedene Instanzen, die die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten berufen haben, um sicher zu gehen, dass eine Blamage in diesem Jahr ausbleibt.

In einem vierminütigen Video erklärte die ARD, wie sie in mehreren Schritten die Kandidat*innen aussiebte. Expert*innen, Fernsehzuschauer*innen und ein 100-köpfiges „Europa-Panel“ sollen dabei helfen. Man merkt: Der Druck ist groß, die Rolle der Musik als solche klein. Man fragt sich: Was zählt eigentlich beim ESC? Und womit sind Künstlerinnen und Künstler in Deutschland tatsächlich erfolgreich?

Wir haben Saskia Rienth, Medien- und Kommunikationstrainerin für Künstler*innen sowie Talent-Scout bei Spinnup, gefragt. Sie arbeitete unter anderem mit Joris, Nosoyo, Robin Knaak, diversen Plattenfirmen sowie prominenten Kunden zusammen, die das nicht öffentlich zugeben wollen. Rienth spricht mit uns darüber, wie man aus einer Künstleridentität eine Marke macht und wie eine solche auch beim ESC Erfolg haben könnte.

Künstler*innen-Beraterin Saskia Rienth

Musikexpress: Wie würden Sie die perfekte Kandidatin oder den perfekten Kandidaten für den ESC finden?

Saskia Rienth: Eigentlich ist der ESC ja ein Song-Contest – der Song steht aber gar nicht im Vordergrund. Eher die überzeugende Performance mit einem starken Song. Ein wirklicher Song-Contest würde für mich auch im Radio funktionieren. Es ist aber nun mal eine der größten TV-Produktionen der Welt, insofern spielen auch ganz andere Faktoren eine Rolle.

Sympathie, Charisma, Authentizität, Attraktivität, und das einzig musikbezogene Merkmal: die Stimme – so lauten die Kriterien des Eurovision-Panel. Diese 100-köpfige Gruppe sollte im ersten Schritt des mehrstufigen Auswahlverfahrens der ARD Kandidatinnen und Kandidaten aussortieren.

Das ist verblüffend. Ich fände es spannend, wenn es um einen konkreten Song-Wettbewerb ginge, die Künstler sich also auch wirklich mit einem eigenen Lied bewerben. Damit es um Inhalt geht – Text, Prosa, Poesie, Botschaft und Songwriting. Alles, was in der Musik ganz vorne steht. Stattdessen bewerben sich die Künstler, man findet sie spannend – aufgrund der Persönlichkeit, des Sounds, des Bildes, das sie erzeugen – und lässt sie dann an Workshops teilnehmen, damit man mit ihnen Songs finden kann, die genau das nochmal verkörpern.

Müssten Sie als Talent-Scout nicht argumentieren, das gehöre zusammen – Musik und Charakter?

Sympathie, Charisma und Authentizität spielen erst dann eine Rolle, wenn die Musik – der Sound, der Song – einzigartig und gut ist. Dann will ich wissen, wer dahintersteckt. Bei Eurovision läuft es gefühlt andersherum: Erst im zweiten Schritt spricht man über die Lieder. Ich ertappe mich selbst dabei, wenn ich den ESC angucke: Die pompösen Performances und Outfits fallen in meiner Bewertung unwillkürlich ins Gewicht. Die Beurteilung geht etwas weg von der Musik, hin zum Gesamtpaket.

Der Gewinner des ESC 2017 Salvador Sobral verkündete allerdings, er habe gewonnen, weil es ihm um die Musik gegangen sei.

Beim ESC funktioniert immer eine Momentaufnahme. Irgendetwas haut dich um – jeden etwas anderes. Es kann die hübsche Sängerin oder der heiße Typ sein, die total beeindruckende Choreographie, der Mix aus volkstümlich und modern. Klar, manchmal gewinnen leise Songs, aber insgesamt wirkt es auf mich so: Je lauter und beeindruckender die Performance, desto eher bleibt sie im Kopf. Wenn dann noch die Persönlichkeit stimmt, gewinnt man. Ansonsten richtet sich das Ganze natürlich sehr nach Quote.

„Talentwettbewerbe und die Denke dahinter führen weg von der Musik“

Inwiefern?

Wie bei jedem Talentwettbewerb wird der Auftritt dem angepasst, was funktionieren könnte – was Zuschauer begeistern könnte, was sie vielleicht noch nicht gesehen haben. Bei meiner Arbeit mache ich genau das Gegenteil: Ich schaue zuerst, wie die Künstler wirken wollen und was sie zu sagen haben. „Lass es uns anders, ganz eigen und individuell machen“, sage ich. Bei Talentwettbewerben geht es aber um Zuschauer-Votings, darum eine Jury zu beeindrucken. Da muss man auch überlegen, was ihr gefällt, womit man punkten könnte. Diese Denke führt vielleicht weg von der Musik, hin zur Show.

