Jessie Ware über „Superbloom“: Zwischen Selbstbild und theatralem Pop
Jessie Ware öffnet mit „Superbloom“ eine neue Tür – weg von der Persona, hin zum echten Leben. Was sie über Glamour, Verlust und Dance-Musik verrät.
Mit ihrem sechsten Album „Superbloom“, das am 17. April erscheinen wird, öffnet der UK-Star Jessie Ware eine neue Tür: weniger Persona, mehr Gegenwart, mehr Gefühl. Im Gespräch erzählt sie von Diva-Fantasien, Dancefloor-Katharsis – und Songs, die sich plötzlich vollständig verändern.
ME: Mein Lieblingssong auf der Platte ist definitiv „Mr. Valentine“. Hast du selbst einen Favoriten?
Jessie Ware: Meine Tochter liebt „Mr. Valentine“. Ich liebe ihn auch, weil er eine Selbstsicherheit und eine gewisse Freizügigkeit hat. Ich war definitiv inspiriert von Sachen wie ESG und Tom Tom Club. Er funktioniert perfekt – sowohl beim Alleinehören als auch in der Show. Deshalb liebe ich ihn wirklich.
Du hast gesagt, dass „Superbloom“ von Studio 54 und einer glamourösen Diva-Ästhetik inspiriert ist. Wie hat diese Ästhetik deinen kreativen Prozess beeinflusst?
Die Vorstellung von Diva-Sein bedeutet für mich, mich bewusst in diese Rolle zu begeben. Es geht nicht um Klischees, sondern um die gefeierten Aspekte: Stimme, Performance, Outfit oder Storytelling. Das hat für mich etwas sehr Positives – mit einer theatralischen Note.
War das eher eine visuelle Orientierung für die Songs oder hat es auch die Stimmung im Studio geprägt?
Es ist schwierig, sich selbst eine Diva zu nennen – man muss sich diesen Titel verdienen. Ich wollte mich stimmlich herausfordern und auch ästhetisch weiterpushen. Ich wollte eine Welt erschaffen, in die ich die Leute einladen kann. Für mich ist es kein Konzeptalbum, sondern eines mit verschiedenen Konzepten. Man soll für die Dauer des Albums in meine Welt eintauchen und woanders landen. Genau das macht gute Dance-Musik – und gutes Theater.
Das Phänomen „Superbloom“
Inwiefern hat dich das Phänomen eines „Super Bloom“ während des kreativen Prozesses beeinflusst?
Ehrlich gesagt gar nicht – was mir fast ein bisschen leid tut. „Superbloom“ fühlte sich eher wie etwas Übernatürliches an, das mit dem echten Leben verbunden ist. Erst später habe ich von einem Freund erfahren, dass es dieses Naturphänomen gibt. Ich dachte: „Oh, okay – das passt ja ganz gut.“
Ich staune oft darüber, was in meinem Leben passiert und dass ich das als Job machen darf. Aber auch darüber, dass man ständig lernen und wieder neu lernen muss – wie man eine bessere Partnerin, eine bessere Mutter oder Künstlerin wird. Dieses ständige Weiterentwickeln, das Annehmen von Veränderungen – das prägt alles.
Gab es einen Moment, in dem du persönlich das Gefühl hattest, dass gerade etwas „aufblüht“?
Ja, schon seit einer Weile. Dieses Album war der richtige Zeitpunkt, um zu zeigen, was ich stimmlich kann – und die Leute mehr an meinem echten Leben teilhaben zu lassen. Auf den letzten Platten hatte ich oft eine Persona. Das hat Spaß gemacht, aber ich möchte nicht vor dem echten Leben zurückschrecken.
Ich liebe mein Leben, ich liebe das Häusliche. Auch die demütigenden Momente des Elternseins. Ich wollte das zusammenbringen und feiern – ohne mich dafür zu entschuldigen. Und ich verstehe immer besser, wer ich als Künstlerin und als Mensch bin. Ich fühle mich in meiner eigenen Haut wohler, je älter ich werde. Das hört man auch auf der Platte.
Gab es Momente beim Schreiben der Musik, in denen du emotional besonders überrascht warst?
„16 Summers“. Ich kann den Song kaum singen, ohne zu weinen – und frage mich, wie das live funktionieren soll. Ursprünglich ging es um Schuldgefühle – arbeite ich zu viel, mache ich alles richtig? Dann ist ein Freund gestorben und hat zwei kleine Kinder hinterlassen. Dadurch hat sich die Bedeutung des Songs vollständig verändert. Plötzlich ging es darum, das Leben zu schätzen und zu würdigen. Trotzdem erinnert mich der Song an eine sehr schwere Zeit. Er ist emotional wirklich schwer – aber ich werde ihn live singen.
