Highlight: Weder Idles noch die Arctic Monkeys: Eure Lieblingsband des Jahres 2018 ist…

Tour-Tagebuch

Auf Tour mit Tocotronic – Tag 10+11+12, Hamburg: Final-Heimspiele, die wir in Zeitverfluggeschwindigkeit erreichten

16. März, 17. März und 18. März 2018, Hamburg (Grosse Freiheit) – Als ich am Off-Day-Donnerstag aufwache, komme ich schwer in die Gänge. Mein Smartphone-Postfach sagt, während der letzten Tage haben sich 150 unbeantwortete Mails gesammelt und ich denke darüber nach, die ganze Scheiße sein zu lassen und von Ostfriesland aus trendige Wollpullover in einem Online-Versandhandel zu verkaufen. Nach dem ersten Kaffee geht es wieder und ich beschließe, erstmal etwas anderes zu machen.

Also fahre ich mit Fritz – der hat ein Praktikum in unserer kleinen euphorischen Firma gemacht und ist jetzt so etwas wie unser erster Angestellter – einen Verstärker aus einem Proberaum abholen. Die Box wäre zu schwer für ihn alleine. Wir bringen sie zu den Leoniden ins Studio. Die nehmen gerade neues Zeug auf und wir können zum ersten Mal in die Stücke reinhören. Klingt bombastisch. Jakob (Sänger der Leoniden) ist glücklich wie ein Schneekönig und es gibt jede Menge Spuren, die man an- und ausschalten kann, Klaviere, Chöre, sogar Trompeten.

Ilgen-Nur (zweite von links) und Band

Danach fahre ich dann doch ins Büro und arbeite die ganzen E-Mails weg, die sich aufgestaut haben. Good News sind auch dabei: Ilgen spielt zwei Konzerte auf dem Great Escape Festival in Brighton. Das ist ein wichtiges Festival mit supervielen wichtigen Leuten aus der Industrie. Finden wir natürlich total super. Abends weiß ich nicht so richtig, was ich mit meiner freien Zeit anfangen soll.

Heimspiel in Hamburg

Das große Finale: Heimspiel in der Heimatstadt. Wir treffen uns am Freitagnachmittag in der Großen Freiheit 36, direkt auf der Reeperbahn. Die ersten betrunkenen Junggesellenabschiede torkeln über die Straßen, der Himmel leuchtet blau und es weht eine steife Brise über den Kiez. Die Beatles waren direkt nebenan zu Gast, die Straße runter im Star Club. Seitdem bezieht sich ein Großteil der Hamburger Musikidentität auf dieses kurze Gastspiel der Beatles, bevor sie berühmt wurden.

Olaf Scholz – Bürgermeister a.D. und jetzt Vizekanzler – hat vor ein paar Jahren auf dem Hamburger Musikpreis (HANS – lol) gesagt, dass Hamburg ja eine der bedeutendsten Musikstädte Europas sei, auf einem Level mit London. Was Hamburg dafür tut? Die Proberäume sind unbezahlbar, dafür steckt die Stadt jedes Jahr brutal viel Geld ins prestigeträchtige Reeperbahnfestival. In Berlin gibt es eine Künstlerförderung – das Musicboard –, in Hamburg das Stadtmarketing, das sich liebend gerne mit Künstlern schmückt, die in der Stadt berühmt geworden sind.

Jetzt also drei Tage am Stück Große Freiheit. Ist das schon die Beatles-Star-Club-Experience? Wir diskutieren, wo das überhaupt herkommt, die Sache mit dem Touren: Minnesänger, Zirkus oder wandernde Prediger? Lowtzow-Dirk ist am Hafen spazieren gegangen. Der Wind war krass. Es war schön, aber zu kalt. Norddeutschland runter gebrochen auf einen Satz. Sidefacts: In der Großen Freiheit gibt es Cola in Glasflaschen und das Catering ist total fantastisch.

„Drüben auf dem Hügel“: der erste alteSong. Fernweh. Endlich 18. Provinzielle Enge, die Hoffnung auf bessere Zeiten, Schrebergärten und Bockbier, Gitarrenwände und Maschinengewehrsnare, aber am Ende ist ja doch klar, alles könnte irgendwann gut werden, oder zumindest besser, als es im Frühjahr 1993 irgendwo in Altona war.

Die Menschen drehen durch, tanzen Pogo, recken Fäuste und Füße in die Luft, this crowd is tocotronic.

