Festival-Fotos und Nachberichte

Lollapalooza Berlin 2018: 8 Acts, die Ihr Samstag wohl oder übel verpasst habt


In Berlin findet gerade zum vierten Mal das Lollapalooza-Festival statt. Nachdem der erste europäische Ableger von Perry Farrells Festival-Franchise 2015 auf dem Tempelhofer Feld stattfand, 2016 in den Treptower Park verlegt wurde und 2017 auf die Trabrennbahn Hoppegarten ins Berliner Umland zog, hat das Lollapalooza nun seinen Weg zurück in die Stadt gefunden: Am 8. und 9. September wurden und werden Olympiapark und Olympiastadion im Berliner Westend beschallt.

Schon am Samstag zeigt sich: Der Olympiapark ist logistisch und architektonisch wie gemacht für ein Stadtfestival von Welt, bei dem sich EDM dieses Jahr endgültig zum größten Zuschauermagnet entwickelt hat. Im Stadion legen Armin van Buuren und David Guetta inmitten einer Megaparty auf, auf den Bühnen rundherum gibt es HipHop, Indierock, #Wirsindmehr-Momente und „75 Minuten Hass“. An- und Abreise funktionieren besser als im Vorjahr in Hoppegarten, nur die Warteschlangen an den Geldaufladestationen und Gastroangeboten sind nicht kürzer.

Hier unsere Beobachtungen vom Samstag in Text und Foto (Galerie oben).

Texte von Annette Schimanski (as), Dominik Sliskovic (ds), Daniel Krüger (dkr) und Vanessa Sonnenfroh (vs)


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Ben Howard beim Lollapalooza Berlin 2018

Ben Howard bringt am Nachmittag Ruhe in die wie immer mit Blumen geschmückte und glitzernde Lollapallooza-Welt. Mit projiziertem Herbststimmungs-Bild und „Towing the Line“ vom aktuellen Album NOONDAY DREAM beginnt das Set des englischen Singer/Songwriters.

Das in Herbstlicht getauchte, bunte Publikum lauscht andächtig, Howard singt und spielt acht Songs im Sitzen und mit großer Bandbesetzung – Gitarren, Bass, Drums, Keyboard-Sounds, Strings, Backings und Flöten. Ben Howard ist einer der professionellsten und am besten live abgemischten Künstler des Tages – letzteres hat leider nicht bei allen Bands gut geklappt.

Zwei alte Songs mischen sich zwischen die aktuellen Albumtitel, bei „Small Things“ singt ein Großteil des Publikums mit. Mit „Nica Libres At Dusk“ beendet Ben Howard sein Set und bedankt sich kurz bei den Zuhörern. Viel mehr muss er auch nicht sagen – seine Träumermusik spricht für sich. (vs)

Casper beim Lollapalooza Berlin 2018

Altbewährtes Stilmittel eines Casper-Konzerts: Der Rapper kokettiert mit seiner vermeintlichen Schüchternheit. Er sei ja eigentlich gar nicht so eine Rampensau, die Menschenmasse flöße ihm riesigen Respekt ein. Das Publikum schlägt sich standesgemäß mit noch lauterem Jubel auf seine Seite und Casper bedankt sich mit dem ersten einer Reihe von Stargästen, die er für die Show in seiner Wahlheimat Berlin mitgebracht hat.

Mit Ahzumjot performt er „Lass sie gehen“ von seinem 2017er-Album LANG LEBE DER TOD, kurz darauf steht noch prominenterer Besuch auf der Main Stage: Am Freitag stieg ihr gemeinsames Album 1982 auf Platz 1 der Album-Charts ein, am Samstag präsentieren Casper und Marteria dem Lollapalooza gleich drei Songs der neuen Platte: „Champion“, „Adrenalin“ und „Supernova“ spielten die beiden größten deutschen Rapper bereits beim #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz vergangene Woche. Und auch heute widmet sich Casper den Themen, die an diesem Montag in Sachsen wichtig waren: Er fordert Toleranz, Zivilcourage und Offenheit. Nur so könne das Leben weiterhin „wunderschön und bunt“ bleiben.

Bevor er mit Drangsal den abschließenden dritten Gast auf die Bühne bittet, spielt Casper die Opener-Tracks seines 2011er-Durchbruchalbums XOXO, „Der Druck steigt“/“Blut sehen“. Gebettet in dem Best-Of-Set, das der Rapper beim Lollapalooza spielt, zeigt sich einmal mehr, was für ein innovatives, gutes, Album XOXO ist und zu seiner Zeit war ­– und was für eine Messlatte sich Casper damit selbst für seine restliche Karriere gesetzt hat. (ds)

The National beim Lollapalooza Berlin 2018

In der Samstagabenddämmerung spielen The National ein wundervolles Konzert mit SLEEP-WELL-BEAST-lastigem Set. Insbesondere „Day I Die“ schwingt sich in der Eigendynamik, die die Band im Livespiel entwickelt, in neue Höhen auf. Ausgerechnet Sänger Matt Berninger ist es, der dem sich auf der Bühne entwickelnden Strudel Struktur gibt.

