Kultur und Kohle: So war es bei Nowa Muzyka Festiwal 2016

von

Industrietourismus – nicht unbedingt ein Schlagwort, das einem bei Reisevorbereitungen schon so oft über den Weg gelaufen wäre. Man will ja dann doch meistens ans Meer. Hierher in den Süden von Polen, ins schlesische Katowice, wo einst das Herz von Polens Industrieller Revolution laut pochte, kommen aber eben viele Besucher, die sich für alte Industrieanlagen interessieren (oder für Musik, worauf wir gleich zu sprechen kommen). Schwerindustrie und Bergbau waren seit dem 19. Jahrhundert die Schrittmacher der Region. Eines der alten Denkmäler ist das stillgelegte Kohlebergwerk unweit der Innenstadt, das man in den letzten Jahren zu einem prächtigen, hypermodernen Kulturbezirk mit Museum, Konzert- und Kongresshallen umgebaut hat („Muzeum Śląskie“ oder „Schlesisches Museum“). Zwischen futuristischen Parkanlagen und abstrakten Glaskuben, viel Beton und spitzen Winkeln stehen dort die alten Backstein-Überbleibsel des Bergwerks und ein riesiger Schachtturm aus Stahl – wie Spuren aus einer vergangenen Zeit, einer Zeit, in der die Menschheit die Maschinen entdeckte. Es ist ein beeindruckender, verdammt cooler Ort für ein Festival wie das Tauron Nowa Muzyka. Ein passender Ort für ein Sommerwochenende voller kontemporärer, elektronisch geprägter Musik.

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_09

tnm_19-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_31

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_17

In Katowice trffen Gegensätze aufeinander

Aber nicht nur auf dem Festivalgelände treffen in Katowice die Gegensätze aufeinander. Überall vermischt sich hier Vergangenheit und Gegenwart. Immer wieder entdeckt man in der Innenstadt von Kohlestaub geschwärzte Fassade, überall ragen die klotzigen Sowjet-Plattenbauten in den Sommerhimmel, daneben die Glasfassade eines modernen Einkaufzentrums, es gibt deftige Pierogi und gleich um die Ecke den nächsten Starbucks.

Fast hat man den Eindruck, als würde sich während des Festivals ein großer Teil der kreativen Elite des Landes in der Stadt aufhalten. Auf dem Tauron Festival geht es nicht ums Super-Besoffensein (obwohl die günstigen Preise, dafür überhaupt kein Hindernis wären), die Leute haben Bock auf Musik und auf Good Times ohne Totalausfall. Entsprechend angenehm und unanstrengend ist die Stimmung dann auch bei den lautesten, rabiatesten Techno-Sounds.

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_51

tnm_19-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_41

Immer bleibt das Tauron Festival aber ein Fest der Kontraste, auf dem man zwischen Bergbauruinen und postmodernen Architektur von einer Bühne zur nächsten wandert. Ein wenig wirkt das alles wie eine Mischung aus dem Club Transmediale Festival (CTM) und einem klassischen Stadt-Festival. Wechseln kann man auf dem Gelände zwischen drei offenen Zeltbühnen, einem lauschigen Open-Air-Amphitheater und zwei imposanten Indoor-Stages: eine verbirgt sich als riesige Konzerthalle im Inneren des Internationalen Kongresszentrums, wo auch verschiedene Workshops und Filmvorführungen abgehalten werden, eine andere in einem Konzertsaal des benachbarten Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks.

tnm_18-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_17
Pianohooligan mit dem Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks, Tauron Nowa Muzyka 2016

Eher Auskenner- als klassische Headliner-Musik

Letzteres bietet dann auch die Kulisse für eine interessante musikalische Klammer, mit der die Macher die beiden Festival-Haupttage (Freitag, Samstag) wohl angemessen umrahmen wollen. Denn Musik soll hier nicht nur zur Party taugen, sondern zur Kunst: Beim Eröffnungskonzert am Donnerstagabend spielte Jazz-Pianist Piotr Orzechowski alias Pianohooligan mit dem Symphonieorchester mit sehr schöne, fließend-meditative Variation von Steve Reichs und Philip Glass’ Minimal-Music-Klassikern. Und Kamasi Washington brachte zum Abschluss am Sonntag seinen epischen Jazz-Entwurf auf die Bühne.

