Kraftwerk im Museum, Tag 7: „THE MIX“ – die Maschinen fangen an zu menscheln


Am Montag Abend spielten Kraftwerk bei 3-D-Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin nur Greatest Hits.

Es geschehen unglaubliche Dinge auf der Bühne in der Neuen Nationalgalerie in Berlin am siebten Abend der Kraftwerk-Konzertreihe: Ralf Hütter beginnt den Gesang in „Radioaktivität“ zwei Takte zu früh – leicht (nicht) abzulesen von der asynchronen 3-D-Visualisierung des Textes auf der Leinwand hinter den Musikern. Dann am Ende nach dem obligatorischen Abschiedsgruß „Gute Nacht, auf Wiedersehen“, sieht der Kraftwerk-Chef auf seine Armbanduhr und sagt: „Huch!“ –  das Konzert endet 21.57 Uhr, drei Minuten vor der Zeit – um auf dem Weg zu seiner obligatorischen Verbeugung kurz ins Stolpern zu geraten. Ralf Hütter wird immer lockerer, seine Gesangsstimme immer sicherer. Keine Frage – die Maschinen werden übermütig, sie fangen an zu menscheln.

In den nicht ganz zwei Stunden vorher stand das Album THE MIX aus dem Jahr 1991 im Mittelpunkt, das nicht unbedingt zu den beliebtesten im Kraftwerk-Katalog zählt. Seit COMPUTERWELT im Jahr 1981 wurden die Abstände zwischen den Albumveröffentlichungen bei Kraftwerk immer länger: Fünf Jahre dauerte es, bis ELECTRIC CAFE/TECHNO POP folgte. Und weitere fünf Jahre bis zu THE MIX. Und das war nicht einmal ein richtiges Album – weil es keine neuen Songs enthielt; es war keine Greatest-Hits-Compilation und kein Remix-Album, die Songs wurden neu eingespielt, mithilfe eines digitalen Soundarchivs, das Kraftwerk in den Jahren vorher angelegt hatten. Jeder Ton jedes Albums wurde digitalisiert und mit damaligen state of the art-Medien gespeichert. Den Proto-House-Tracks der Alben TRANS EUROPA EXPRESS und COMPUTERWELT hat die Neubehandlung mit fetteren Bässen gut getan. Und überhaupt: hätten wir damals gewusst, dass es bis zum nächsten Album TOUR DE FRANCE (2003) weitere zwölf Jahre dauern würde – seitdem sind auch schon wieder elfeinhalb Jahre ohne ein neues Album vergangen –, hätten wir geschwiegen und uns an THE MIX erfreut.

Naturgemäß wird dieser Abend zu einem reinen Greatest-Hits-Programm, an dem weniger denn je Rücksicht auf die ursprüngliche Tracklist des Albums gelegt wird. Es wird allerdings mehr denn je offenbar, wie viele Hits Kraftwerk im Lauf ihrer Karriere hatten, die keine Singles gewesen sind. Und mehr COMPUTERWELT gab es auch vor drei Tagen auch nicht zu hören.

Notiz an mich: Mal wieder zu Hause Kraftwerk hören.

Kraftwerk live am 12. Januar 2015 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin – die Setlist des „THE MIX“-Konzerts:

Nummern

Computerwelt

It’s More Fun To Compute

Heimcomputer

Computerliebe

Ätherwellen

Sendepause

Nachrichten

Radioaktivität

Autobahn

Taschenrechner

Dentaku

Vitamin

Spacelab

Das Model

Die Mensch-Maschine

Tour de France (1983)

Tour de France (2003)

Trans Europa Express

Metall auf Metall

Abzug

Die Roboter

Aéro Dynamik

Boing Boom Tschak

Techno Pop

Musique Non-Stop

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Was vorher geschah:

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 6: „TECHNO POP“

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 5: „COMPUTERWELT“

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 4: „DIE MENSCH-MASCHINE“

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 3: „TRANS EUROPA EXPRESS“

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 2: „RADIO-AKTIVITÄT“

Albert Koch über Kraftwerk im Museum, Tag 1: „AUTOBAHN“

Es folgt ein Konzertbericht der letzten noch ausstehenden Kraftwerk-Show ihrer 3-D-Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“.