Interview: Trümmer über „Aus Prinzip gegen das Prinzip“

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Paul Pötsch (Gitarre, Gesang), Tammo Kasper (Bass), Maximilian Fenski (Drums) und Helge Hasselberg (Gitarre) laufen sich gerade warm für den Release des dritten Albums ihrer Band Trümmer. FRÜHER WAR GESTERN wird es heißen und am 17. September über das Label PIAS erscheinen.

Ihre neue Single „Aus Prinzip gegen das Prinzip“ ist seit einigen Tagen draußen: Eine mitreißende und sehr eingängige Hymne, die einem erstaunliche Slogans an den Kopf knallt: „Verwende deine Jugend!“ zum Beispiel. Oder „Deprimier die Depressionen!“ Alles Sätze, die man sich nur zu gut auf Trümmer-Shirts vorstellen kann und die man ihnen abkauft. Trotzdem ist es ein gewagter Balance-Akt, solche Slogans zu singen. Weil viele von ihnen durch Werbung und politische Vereinnahmung kontaminiert scheinen. Was läge also näher, als mal kurz bei Paul Pötsch nachzufragen, was Trümmer damit sagen wollen.

Im Text spielst du mit bekannten Slogans und Zitaten von Klassenkampf bis Psychotherapie und Popkultur. Ich versuche mir gerade vorzustellen, was passieren würde, wenn die „Junge Union“ oder die FDP mal mit dem Slogan „Verwende deine Jugend“ arbeiten würde – da wäre zu Recht ein Shitstorm fällig. Bei Trümmer scheint das irgendwie klarzugehen. Wolltest du genau das mit diesen Wortspielen beweisen?

Es gibt so viele starke Sätze, die eigentlich mal empowernd gemeint waren, inzwischen aber so beschissen neoliberal klingen, weil sie von denen instrumentalisiert wurden, die eigentlich nur die permanente Optimierung aller Lebensumstände fordern. Revolution light sozusagen. Das war natürlich schon immer so. Wie viele Leute tragen zum Beispiel Che-Guevara-Shirts aus billigster Produktion? Es ging mir in dem Lied vor allem darum, diesen Kampf um Sprache und Bedeutung zu betonen und weiterzukämpfen. Viele Werte, Meinungen, Ansichten und Formulierungen, die man eigentlich für sich beansprucht, werden einem vom politischen Gegner geklaut, aufgeweicht oder völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ganz konkret: Die AfD beansprucht die Meinungsfreiheit für sich und verbreitet unter dem Schutzmantel dieses Wortes Hass und Hetze. Und dann steht man irgendwie so mittellos da, kann aber trotzdem nicht die Fresse halten. Also wollten wir diese Begriffe zurückgewinnen und sie mit Euphorie und eigener Haltung wieder positiv aufladen.

Als wir vor einigen Wochen per Zoom über euer Album sprachen, gab es diesen schönen Moment, wo du erklärt hast, was ihr mit den Liedern auf FRÜHER WAR GESTERN im Allgemeinen und „Aus Prinzip gegen das Prinzip“ im Speziellen erreichen wollt: Da hast du dann versucht, deine Hand durch den Bildschirm zu reichen. Kannst du unseren Leserinnen und Lesern noch mal beschreiben, wie du das gemeint hast?

Das war eigentlich ganz wörtlich gemeint: Uns war es in den Texten und in der Musik wichtig, dass unser Album etwas Positives, Verbündendes hat. Es soll einem die Hand reichen, Trost spenden und hoffentlich das Gefühl auslösen, dass man gemeinsam etwas erreichen kann. Dieses Gefühl haben wir auch immer mit unseren Konzerten angestrebt. Gerade jetzt, wo Konzerte nach wie vor schwierig zu realisieren sind und wir ja auch ein paar Jahre als Trümmer pausiert haben, ist mir mir dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Publikum extrem wichtig. Ich achte immer darauf, dass sich irgendwas überträgt, dass es nicht nur Nabelschau ist.

Lass uns noch kurz was zur Produktion sagen, die wieder von eurem Gitarristen Helge Hasselberg stammt, der ja zum Beispiel auch die ersten beiden Leoniden-Alben produziert hat. Das klingt alles sehr live und trotz der oft eingängigen Melodien sehr rough. War dieser Sound eine bewusste Entscheidung?

Ja. INTERZONE war ja etwas poppiger und experimenteller. Diesmal wollten wir ein wenig back to the roots und dieses garagige Gefühl einfangen, das unsere ersten Aufnahmen und Konzerte geprägt hat. Alles auf ‚Früher war Gestern‘ wurde live aufgenommen. Wir haben uns im März in einem Gutshof in Schleswig-Holstein eingeschlossen und quasi das ganze Haus mikrofoniert. Aber schon beim Schreiben dieser Lieder ist bei mir irgendwann der Groschen gefallen. Ich habe mich gefragt: Was ist die Musik, die mich berührt, bewegt, zum Tanzen bringt und irgendwie wütend macht? Und das sind so Sachen wie Fontaines D.C., das letzte Strokes-Album, The Yeah Yeah Yeahs oder der frühe Punk der 70er – und da eher die New York-Fraktion. Wir wollten also die Musik machen, die uns selbst gefällt, ungeachtet davon, ob die gerade angesagt oder nicht.

 


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