Salvador Sobral gewann 2017 den ESC.

Man bekommt manchmal den Eindruck, der ESC sei gar kein Musikwettbewerb.

Ich denke, das ist er auf jeden Fall. Die vielen europäischen Akzente, die musikalisch gesetzt werden, finde ich spannend. Ich mag die Ausgaben, in denen tatsächlich auch etwas Traditionelleres gezeigt wird. Wenn jeder mit dem gleichen Pop-Gedöns ankommt, klingt alles ähnlich, weil die Erfolgsrezepte dazu gefühlt in der Schublade liegen. Das eigentlich Musikalische und das Komponisten-Werk bleiben in der zweiten Reihe. Gerade dadurch, dass die Künstler sich eben nicht mit einem eigenen Song bewerben, sondern ihn zugereicht bekommen. Die Schreiber dahinter würde ich eigentlich gerne mal kennenlernen. Ich möchte erfahren, was sie sich überlegt haben, um ihr Land zu repräsentieren.

Seit sie deutsche Texte singt, erkennt man bei Sarah Connor eine Message

Es geht beim ESC aber nicht zuerst um die Songwriter, sondern um die Künstler*innen. Und in Deutschland ist eigentlich klar: „Sympathische“, „authentische“ und „nahbare“ Acts funktionieren.

Das ist der Gegenentwurf zu diesem Show-Getue. Als Hörer will ich wissen, was echt ist, und mich identifizieren können. Ich brauche einen Zugang zum Künstler. Da ist Nahbarkeit wichtig. Bei Sarah Connor ist das gerade spannend zu beobachten. Seitdem sie ihr deutschsprachiges Album rausgebracht hat, wirkt sie auf einmal direkter und ehrlicher.

Der Image-Wechsel hat ihr geholfen?

Als sie noch Musik auf Englisch gemacht hat, hatte ich persönlich keinen Zugang zu ihr. Ich habe mich immer gefragt: Was möchte sie ausdrücken? Hat sie überhaupt etwas zu sagen? Seit sie Deutsch singt kann ich sie plötzlich erkennen in dem ganzen Gewusel an Musikern. Sie wird für mich greifbarer und persönlicher. Zum ersten Mal kommt auch dieses Mutterbild durch – sie hat eine Message. Mit dem Image-Wechsel hat sie bei mir tatsächlich zum ersten Mal gepunktet. Sie hat eine Position eingenommen und das erfordert Mut.

Sarah Connor ist auf deutsche Texte umgestiegen.

Brauchen wir also mehr Haltung von Künstler*innen?

Wir brauchen Unikate, die es anders machen. Künstler waren wegen ihrer Andersartigkeit und der Polarisierung schon immer wichtig in der Gesellschaft. Ich würde mich freuen, wenn ihnen mehr Mut und Motivation zugesprochen wird, das zu machen, worauf sie Bock haben. Talentwettbewerbe müssten mehr auf Selbstbewusstsein achten. Dann hätten wir eine noch größere Diversität in der Musik. Casting-Konzept-Künstler werden oft in eine Ecke getrieben, um erfolgreich zu sein. Das ist gefährlich: Wenn sie nämlich später feststellen, dass sie eigentlich etwas Anderes machen wollten, werden sie weiterhin nur auf das angesprochen, wofür man sie kennt – und damit auch verglichen. Sie müssen erst mal mit etwas Neuem genauso erfolgreich sein, damit sich das Bild in den Köpfen verändert.

Ein Image ist also gut, wenn es echt ist – nicht, wie man annehmen könnte, wenn jemand Platten und Tickets damit verkauft.

Ich übersetze „Image“ oft als Künstleridentität oder Persönlichkeit. Für Künstler klingt das weniger konstruiert. Sie stellt dar, wofür man steht. Eine Marke bedeutet Wiedererkennungswert und Vertrauen. Um die Idee eines Künstlers erfassen zu können, muss er sich abgrenzen. Jennifer Rostock machen das sehr erfolgreich: Auch politisch beziehen sie eine klare Haltung. Wir haben so viele Möglichkeiten verschiedene Musiker zu hören – ich muss dafür sorgen, dass sich die Leute für mich entscheiden. Menschen greifen gerne zu Bekanntem. Dazu haben sie Vertrauen, sie unterstützen es. Es hilft also, sich klar zu positionieren. Dadurch wird man greifbar.

Wie kommuniziert man als Künstler*in am besten seine Position?

