Highlight: Das waren die besten Live-Acts im Jahr 2017

Reportage

Mach doch mal den Kopp aus!

Wir haben die Beatsteaks für die Titelgeschichte unserer November-Ausgabe begleitet – über die Dächer von Kreuzberg und im wogenden Menschenmeer beim Lollapalooza bis in eine dampfende Fabrikhalle in Dresden, wo sie eines der denkwürdigsten Konzerte ihrer Karriere gespielt haben. Wir wollten wissen: Wie kann es sein, dass diese Band seit 20 Jahren so gut funktioniert? Und bekamen ein paar verblüffende Antworten …

Diese Geschichte könnte mit einer spektakulären Szene wie dieser enden: Sänger Arnim Balboa marschiert nur mit einem Handtuch bekleidet durch die Tür der Bandgarderobe nach draußen auf den Backstage-Gang, grinst sein dreistes Grinsen der 1000 Zähne und ruft: „Halbzeit vorbei, weiter geht’s – was ist los!?“

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Oder damit, wie Schlagzeuger Thomas Götz kraftlos hinter seiner Bude zusammensackt, Handtuch über dem Kopf und sich nicht mehr rührt, bis ein Roadie ihn an die Schulter fasst. Uff: Thomas lebt. Und hebt sogar Hand: Geht gleich wieder. Irgendwie.

Vielleicht ist aber auch dies die letzte Szene: Einige Besucher des Benefiz-Konzerts der Beatsteaks in Dresden skandieren beim Herausgehen ein letztes Mal ihre Parole, die in den vergangenen drei Stunden immer wieder durch das „Eventwerk“ schallte: „Say it loud and say it clear: refugees are welcome here!“

Beginnen wird unsere Geschichte auf jedem Fall auf einem Hausdach ganz im Osten von Berlin-Kreuzberg. Der Wind pustet kühl in diesen Spätsommer-Vormittag hinein. Fünf Stockwerke sind wir durch ein marodes Treppenhaus emporgeklettert. Wir haben uns hier oben mit der Band zum Fototermin verabredet: oben die Beatsteaks, unten die Stadt. Ihre Stadt. Zum 20. Geburtstag einer Band, die mit Berlin längst so stark identifiziert wird wie Bolle, Bär und die Gebrüder Blattschuss, darf man schon mal die große Klischee-Kanone auspacken, nicht?


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Wir stehen aber auch hier oben, um mit den Fünfen einen Blick auf Berlin zu werfen – und ihre Geschichte. Man sieht das Kottbusser Tor, mit dem „SO 36“ ums Eck und dem „Monarch“. Beatsteaks-Läden. Und dort die Hochbahn, Linie 1. Mit der Mutmacher-Ballade „Hey Du“ aus dem 80er-Jahre-U-Bahn-Musical wärmt Peter Baumann bei fast jedem Konzert die Herzen. Weiter im Norden machen sich die Schornsteine des Heizkraftwerks Mitte schlank, dort ungefähr liegt auch der Proberaum der Band. Und direkt zu unseren Füßen: das Schlesische Tor, Abenteuerspielplatz der Vier-Tage-Easyjetter, den die Beatsteaks allerdings noch als „Niemandsland“ kennen: „Eine typische Berliner Mauer-Sackgasse war das“, erzählt Arnim.

Aber auch diese Gegend gehört zum Beatsteaks-Land, obwohl die Band sich recht eindeutig an ihrer Ost-Berliner Herkunft festmachen lässt: Gegenüber auf der Schlesischen Straße hat ihr Stammproduzent Moses Schneider sein Studio. Einer ihrer beiden Manager wohnt seit einer halben Ewigkeit ein paar Häuser weiter. Auch Arnim zog vor eineinhalb Jahrzehnten für einige Zeit in diese Nachbarschaft.

ME: Gibt es etwas, was ihr vermisst von dem Berlin von vor 15 oder 20 Jahren?

ARNIM: (überlegt) Nee … Die Clubs, in die wir gegangen sind, gibt’s nicht mehr. Aber dafür gibt’s andere. Wir haben uns ja auch entwickelt, genauso wie die Stadt.

THOMAS: Klar kann man meckern über diese gesellschaftlichen Dinge, dass die Mieten immer teurer werden, die Gentrifizierung – in allen großen Städten. Aber ich höre nichts weniger gern als: „Früher war alles besser.“ Unsere Zeit in den Clubs fiel einfach nur zufällig mit einer sehr aufregenden Phase in Berlin zusammen.

ARNIM: Aber ich liebe diese Stadt so sehr! Ich fühle mich zu Hause hier, immer noch. Obwohl sich die Stadt so rasend entwickelt.


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