Kent


Faszinierend wie diese kleinen Dinger sich immer wieder aufrichten. Wie sie sich im 90 Grad-Winkel nach oben recken, dem Göttlichen entgegen. Nur wegen einer schwedischen Band, die möglicherweise nie über den Status „Geheimtip“ hinaus kommt. Doch die kleinen Härchen am Unterarm sind beeindruckt von den Keyboardklängen, die sich wie vom Winde verweht um die nasale Stimme Joakim Bergs schlingen. Der blasse Frontmann mag es melodramatisch, gibt sich verzweifelt, als wäre er ein Seelenverwandter von Morrissey. Dann wieder mimt er den Kobold, der selbstvergessen über die Bühne des ehemaligen Studententreffs in Helsinki tanzt. Das Vanha ist perfekt für die Grammy-Gewinner aus dem Nachbarland: In edlem Ambiente, das an ein Theater für die oberen Zehntausend erinnert, erwachen die Landschaften aus dem Booklet des Albums „Hagnesta Hill“ zum Leben. Die mit Raureif überzogenen Gräser, der graurosa Himmel über der Holzbank, die Sonnenauf- und Untergänge. Die Klarheit von Live, die Tiefe von Radiohead, die Melancholie der Smashing Pumpkins. Zumindest ein gewisser Prozentsatz davon. Die fragilen Töne würden außerhalb dieser Räumlichkeiten nicht eine Minute überleben, an der nächsten Straßenlaterne einfach zerschellen. Hier drinnen jedoch segelt Song um Song wie ein kleines Samtkissen durch die Luft. Natürlich ist es hilfreich, gerade fürchterlich verliebt zu sein, wenn man ein Kent-Konzert besucht. Denn auf ihrem vierten Album, das sie in der Hauptsache präsentieren, neigen sie mehr denn je zum Kitsch. Spätestens bei „Music Non Stop“ müssten die Alarmglocken schellen, wenn eine Frauenstimme vom Band stöhnt. Doch Berg reißt seine Kulleraugen auf und präsentiert die kitschigen Momente so inbrünstig, dass es schwer ist, sich davon nicht überzeugen zu lassen. Zumindest in Finnland funktionierte das ganz hervorragend. Oder waren die 800 Anwesenden allesamt verliebt?