Storytelling ist ganz wichtig. Wenn ich mit Künstlern überlege wofür sie stehen, sollen sie sich ja nicht hinstellen und sagen „Hey, wir sind bodenständig, sexy und wild“. Wir finden Anekdoten, die sie erzählen. Die Geschichten stimmen natürlich – da fängt die Glaubwürdigkeit schon an. Künstler wollen ihre Botschaft transportieren. Sobald ich höre, wie es bei ihnen im Proberaum aussieht, wie sie sich ans Songwriting machen, wie sie mit ihren Fans umgehen, was ihr privater Hintergrund ist, erfahre ich ganz viel über diejenigen. Dadurch entsteht Vertrauen und eine gewisse Verbundenheit. Die ist heute wichtiger als je zu vor, weil es so viele Musiker im Angebot gibt.

Man könnte meinen, das Image ist manchmal wichtiger als die Musik.

Es steht und fällt immer noch mit der Musik. Es gibt Unternehmen und Agenturen, die setzten etwas mehr auf Image – ich halte das aber nicht für nachhaltig. Irgendwann wird der Künstler nämlich ausbrechen und sich verändern wollen und fühlt sich dann mit diesem Bild fremd. Die Persönlichkeit steckt ja in der Musik. Musiker müssen sich mit anderen Musikern über solche Sachen gar nicht unterhalten. Sie jammen sich gegenseitig etwas vor und wissen sofort, ob sie auf einer Wellenlänge sind. Der Laie braucht einen anderen Anker, um die Musik auf noch einer anderen Ebene greifbar und erfahrbar zu machen.

Ein Anker?

Die Seele, die in der Musik steckt, versuche ich in der Kommunikation etwas aufzufächern. Beispielsweise durch die Botschaft, die Fotos des Künstlers vermitteln. Da steckt viel drin, was im besten Fall auch in der Musik wieder auftaucht. Eine Marke, ein Image, ist ein Leitfaden. Er hilft mir zu erkennen, in welche Richtung es geht. Wenn ich ein Ticket für ein Konzert übrig habe und meinen Kumpel mitnehmen möchte – was erzähle ich ihm von der Band? Je klarer die Vorstellung davon ist, was mich vor allem emotional erwartet, desto besser kann man es für den Laien in Worte und Bilder packen. Es geht um Relationship-Marketing: Man versucht zu den Hörern eine Beziehung aufzubauen.

„Es ist besser in die Nische zu gehen und dort Spitzenreiter zu werden, als alles zu machen – das aber nur ein bisschen.“

Bedeutet: Je extrovertierter, desto besser?

Nicht unbedingt, aber irgendetwas solltest du schon von dir preisgeben: Zu deinem Werdegang, deiner Botschaft, Vision, Einstellung oder Idee. Im Grunde kann das jeder. Nur trauen sich ganz wenige, sich auf etwas festzulegen. Deswegen braucht es Zuspruch und Mut. Ich frage immer: Warum machst du deine Musik öffentlich und nicht alleine in deinem Proberaum? Irgendetwas bezweckst du ja damit. Wenn etwas dahintersteckt und die Musik besonders ist, kann daraus immer eine wunderschöne Marke entstehen, die letzten Endes auf der Künstleridentität aufbaut.

Und zum Glück gibt es ja noch Social Media.

Ja. Viele Künstler denken nur, sie müssen auf allen Plattformen gleichzeitig sein und melden sich dann bei Twitter, Snapchat, Facebook und Instagram an. Und schaffen es natürlich nicht, alle Profile regelmäßig zu füllen. Sie wollen ja nicht zusätzlich einen Kommunikations-Fulltimejob machen. Also frage ich: Was feierst du persönlich? Machst du gerne Fotos, super, bleib auf Instagram und mach das ordentlich. Viele sind dann erleichtert und sagen: „Ich dachte schon, ich muss überall stattfinden.“ Künstler sollten wissen, dass es ok ist, nicht alles sein zu können. Auch was die Musik angeht. Sei mit manchem total präsent, vieles kann dir auch völlig egal sein. Nur so stellst du dich auch etwas spitzer auf.

Sind starke Künstleridentitäten unter Newcomern schwer zu finden?

Es ist schwierig, ja. Vielleicht ist es ein Generationen-Ding, vielleicht hat es aber auch einen wirtschaftlichen Grund: Man möchte so viel mitnehmen, wie geht – auch um von der eigenen Musik leben zu können. Genau das führt in die falsche Richtung. Es ist besser in die Nische zu gehen und dort Spitzenreiter zu werden, als alles zu machen – das aber nur ein bisschen.

 

Alexa Kirsch
SERGEI SUPINSKY AFP/Getty Images
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