John Mayall – Blues bis in die Ewigkeit


Die Kotelettenpartie seines Barts glitzerte silbern, und in seinem kurzgeschnittenen, aber immerhin noch vollen Haarschopf waren graue Strähnen schon keine Rarität mehr.

Nun, John Mayall wird im November 44 Jahre alt, und da haben andere schon Glatze und einen dicken Bauch. Aber John ist in Form und tingelt noch immer. Er absolviert die großen Toruneen, „verschleißt“ Bands, muß Interviews geben, im Studio schuften und Frustrationen einstecken.

Wären das nicht gute Gründe aufzuhören? John ist bei unserem Gespräch im Hamburger Parkhotel nicht sonderlich erstaunt über diese Frage.“Ich habe mich selbst oft genug mit dem Gedanken beschäftigt. Einfach alles hinschmeißen und Schluß! Aber andererseits kann ich mir ein Leben als Privatier im Laurel Canyon nicht so recht vorstelleaDie Tourneen,die verschiedenen Mädchen und Weine, der Streß, das Publikum und auch die Frustrationen.“Noch weiß Mayall nicht.daß er in knapp zwei Stunden eine weitere Enttäuschung erleben wird. Die Musikhalle ist bei seinem Hamburger Auftritt nur gut zur Hälfte besetzt, dafür allerdings mit eingefleischten Fans. Ich frage ihn nach der verhinderten Countrysängerin Dee McKinney, deren Gequake zu keinem Zeitpunkt in die Mayall-Musik paßte. Ihr hat John mit Sicherheit einen Teil der Publikumsmisere zu verdanken. „Oh, Dee. Phjjj, ja, die ist irgendwo in Californien und tingelt als Solistin durch Nightclubs. Keine Ahnung wo sie jetzt steckt.“ Warum ist die Mayall-Combo wieder zu einem Quartett geschrumpft? “ Eine kleine Band ist von den Reisekosten her billiger und sie ist besser, wenn man authentischen Blues und Bluesrock spielen will. Außerdem hat die Band das Flair der alten Bluesbreakers, und ich wollte gerne mal wieder etwas in dieser Richtung spielen.“ Wollte oder mußte ? Immerhin stank vielen Mayall-Fans der verpoppte Countryblues von „New Year“ und „Notice To Appear“ „Nein, nein wirklich- das hat damit nichts zu tun.Ich wollte zurück zum „Bluesbreakersstoff‘.“

Keine Experimente

Dann sind die Country – und Soulexperimente gegessen? Mayall:“Ja!“ Aber der Blues hat doch auch schon seine besten Zeiten hinter sich, oder nicht? John wird mobil: „Das haben die Leute auf dem Gewissen, die den Bluesrock auf seinem Höhepunkt verramschten. So wie sie es bei jeder Musikwelle machen. Du kannst meinetwegen 100 gute Bands von einer Musikart laufen lassen. Alles was darüber hinausgeht, ist irgendwie zu viel. Besonders, wenn es nur Hype-Truppen sind, die prinzipiell nichts als Scheiße bauen. Dann ist jedes Publikum schnell übersättigt und fragt auch nicht mehr nach den guten Leuten“.

Neuer Grundstock für den Bluesrock

Dann ist der Bluesrock also am Ende? „Nein, an einem neuen Anfang. Für mich jedenfalls. Unser Quartett, das sind Steve Thompson (Baß), Soko Richardson (Drums), James „Quill“ Smith (Gitarre) und ich, wir bilden einen neuen Grundstock. Es ist ein ,Back-To-The-Roots-Projekt‘. Eine Art neue Bluesbreakers. Und damit begann ja schon mal alles!“ Aber die neue Mayall-LP „Lots Of People“ steht weder musikalisch noch personell im Zusammenhang mit dem neuen Quartett. „Richtig! Diese Platte ist auch nur das Abschlußprodukt einer großen Big-Band-Tournee durch die Staaten. Wir haben sie praktisch am letzten Tag der Tour im Roxy von Los Angeles aufgenommen. Das Album ist damit bereits ein Stück Geschichte. Wir waren auch schon mit der neuen Band im Studio, um eine LP aufzunehmen. Sie wird „Hard Choir Package“ heißen und im September auf den Markt kommen. Die Songs sind so aufgenommen, wie wir sie heute abend spielen werden. Ich will nur noch bei vier Titeln ein paar Bläser und Mädchenstimmen hinzufügen. Aber sonst wird sie so klingen, wie die Musik heute abend.“

Die Magie ist hin

Tatsächlich – John Mayall ist zum Bluesrock zurückgekehrt. Aber die Feinheit und Magie, die in der wohl auch von Mayall bevorzugten Bluesbreakers-Aera um „Blues From The Laure Canyon“ steckte, erreichte dieses Quartett in Hamburg beim besten Willen nicht. Es ist zwar schön, daß Mayall zu seiner Musik zurückkehrte, daß er den Popstaub von seinen Füßen schüttelte, aber mit einem Drummer, der sich wie ein Elefant im Porzellan-Laden benimmt, und einem Bassisten, der offensichtlich Schwierigkeiten mit der Konzentration hat, ist der beste Mayall auch nur die Hälfte wert.