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Erfahrungsbericht

Linus Volkmann live im Autokino: Bitte nicht hupen!

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Ein Scheinwerfer geht kurz an, dann wieder aus. Ich bin unsicher, lächle den roten Polo von der Bühne aus an, er bewegt neckisch seine Scheibenwischer, ich winke verlegen zurück. Moment mal, flirte ich da etwa gerade mit einem Auto? Ganz ehrlich, ich empfinde Festival-Auftritte schon unter normalen Bedingungen seltsam. Egal, vor welchem schäbigen Hügel oder an welchem halbverseuchten Fluss die Veranstaltung stattfindet – man hat sich bitte auf die offizielle Erzählung einzulassen, in der wahlweise Worte wie „atemberaubende Naturkulisse“ oder „faszinierende Industrie-Relikte“ vorkommen. Ungeachtet der Tatsache, dass vor Ort dann doch immer wieder der gleiche Jahrmarkt stattfindet mit Fress- Ständen, Werbebannern und Auftritten von so ständigen Bands wie Flogging Molly, Madsen oder Papa Roach, gepaart mit der namenlosen Angst, irgendwann doch eines der Dixi-Klos betreten zu müssen.

Für diesen Blechschaden gebührt erfolgreichen Vogelgesichtern wie Max Giesinger eine Runde Mitleid

Insofern mag es mich zwar finanziell getroffen haben, dass ich 2020 keine Festivalbühne betreten konnte, allerdings habe ich Corona gegenüber deswegen kein schlechtes Wort verloren. Im Gegenteil. Ach so, ich muss wohl noch erklären, warum ich überhaupt auf Festivals auftrete. Weder bin ich eine Band, noch irgendwie berühmt. Aber ich lese, öffentlich. Und da Festivals heutzutage Entertainment- Overkill sein müssen – fünf Schauplätze gleichzeitig am Senden, dazu Hubschrauberflüge, Kleinkunstbühne und unbedingt auch noch was für die Kids – gibt es dort inzwischen auch Zelte mit Nachmittags-Lesungen. Die sind fix gebucht, brauchen kaum Technik, und am Ende sieht das Festival-Plakat noch voller aus.

So lese, pardon, performe auch ich im Sommer regelmäßig auf Festivals – für das anwesende Zufallspublikum sowie für Besoffene, die einfach mal sitzen wollen. 2020 kann nicht nur ich mir das sparen, alles ist abgesagt. Und zuerst schmunzle ich, als ich höre, dass erfolgreiche Vogelgesichter wie Max Giesinger oder Alligatoah ihr System einfach keinen Sommer runterfahren dürfen und deshalb eben in Autokinos auftreten. In Autokinos? Auch wenn ich bei der Musik dieser Leute gern mit den Augen rolle, aber für diesen Blechschaden gebührt ihnen eine Runde Mitleid. Arme Schweine!

Gleich bin ich einer von ihnen: jemand, der schon mal für Pkw performte

Keine sechs Wochen später stehe ich selbst am Aufgang zu einer riesigen Bühne in einem Industriegebiet irgendwo südlich von Köln. All die Häme, die ich für Autokino-Künstler übrig hatte – das mit dem Mitleid war natürlich gelogen –, richtet sich nun gegen mich selbst. Denn gleich bin ich einer von ihnen: jemand, der schon mal für Pkw performte. Gut, sage ich mir, immer noch besser als ehrliche Arbeit. Außerdem: Wie schlimm kann es schon werden?

Mein Blick schweift über die Bühne. Auf der riesigen Leinwand sieht man das illustrierte Bild eines Wagens, an dem lasziv eine Pin-up-Lady lehnt, drüber steht „Vielen Dank!“. Ich hoffe, dass die anwesenden Autos nicht auf die Idee kommen, diese creepy Einblendung sei bereits Teil meiner Show. Es geht los! Ich schnappe mir das Bobbycar, das mir im örtlichen Kindergarten besorgt worden ist, und stürme auf die Bühne. Eigentlich wollte ich darauf reinfahren, aber das geht nicht, meine Beine sind zu lang, das sähe nicht lustig aus, sondern kläglich, wie eine monstergroße Gottesanbeterin auf einem Spielzeug.

Wie sehr Witze von der Reaktion der Zuhörer leben, merkt man erst, wenn es keine mehr gibt

Also stemme ich das Plastikding über den Kopf. Die Autos hupen enthusiastisch, wow, das ist ja viel lauter als Beifall… Ich entspanne ein wenig. Warum wirkten bloß alle Künstler*innen, die ich bisher über solche Auftritte habe reden hören, so zermürbt? Das wird mir schneller klar, als mir lieb ist. Auf der Anzeigetafel scrollt sofort folgende Anweisung herein: „Bitte nicht hupen!“. Danach ist es still, die Industriegebiet-Anwohner bedanken sich möglicherweise gerade dafür in ihren Hausmeisterwohnungen, aber was mir jetzt noch bleibt als Auditorium und Ausblick, ist nichts als ein riesiger, stummer Parkplatz. Wie sehr Witze von der Reaktion der Zuhörer leben, merkt man erst, wenn es keine mehr gibt. Amüsieren sich die Besucher köstlich in ihren Fords – oder haben sie von meiner Liveschaltung auf ihren Autoradios schon auf „1Live“ weitergedrückt?

Benjamin von Stuckrad-Barre meinte einmal, „in einem Literaturhaus zu lesen, ist wie einen Autoreifen zu ficken“. Welche Form von Sex ist dann das hier? Doch nach einiger Zeit gewöhne ich mich an diese seltsame Atmosphäre. Ich wälze mich auf Motorhauben, simuliere obszöne Tankbewegungen an den Autos, mache Scherze über Dieselfahrverbote und bete, dass keiner mitfilmt.

Sollte das zur Regel werden, beschwere ich mich beim ADAC

Das ist er also, der Open-Air-Sommer 2020. Mehr als erinnerungswürdig. Doch so sehr man auch mal einen Autokino-Gig – auch als Pkw – mitgenommen haben sollte, so groß ist die Hoffnung, dass dies alles bitte nur eine grelle Episode bleiben möge. Denn einen Sommer lang mag das ja ganz originell gewesen sein, sollte es aber zur Regel werden, beschwere ich mich beim ADAC.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 09/20.


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