Love Me Tinder!


Die Menschen schimpfen ja immer nur auf David Guetta. Die stehen da mit ihren Pilstulpen am Tresen und grummeln in ihre Hipsterbärte hinein. Dass der so viel Geld verdient. Für nix! Der steht, so sagen sie, da oben auf der Kanzel und legt nicht mal richtig auf. Alles am Wohnzimmertisch vorprogrammiert. Einen Abend lang Wühlen in der MP3-Bibliothek, ein bisschen Herumgespiele mit bekannten Hook-Lines der „Song 2“-Schule, ein bisschen Bummbumm. Dazu zwei Glas Wein, ein Kanten teurer Käse, und aus die Maus.

Am nächsten Tag, so vermuten die Leute, stellt der David Guetta sich dann vor 200000 sogenannte Raver, drückt den „ Play“- Knopf und dreht den Regler ein paar Mal nach links und rechts, damit die ganze Sache nach was aussieht. Er nickt dazu halbrythmisch mit und postet nebenher ein Hundebild bei Facebook oder ein Foto von einem alten Auto bei Instagram, oder er sucht sich bei Tinder rasch jemanden für die Nacht. Ein paar Stunden später hat er 100000 Euro mehr auf dem Konto. Da liegt ohnehin schon einiges
an Geld herum, weil David Guetta mit seinen Singles ständig „auf eins geht, wie die Musikindustrienasen immer sagen. Ein missgünstiger Chor, der solches singt. Einer,
 in den wir keinesfalls einstimmen möchten. Nicht weil fachliche Gründe uns das verbieten würden.

Ein kurzer Höreindruck von „Lovers On The Sun“ (nicht zu verwechseln mit der sehr guten Violent-Femmes-Nummer „ Blister In The Sun“, das ist der Song mit der Pause, bei der früher in der Indie-Disco die Kids immer gefreezt haben) deutet an, dass wir über David Guettas Musik besser den Mantel des Schweigens breiten. Das wiederum ist ein Akt der Freundlichkeit. Draußen naht gerade mit Riesenschritten der Herbst. Die Temperaturen, so sagte neulich der Mann im Fernsehen, „kratzen an der Einstelligkeit“. Da tut so ein wärmendes Stück Stoff dem 46-Jährigen, den sie auch den Bussard von Paris nennen und der sich neuerdings für Western-Musik interessiert, womöglich gut. Und ein Tinder-Date sicher auch.

Diese und weitere Kolumnen sind in der Oktober-Ausgabe des Musikexpress erschienen – seit 11. September am Kiosk und im App-Store erhältlich.

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