Was so gesehen verwunderlich ist, gibt Berninger auch beim Lollapalooza routiniert den zwischen knuffigem Teddybär, der die Truckercap von Drummer Bryan Devendorf an einen sehr jungen Fan in der ersten Reihe verschenkt, und Derwisch, der durch die Zuschauermenge irrgeistert, wandelnden Frontmann.

Nur schade, dass sich überraschend wenige Menschen auf das Spektakel The National einlassen. Während die Band die HIGH-VIOLET-Großtaten „Bloodbuzz Ohio“ und „Terrible Love“ spielen, hängt die Mehrzahl der Festivalbesucher auf der anderen Seite des gigantischen Maifelds im Schatten des Olympiastadions ab. Auf The National folgt nämlich Headliner The Weeknd. Eher die Bühnenpersona, auf die sich das sehr junge Lolla-Publikum einigen kann. (ds)

The Weeknd beim Lollapalooza Berlin 2018

Schon lange bevor Abel Tesfaye aka The Weeknd seine Show startet, ist es wahnsinnig voll vor der Main Stage. Die Neugier, ob der Typ, der das Formatradio regelmäßig mit Hits füttert, live überzeugen kann, ist immens. Und der Beginn des Konzerts spricht nicht gegen The Weeknd.

Mit dem Kendrick-Lamar-Feature „Pray For Me“ und dem von Daft Punk produzierten „Starboy“ eröffnet The Weeknd sein Headliner-Slot energetisch statt abtastend. Diesen Ansatz behält er sich im ersten Drittel bei: Musikalisch erinnert es mehr an eine HipHop-Show als ein Popkonzert, The Weeknd lässt Tracks ineinander laufen, streut Cover von Future und Drake ein. Dies ist jedoch auch die Phase, in der sich der Zuschauer fragt, ob der Musiker tatsächlich schon eines Headliner-Slots würdig ist. Selbst das vor Beginn so euphorische Publikum verläuft sich nach den ersten Non-Single-Tracks.

Überhaupt, das Publikum: Der Altersdurchschnitt liegt bei unter 25, die jungen Frauen sehen aus, als seien sie einer Werbekampagne des unsäglichen Fast-Fashion-Stores Bershka entnommen, ihre männlichen Konterparts wirken wie fleißige Highsnobiety-User, die einmal mehr beim Supreme-Drop leer ausgegangen sind und sich stattdessen mit Klamotten aus The Weeknds H&M-Kollektion begnügt haben.

Man könnte das Gefühl bekommen, The Weeknd würde die Bühne leerspielen, wenn bereits dieses Klientel, das zuvor noch lauthals „I’m a motherfuckin‘ Starboy“ mitgegrölt hat, das Weite sucht. Vielmehr dürften die enorm aufklaffenden Lücken im Laufe seines Sets einem anderen Umstand geschuldet sein: Direkt im Anschluss legt David Guetta im Olympiastadion auf – und der liefert dann sogar noch mehr und noch regelmäßiger Hits fürs Formatradio als The Weeknd. (ds)

K.I.Z beim Lollapalooza Berlin 2018

Fragwürdigen Respekt an die BILD-Zeitung und diverse andere Publikationen, die K.I.Z nach ihrem Auftritt in Chemnitz als „Hass-Rapper“ verurteilt haben. Sie haben es nämlich geschafft, dem vermeintlich undurchdringlichen Schutzschild der Berliner einen Kratzer zu verpassen. K.I.Z. waren sichtlich angepisst über die Berichterstattung, die sie in den vergangenen Tagen über sich ergehen lassen mussten. Mehrfach schnappten sie nun den Begriff „Hass-Rapper“ auf und konterten mit ihrer seit Jahren bewährten Waffe, mit Humor: Weil sie ausgerechnet am Olympiastadion „Ich bin Adolf Hitler“ anspielen, beginnen sie den Song lieber flüsternd, die B.Z. könnte ja immerhin Wind davon bekommen.
Die Laune der Rapper dürfte sich nach nervigen Tagen aber spätestens mit dem Ende ihres Headliner-Gigs gebessert haben. Nicht jeder im etwas zu großen Publikum machte bei jedem Song mit, die sicheren Hits erfüllten aber ihren Zweck und für „Hurra, die Welt geht unter“ können sich K.I.Z noch in 20 Jahren feiern lassen. Und für die Tatsache, dass sie Leonard Cohens „Halleluja“ in „Hurensohn“ umdichten und die Leute den Scheiß tatsächlich voller Inbrunst und gefühlig mitsingen. K.I.Z sind mittlerweile ein National Treasure – wie auch immer es dazu kommen konnte. (dkr)