Im Backstage geht erstmal die Anti-Party: So langsam sind alle krass abgestumpft und die Ilgen-Nur-Band zockt geschlossen MiniMetro, ein Smartphone-Spiel, in dem es darum geht, ein öffentliches Verkehrsnetz aufzubauen. Besonders kommunikativ ist das nicht: „Wo sehe ich denn wie viele Linien mir zur Verfügung stehen?“ – „Ich habe 1300 in Osaka.“ „Krass.“ „Wann kriege ich denn ’ne neue Lok?“  – Stille. Junge Menschen, die auf ihre Telefone starren.

„Aber hier Leben, nein danke“: der Abgesang auf Post-Wiedervereinigungs-Deutschland, antideutsches Manifest, skandierbarer Ausruf der unbegrenzten Unzufriedenheit mit der Welt. Geht immer und überall.

Dirk von Lowtzow von Tocotronic in Hamburg

Die-Hard-Fan Steve – und er ist derjenige, der das wirklich beurteilen kann, schließlich ist er nicht befangen und hat auf dieser Tour wahrscheinlich mehr von Tocotronic gesehen als jeder andere – sagt: Samstagabend in Hamburg, das wäre das Highlight der Tour gewesen. Und er hat Recht.

Der Anfang ist schwierig: Die Leute wollen alte Songs, sind sich nicht ganz sicher, ob das früher nicht geiler war, haben sich über die neue Platte noch keine abschließende Meinung gebildet. „Let there be Rock“ ist der Dealbreaker zum Guten: Danach gibt es keine Zweifel mehr. Die Menschen drehen durch, tanzen Pogo, recken Fäuste und Füße in die Luft, this crowd is tocotronic.

Diese Band gehört zu dieser Stadt, ist ein Teil des kulturellen Bewusstseins, ist ein common good.

„Zucker“: eine Hymne auf die Andersartigkeit, ein Plädoyer für alles abseits der Norm, tanzbar, direkt, politisch. Die Gitarrengurte haben Regenbogenfarben. Das ist ein Statement und es gibt in Deutschland nicht so viele Bands, die sich trauen solche Statements machen und trotzdem dreimal die Große Freiheit auszuverkaufen.

Man merkt schnell: Diese Band gehört zu dieser Stadt, ist ein Teil des kulturellen Bewusstseins, ist ein common good, ist wichtiger als die verdammte Elbphilharmonie, ist wichtiger als Olaf Scholz und ihre Musik wird von den Menschen geliebt, die Texte sind Teile ihres Lebens. Ab hier beginnt alles zu verschwimmen, die drei Abende werden eins, werden ein wirrer Strudel aus Eindrücken, aus Klang und Moment, es entwickelt sich ein Gefühl von erhabener Erschöpfung, von kraftloser Angespanntheit.

Tocotronic in der Grossen Freiheit auf der Reeperbahn in Hamburg

Ton-Techniker Metz hat schon eine Menge Konzerte gesehen in seinem Leben, aber er bringt es gut auf den Punkt: Es geht um den Flow-Zustand, es geht darum, dass etwas entsteht, das größer ist als die Summe der einzelnen Teile. Samstagabend passiert genau das. Es entsteht etwas Großes, Magisches. Publikum und Band lösen sich auf und werden zu einer schwitzenden Menge. Und natürlich eskaliert im Backstage dann alles: Rauch, Schnaps, Blut auf dem Boden. Eigentlich wollten wir am Sonntagabend noch geschlossen in den Goldenen Pudel gehen. Aber wir sind zu fertig, zu erschöpft, vollkommen erledigt.

Gerade eben waren wir doch erst losgefahren nach Bremen, es kommt uns gleichzeitig so vor, als wäre das gestern gewesen und als wäre schon ein halbes Jahr vergangen seitdem. Irgendwas ist kaputt mit dem Zeit-Raum-Kontinuum. Unterwegs in einem viel zu kleinen Bus, jeden Abend in einer anderen Stadt. Es gibt ja eine Band, die hat dieses Gefühl der unterschiedlich schnell verschwindenden Zeit mit einem einzigen Begriff wahnsinnig gut auf den Punkt gebracht, 1997 auf „Es ist egal, aber“.

Aber: Alles wird immer weiter gehen. Am 6. April treffen wir uns in Leipzig wieder, zehn Konzerte to go. Großes Finale am 17. und 18. in der Columbiahalle in Berlin, dieser anderen großen Tocotronic-Stadt. Bis dahin!

Tammo Kasper
Robin Hinsch
Tammo Kasper

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