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Kraftwerk im Museum, Tag 6: wie der „TECHNO POP“ in die Welt kam

„Was ist das?“, fragt der berühmte Schauspieler Ben Becker mit seiner berühmten Ben-Becker-Stimme am Einlass, als ihm eine nette Mitarbeiterin der Konzertagentur eine 3-D-Brille in die Hand drückt. „Eine 3-D-Brille für die Projektionen“, antwortet sie. Wir wissen nicht, ob Ben Becker die Brille entgegengenommen hat, sind ihm aber mehrmals während des Konzerts ohne Brille begegnet. Wahrscheinlich hatte Ben Becker viel Spaß an diesem Abend, an dem Kraftwerk ihr Album TECHNO POP spielten in der 3-D-Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Das Album, das Ende 1986 unter dem Titel ELECTRIC CAFE veröffentlicht wurde, hätte eigentlich TECHNO POP heißen sollen. Der Name wurde ihm erst im Zuge der Wiederveröffentlichung das Kraftwerk-Katalogs als „Kling Klang Digital Master“ im Jahr 2009 zurückgegeben. Das Album wurde damals von nicht wenigen Kritikern als rückständig und als Zeichen für den kreativen Stillstand Kraftwerks gewertet. Die Wahrheit ist: TECHNO POP markiert den Endpunkt der Suche Kraftwerks nach dem Techno Pop, die mit TRANS EUROPA EXPRESS erst so richtig begonnen hatte und dessen Konzept mit den nächsten drei Alben immer weiter verfeinert wurde. Was damals freilich noch keiner wissen konnte: der ausgefeilte Minimalismus von TECHNO POP sollte wichtige Impulse für die elektronische Musik des darauffolgenden Jahrzehnts geben.

Bei der Aufführung von TECHNO POP wurde die Songchronologie komplett aufgebrochen. Die Tracks der ersten LP-Seite eröffneten – nicht chronologisch – das Set, die Songs von Seite 1 beendete es. Aus dramaturgischen Gründen. Eine Endlosschleife aus „Musique Non-Stop“ unterlegt jeden Abend den Abgang der Musiker. Einer nach dem anderen verlässt die Bühne mit einer Verbeugung am rechten Rand. Und nur einer sagt was, Ralf Hütter: „Gute Nacht. Auf Wiedersehen.“ Jeden Abend kurz vor 22 Uhr.

So beginnt diesmal der obligatorische Greatest-Hits-Teil schon nach 15 Minuten. Wieder mit „Autobahn“, diesmal allerdings in einer neunminütigen Version. Auffällig diesmal – aber wahrscheinlich nur für Menschen, die mehrere Konzerte der Reihe gesehen haben: die Band wirkt eingespielt, hat Raum und Zeit unter Kontrolle, alles scheint ihnen leichter von der Hand zu gehen. Weitere Auffälligkeiten: Kraftwerk spielen „Der Telefon Anruf“ in einer Instrumentalversion. Mit „Aéro Dynamik“ wird ein Song gespielt, der an den Tagen vorher noch nicht zu hören war. Und der Autor dieser Zeilen muss wahrscheinlich erst sechsmal „Autobahn“ hören und sehen, bis er erkennt, dass es sich bei dem Flugzeug, das in der Projektion am Ende des weiten Tals in den Himmel steigt, um eine Concorde handelt. Auch so ein retrofuturistisches Symbol. Das Überschallflugzeug, das in den 1970ern als Verheißung einer goldenen technologischen Zukunft galt.



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