L.A. Salami beim Lollapalooza Berlin 2018

Es sind wirklich unzumutbare Zustände, denen L.A. Salami ausgesetzt wird. Genau zwischen den Subbassmassakern von K.I.Z auf der Main Stage 2 und David Guetta auf der Perry’s Stage liegt die stadtfestunwürdige Bühne des Weingartens. Obendrein ist Salami erkältungsgeplagt nach Berlin gereist, seine Ohren sitzen zu, er hört sich selbst kaum singen.

Sein einfühlsamer Grübelfolk kann seinen Zauber dennoch ausbreiten. Das Publikum wächst beständig und lauscht dem Barden beim Geschichtenerzählen aus dem Großstadtdschungel London. Während er in „6 Days A Week“ von seiner Arbeitswoche und seinen Tricks sie (mental) unbeschadet durchzustehen berichtet, blickt man in viele Gesichter, die für sich sprechen: So wie L.A. fühlen wir uns alle, immer wieder.

Und während man die Augen schließt, um Salamis dylanesken Gitarre/Mundharmonika-Arrangements noch angeregter lauschen zu können, verrinnt seine knappe Stage Time im Dunst des Guetta-Wahnsinns. Schade. (ds)

The Wombats beim Lollapalooza Berlin 2018

Die britische Band The Wombats ließ sich Ende der 00er-Jahre auf der Welle anderer, größerer Bands der „Indie-Szene“ mittragen und wurde 2018 auf eine der kleineren Bühnen des Lollapalooza gespült. Während aus dem Olympiastadion der Guetta-Bass wummert, zelebrieren die Wombats mit ihrem überschaubaren Publikum, das sie sich seit einem Jahrzehnt kaum verändert haben. Einen Vorteil haben sie aber in petto: Ihr Sound ist tanzbar und genau das trifft den Nerv der Samstagabend-Menge, die etwas ermüdet, aber dennoch feierwillig vor der Bühne hüpft. Da tanzt eine junge Mutter ausgelassen mit ihrem Kind, ein angeheitertes Paar wirbelt umher und rüttelt damit ein paar andere Zuschauer wach, die sich eigentlich nur auf dem Rasen ausruhen wollten.

„Kill The Director“ und „Let’s Dance To Joy Division“, die beiden Hits des Debütalbums, kennen dann doch alle und geben tanztechnisch noch mal alles – vielleicht aber auch nur, um die Guetta-Party von nebenan zu übertönen, die immer lauter zu werden scheint. „Danke, dass ihr nicht zu Guetta gegangen seid“, rufen die Wombats zum Abschied ins Publikum. (as)

David Guetta beim Lollapalooza Berlin 2018

The National, K.I.Z, The Weeknd – so unterschiedlich diese Acts bereits sein mögen, David Guetta passt so gar nicht in diese Aufzählung. Und doch entsteht auf dem Lollapalooza am Samstagabend das erste Mal ein mehr oder weniger großer Stau, als etliche Besucher in Richtung Stadion strömen, wo bereits den ganzen Tag ohnehin nichts anderes als EDM-Musik lief. Guetta, der Urvater aller Laptop-DJs, soll den Samstag krönen. Der Innenraum ist gefüllt mit offenbar ausnahmslos begeisterten jungen Menschen, als Guetta so pompös wie möglich loslegt – erhoben auf einer Art Altar thront er über allen und lässt seine immergleichen Hit-Beats laufen. Aber es funktioniert. Selbst an den äußeren Rängen stauen sich die Zuschauer, um einen Blick auf das Geschehen innen zu erhaschen. Dabei gibt es eigentlich nicht viel zu sehen, wenn man nicht selbst mitfeiert.

Guetta fährt eine Show auf, die andere Künstler eventuell als Finale ihrer eigenen erwägen würden – Flammenwerfer hier, Rauchkanonen da, flackernde Lichter, die bis in den Nachthimmel schießen. Diese Methoden werden so inflationär eingesetzt, dass man sich die Frage stellt, ob die Guetta-Jünger ohne diese Einsatzmittel eventuell nicht wissen, wann der Zeitpunkt zur Eskalation erreicht ist. Zum Abschluss gibt es noch ein Feuerwerk, um auch diesen vernünftig zu signalisieren. Das allein mit der Musik zum Ausdruck zu bringen, ist in EDM-Kreisen offenbar verpönt. (as)


Lollapalooza Berlin 2018: Auch Kraftwerk haben den Festival-Sonntag genossen
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