Freude und Verletzlichkeit auf der Tanzfläche
Auf „Superbloom“ existieren Freude und Verletzlichkeit gleichzeitig. Ist Dance-Musik eine Art Schutzschicht oder eher eine Möglichkeit, diese Verletzlichkeit zu verstärken?
Ich glaube nicht, dass es eine Schutzschicht ist. Aber es ist ein Ort, an dem ich mich sicher fühle, Musik zu machen. Dance-Musik verstärkt die Gefühle. Es gibt kaum etwas Vergleichbares, wie einen Song auf der Tanzfläche zu singen – ob glücklich oder traurig. Ein offensichtliches Beispiel ist „Dancing On My Own“ von Robyn. Dieser Song macht alles mit einem emotional. Aber weil er diesen Drive hat, diese Bewegung, bekommt er etwas, das er als reine Ballade nicht hätte. Also ja, ich glaube, Dance-Musik verstärkt diese Emotionen.
Gibt es einen Song, in dem diese Spannung für dich besonders stark ist?
In „Sauna“ gibt es eine gewisse Zurückhaltung – eine Spannung. Es ist eine Einladung, aber nicht alles wird preisgegeben. „Ride“ ist das Gegenteil. Da sage ich klar, was ich möchte.
„Ride“ war der erste Song, den du für „Superbloom“ geschrieben hast. Hat er den Grundstein für das Album gelegt?
Ich habe kurz überlegt, ob er überhaupt dazugehört. Dann war klar: Er passt. Ich wollte filmische Qualitäten einfangen – Bilder, etwas Cinematisches, kleine Szenen. „Ride“ hat genau das. Er hat das Album vielleicht nicht direkt geprägt, ergänzt es aber sehr gut. Natürlich gehört „Ride“ dazu. Er ist total filmisch – und enthält ein Morricone-Sample aus „Zwei glorreiche Halunken“.
Theatralität, Musicals und filmisches Erzählen
Beim Hören von „Superbloom“ hatte ich fast das Gefühl, es sei sehr theatralisch – als könnte es eine Bühnenproduktion begleiten. Gab es Inspiration durch Musicals oder filmisches Erzählen bei der Struktur?
Musicals sind definitiv etwas, woran ich oft denke – besonders bei diesen großen Momenten in Refrains. Ich würde unglaublich gern einmal ein Musical machen, weiß aber auch, wie schwer das ist. Dass meine Musik manchmal so wirkt, finde ich toll. Performance inspiriert mich sehr. Wenn man sieht, wie Nicole Scherzinger in „Sunset Boulevard“ performt – das ist schlicht unglaublich. Oder Cynthia Erivo und Ariana Grande in „Wicked“. Musicals holen das Beste aus Menschen heraus, die sie lieben. Und ich liebe Musicals. Für Leute, die keine mögen, habe ich ehrlich gesagt keine Zeit. Ich liebe diese Fantasie-Ebene, weil man für ein paar Stunden aus dem echten Leben herausgeholt wird. Genau das mache ich auch mit meiner Musik.
Du hast einmal gesagt, dass es eine Weile gedauert hat, bis du dich wirklich wie eine Künstlerin gefühlt hast. Gab es einen Moment, der diesen Wandel ausgelöst hat?
Der Erfolg von „What’s Your Pleasure“ – und der Prozess, dieses Album zu machen. Wir waren ein starkes Team und haben uns eingeschlossen und diese Welt erschaffen, ohne äußere Meinungen. Das war das erste Mal, dass ich keine Bestätigung gesucht habe. Und dann hat es funktioniert. Da merkt man: Ich weiß, was ich tue – und ich mache es zu meinen Bedingungen.
„Superbloom“ als großes Festmahl
Gemeinsam mit deiner Mutter machst du den Podcast „Table Manners“, bei dem ihr euren Gästen ein hausgemachtes Gericht zaubert. Wenn „Superbloom“ ein Gericht wäre – welches wäre es?
Ein großes Festmahl mit vielen verschiedenen Speisen und Geschmäckern. Üppig, großzügig, voller Menschen, die es gemeinsam genießen. Es würde sich anfühlen, als würde es nie enden.
Denkst du, dass treue Fans aus deinem Podcast persönliche Geschichten im Album wiedererkennen könnten?
Vielleicht, wenn sie wirklich wie Detektive vorgehen. Ich arbeite seit zwei Jahren an diesem Album – da müsste man tief graben. Außerdem halte ich Podcast und Musik ein bisschen getrennt; das sind auch unterschiedliche Publikumskreise. Wer unbedingt möchte, könnte eine Sherlock-Holmes-Analyse machen. Nötig ist das nicht.
Wie viel deiner Musik ist von persönlichen Momenten inspiriert?
Alles. Wirklich alles.
Vielleicht ist „Superbloom“ genau das: kein Konzept, sondern ein Moment, in dem alles gleichzeitig passiert. Das Album erscheint am 17. April 2026.






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