Julio Iglesias: Schwere Vorwürfe spalten spanische Politik

Spaniens Politik reagiert auf Missbrauchsvorwürfe gegen Julio Iglesias: Man fordert Ermittlungen und will Ehrungen entziehen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Julio Iglesias wegen Vorwürfen sexueller Gewalt und Arbeitsausbeutung. Ehemalige Mitarbeiterinnen schildern ein System der Kontrolle und Unterdrückung – das Image des spanischen Weltstars gerät ins Wanken. Und die Politik streitet über Folgen.

Details der Anschuldigungen

Zwei Frauen haben am 5. Januar, vertreten durch die Organisation „Women’s Link“, bei der Staatsanwaltschaft der Audiencia Nacional Anzeige wegen mutmaßlicher sexueller Belästigung und Übergriffe im Jahr 2021 durch Julio Iglesias erstattet. Der Fall wurde von „elDiario.es“ und „Univisión“ bekannt gemacht.

Laut der Anzeige sollen die Frauen zwischen Januar und Oktober 2021 während ihrer Beschäftigung im Anwesen des Sängers in der Dominikanischen Republik und auf den Bahamas verschiedene Formen von Gewalt erlebt haben – sexuell, psychologisch, physisch und wirtschaftlich. Den Aussagen zufolge soll Iglesias sie sexuell belästigt und angegriffen, regelmäßig ihre Mobiltelefone kontrolliert, ihnen verboten haben, das Haus zu verlassen, in dem sie arbeiteten, und Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden täglich ohne freie Tage und ohne Vertrag verlangt haben.

Die Staatsanwaltschaft wurde über Sachverhalte informiert, die möglicherweise Straftatbestände wie Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft und Zwangsarbeit, Straftaten gegen die sexuelle Freiheit wie sexuelle Belästigung sowie Körperverletzung und Verstöße gegen Arbeitnehmerrechte darstellen könnten.

Wie ernst werden die Anschuldigungen genommen?

Der Vorsitzende der konservativen Volkspartei (PP), Alberto Núñez Feijóo, äußerte sich am Mittwoch, 14. Januar, zu den Anschuldigungen zweier Frauen gegen den Sänger. In einem Interview mit „Telecinco“ erklärte er, wie die meisten Spanier:innen „sehr, sehr überrascht“ von den Anschuldigungen zu sein. Die Vorwürfe bezeichnete er als „sehr schwerwiegend“ und betonte die Notwendigkeit, dass die von der Staatsanwaltschaft der Audiencia Nacional eingeleiteten Ermittlungen durchgeführt werden müssten, um „genau festzustellen, was wirklich dran ist“. Mit dieser Aussage distanziert sich Feijóo von der Position seiner Parteikollegin Isabel Díaz Ayuso, der Präsidentin der Region Madrid. Diese hatte am Dienstag, 13. Januar, der Öffentlichkeit mitgeteilt: „Die Region Madrid wird niemals zum Rufschaden von Künstlern beitragen, schon gar nicht bei dem universellsten Sänger von allen: Julio Iglesias.“

Díaz fordert Entzug der Kulturmedaille aus ethischen Gründen

Die zweite Vizepräsidentin und Vorsitzende der linken Partei Sumar, Yolanda Díaz, sprach sich für den Entzug der Goldmedaille für Verdienste in den Schönen Künsten aus, die Julio Iglesias 2010 von der spanischen Regierung verliehen wurde. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVE erklärte sie, mit Kulturminister Ernest Urtasun, ebenfalls von Sumar, über diese Möglichkeit gesprochen zu haben. Dieser werde „in den kommenden Tagen“ über die Medaille entscheiden.

Díaz unterschied zwischen strafrechtlicher und ethischer Verantwortung: „Eine Sache ist die strafrechtliche Verantwortung, die man haben kann, und dann gibt es die ethische Verantwortung. Alles, was wir erfahren, scheint ein beispielhaftes Handeln in dieser Angelegenheit zu erfordern.“ Sie betonte, dass der Entzug der Auszeichnung keine Verletzung der Unschuldsvermutung darstelle.

Kritik an Ayusos Haltung

Díaz kritisierte die Reaktion der Madrider Regionalpräsidentin. Ayuso hatte sich geweigert, die 2012 an Iglesias verliehene Goldmedaille der Region Madrid zurückzuziehen. Díaz warf ihr vor, sich mit dieser Haltung auf die Seite des „Machismo“ und der „Verletzung der Menschenrechte“ zu stellen. Sie richtete die Frage an Feijóo, ob er sich mit diesen Äußerungen seiner Parteikollegin wohlfühle.

Amnesty International unterstützt Klägerinnen

Amnesty International gab in einer Mitteilung bekannt, die beiden Klägerinnen zu unterstützen und Ermittlungen zu fordern. Die Organisation betont, dass die Frauen fast fünf Jahre lang aus Angst vor beruflichen Repressalien, mangels sicherer Meldekanäle und aufgrund einer Kultur, die historisch die Stimmen von Betroffenen missachtet und diskreditiert hat, nicht über das Geschehene gesprochen hätten.

Eine der Frauen erklärte laut Mitteilung, ihr Ziel sei, „dass keine Frau mehr diese Art von Missbrauch durch ihn erleiden muss. Ich möchte die Botschaft vermitteln, dass Frauen Opfer und Überlebende sind, keine Täterinnen oder Schuldigen.“ Amnesty International weist darauf hin, dass die Erfahrungen der beiden Frauen möglicherweise Ähnlichkeiten mit denen anderer Frauen aus Südamerika und der Karibik aufweisen, die für den Beschuldigten gearbeitet haben sollen.