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_48

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_30

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_34

Dazwischen gab es dann in einem recht ordentlichen Line-Up Post-Rock und ein bisschen HipHop, wilde Genre-Mischungen und vor allem viel elektronische Musik in ihrer ganzen Breite – von House und Dub über Jazz-inspirierte Electronica bis hin zu industriell pumpenden Techno und dystopischem Noise. Zwar war das Line-Up im Vergleich zum Vorjahr (Kate Tempest, Apparat, Nils Frahm, Tyler The Creator, Jamie Woon) nicht ganz so stark, aber immer noch sehr geschmackssicher. Es ist eher Auskenner- als klassische Headliner-Musik, die man zu hören bekam. Gleich am Freitagabend jagte IDM-Mastermind Uwe Schmidt alias AtomTM zusammen mit dem australischen Lichtkünstler Robin Fox eine bunte und zugleich verstörende Sci-Fi-Show aus Sound und Laserkunst über die Kopfe der Festivalbesucher: „Double Vision“ heißt ihre Raum-Klang-Installation (2015 wurde sie auf der CTM gezeigt). Wie bei einem wahnwitzigen Gewitter tanzten und zuckten da rote, blaue und grüne Laserstrahlen zu tiefen Bässen und knarzenden Beats durch die Konzerthalle – so dass man sich mittendrin gar nicht mehr sicher war, bei welchen Sinnesorganen – Augen oder Ohren – diese „doppelte Vorstellung“ nun eigentlich einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen hatte.

Angenehme elektronische Stimmungs-Achterbahnfahrten

Ein wunderbares Zukunfts-Ballaballa, das einen auch gleich angemessen auf düster-verschleppten Dub-Mutationen von King Midas Sound vorbereitete. Im dichten Bühnennebel sah man das Trio nur als schwarze Silhouetten umherhuschen, während sie ihre kühle Bass-Synthesizer-Noise-Kakophonie ausbreiteten. Druckvoll und furchtbar melancholisch. Da war man fast ein wenig froh, als das Ganze bei den irren Post-Rock-Songs der Battles wieder ein bisschen Fahrt aufnahm: Ein Wunderwerk der Armkraft, wie Drummer John Stanier da auf sein Schlagzeug eindrosch – mit der Schlagkraft einer Industriemaschine und der Präzision eines Minenarbeiters, der mit seinem Hämmerchen den Steinen nach und nach ihre Schätze entlockt. Immer wieder lustig: dieses kabarettistisch hoch über seinem Kopf befestigte Becken, an das er im Sitzen mit seinen Drumsticks geradeso heranreicht.

Tarwater, Tauron Nowa Muzyka 2016
Tarwater, Tauron Nowa Muzyka 2016

tnm_20-08-2016_foto_radoslaw_kazmierczak_41

Auch das Line-Up des Samstagabends gab sich dann sehr viel Mühe für angenehme elektronische Stimmungs-Achterbahnfahrten zu sorgen. Da konnte man im Kammersaal der Sinfonie etwa dem Berliner Elektroakustiker von Tarwater lauschen bei ihren locker federnden, groovenden Arrangements aus geloopten Instrumenten, Samples, Beats und hypnotischem Sprechgesang. Und dann kurz darauf dem fantastischen Live-Set von Produzent und Musiker Floating Points, der sein hochgelobtes Debüt ELAENIA so aufführte, wie es vielleicht am besten zu dem warmen, fließenden Sound der Platte passt: mit „richtiger“ Band (Gitarre, Schlagzeug, Bass). Erstaunt war man da noch einmal wie vieltönig, wie beweglich die Musik des Londoners doch ist. Wie sie immer auch am Rande zu Jamsession operiert, ohne je ganz hinüber zu kippen, wie sie die Gedanken und Ideen in ständiger Bewegung hält und alles miteinander in Verbindung bringt: Nu-Jazz und Minimal-Pluckern, Space Rock, Neue Musik und immer wieder die warmen, sprudelnden Klänge des Fender-Rhodes. Und gerade als man sich davon so wohlig eingewickelt fühlte, musste man auch schon weiter, um sich von Actress brutalistische Glitch- und Sub-Bass-Rhythmen um die Ohren hauen zu lassen.

Musik, Location, Stimmung – alles gute Gründe, um im nächsten Jahr zum Tauron Festival zu fahren. Einen Termin gibt es auch schon. Das Tauron Nowa Muzyka 2017 wird vom 6. bis zum 9. Juli staatfinden. Der Vorverkauf wird in Kürze starten, bis dahin bekommt ihr hier schon mal ein paar Infos.

 

Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak
Radoslaw Kazmierczak

Reeperbahn Festival 2021: Programm und Highlights der Konferenz
Weiterlesen