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Kraftwerk im Museum, Tag 2: „RADIO-AKTIVITÄT“

Das Beste am Kraftwerk-Album RADIO-AKTIVITÄT, das 1975, ein Jahr nach AUTOBAHN veröffentlicht wurde, ist das zweideutige Konzept. Es wird schon durch die verschiedene Schriftweise von Album- und Songtitel deutlich. Mit Bindestrich und ohne; einmal ist die Aktivität der Radiostationen in den USA gemeint, die 1974/75 durch Powerplay der Single „Autobahn“ den Weltruhm von Kraftwerk begründeten. Und einmal die (Konträr-)Faszination der Protagonisten durch die Kernenergie, die Mitte der 70er-Jahre von den einen als Allheilmittel für alle Energieversorgungsprobleme der Zukunft gepriesen, von den anderen als tickende Zeitbombe verteufelt wurde. Erst 1991 beim Album THE MIX deuteten Kraftwerk den Titelsong in ein Anti-Atomkraft-Lied um. Im Refrain wurde dem Wort „Radioaktivität“ ein „Stoppt“ vorangestellt, die Namen von Orten nuklearer Katastrophen wurden mit teutonisch strenger Computerstimme wie tönende Mahnmahle über den Song geworfen: „Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield, Hiroshima“ – im jüngsten Update: Fukushima.

Das zweitbeste an RADIO-AKTIVITÄT: die weitere Verfeinerung der Kraftwerk-Naiv-Lyrik. „Drehen wir am Radiophon, vernehmen wir den Sendeton. Durch Tastendruck mit Blitzesschnelle erreichen wir die Kurze Welle. Nach Feineinstellung mit der Hand lauschen wir dem Morseband“, heißt es schön in „Radioland“.

Das nicht so gute an dem Album: die Musik. Außer erwähntem „Radioland“ in seinem wegweisenden Minimalismus, dem gespenstisch-schönen Titelsong und dem New-Wave-artigen Techno-Popper „Antenna“ gibt es zu viel Zisch und Blubber und Vocoderstimmen – ein Rückfall in frühe Kraftwerk-Zeiten.

Dieses erste vollelektronische, aber eher schwächelnde Kraftwerk-Album steht am zweiten Tag der Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie im Mittelpunkt. Und ergibt erst in Zusammenhang mit den 3-D-Visuals am hinteren Bühnenrand Sinn. Es sind größtenteils Abstraktionen, größtenteils in Schwarzweiß gehalten, die die Musik illustrieren und gemeinsam eine multimediale Einheit bilden. Die mächtigen Bässe, die immer wieder die quadratische Stahl- und Glaskonstruktion erschüttern, verleihen dem eine dritte, physische Dimension. Nach gut einer halben Stunde aber ist dieses Album auch komplett gespielt. Zeit für die Greatest Kraftwerk Hits. Die Setlist gleicht der vom Vorabend bis auf marginale Änderungen. Ralf Hütters Stimme bricht ein paarmal weg und eine leichte Asynchronität zwischen dem gesprochenen und visualisierten „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8“ in „Nummern“ bringt das Bild von Kraftwerk als Perfektionisten leicht ins Wanken so wie vorher die Bässe das Gebäude – wir hoffen, das zieht keine personellen Konsequenzen nach sich.



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