„Marty Supreme“: Turbulentes Chaos mit Tiefe
Tischtennisbälle regnen, Emotionen brodeln – Josh Safdies „Marty Supreme" reißt mit und lässt einen lang nach dem Kino nicht los. Chalamet überzeugend wie nie.
Ab dem 26. Februar 2026 präsentiert Regisseur Josh Safdie sein neuestes Werk „Marty Supreme“ auf den Leinwänden Deutschlands der breiten Öffentlichkeit. Es handelt sich um sein Solo-Regie-Debüt und das erste Projekt, das er seit der kreativen Trennung von seinem Bruder Bennie Safdie umsetzt. Mit Timothée Chalamet konnte er den wohl gefragtesten Darsteller seiner Generation für die Rolle des Tischtennis-Verrückten Marty Mauser besetzen. Spätestens seit der Pressetour des Hauptdarstellers war „Marty Supreme“ in aller Munde und der Film heiß erwartet. Jeder wollte ein Stück Marty, Tom Brady und die Jenners ließen sich in „Marty Supreme“-Jacken blicken und sämtliche Aufmerksamkeit war auf den Streifen gerichtet. Doch hat sich der Aufwand gelohnt, und liefert „Marty Supreme“ das atemberaubende Drei-Satz-Spiel, das er verspricht?
Er überrascht zunächst und entpuppt sich als ein Sportfilm, der eigentlich gar keiner ist. Josh Safdie lässt Timothée Chalamet regelrecht von der Leine und geht mit einem wilden Genre-Mix ein Wagnis ein. Schnell wird klar: Er trifft ins Schwarze. Oberflächlich betrachtet geht es hier bloß um ein Tischtennis-Turnier, doch im Kern um so viel mehr – die turbulente Reise des Marty Mausers ist gespickt mit erfrischenden Absurditäten, mitreißend, ein Wechselbad der Emotionen, und lässt einen gebannt auf die Leinwand starren und nach dem Kinogang auch nicht direkt wieder los. Noch über die Handlung hinaus lässt der Film einen darüber nachdenken, was denn wirklich wichtig im Leben ist, und spätestens dann wird einem bewusst: Bei Josh Safdies Solo-Debüt handelt es sich um einen großen Wurf.
Vom Schuhverkäufer zum Weltmeister?
Im New York des Jahres 1952 arbeitet der junge Marty Mauser in einem Fachgeschäft für Schuhe. Er besitzt weder Geld noch Verantwortungsbewusstsein noch ein klein wenig Respekt für seine Mitmenschen. Was er jedoch hat, ist der Traum, zum größten Tischtennis-Spieler der Welt aufzusteigen – und das nötige Talent, sich diesen zu erfüllen. Voller Selbstbewusstsein, charismatisch und rotzfrech schafft er es zum zweitwichtigsten Turnier der Welt nach London. Er schlägt sich gut, erreicht aber nicht sein Ziel. Zurück in der Heimat hat er Blut geleckt, die WM in Japan soll der nächste Schritt sein. Doch ohne Geld und mit reichlich Fehlverhalten auf dem Kerbholz soll es sich als gar nicht so einfach erweisen, dort hinzukommen.
Sein Privatleben steht derweil völlig auf dem Kopf, und durch mal mehr, mal weniger schlaues Verhalten verstrickt er sich in eine Misere nach der nächsten: So involviert er sich in die lieblose und kalte Ehe eines Milliardärs und einer Schauspielerin oder versucht, einen verlorenen Hund zu finden. So begibt er sich auf eine Odyssee, die von teilweise qualvollen Absurditäten geprägt ist, um sein großes Ziel, die Weltmeisterschaft, zu erreichen. Auf dieser muss er sich auch immer wieder die Frage stellen, ob er nun doch Verantwortung übernimmt oder seine rücksichtslose Jagd nach Erfolg und Anerkennung fortsetzt.
Timothée Chalamet mit Karrierebestleistung und ein überzeugender Cast
Der Film besticht mit einem herausragenden Cast. Allen voran geht Timothée Chalamet, er trägt den Film ab Minute eins. Das Besondere an seiner Performance ist, dass er zum einen den Charakter Marty Mauser auf eine Reise schickt, vor allem aber die Zuschauenden – und zwar auf eine der Emotionen. Aber eines nach dem anderen: Der 30-Jährige verkörpert vor allem eines in diesem Film – eisernen Willen. Marty Mauser ist bereit, alles zu tun und sämtliche Opfer auf seinem Weg zu bringen. Zu Beginn hat er alles im Griff, wickelt sein Gegenüber stets um den Finger – man möchte ihn bewundern. Er ist aber frech, respektlos und schert sich nicht um seine Mitmenschen, so sehr, dass man ihm den Sieg im Spiel gar nicht gönnen möchte. Als Konsequenz entgleitet ihm das Geschehen und er wird auf eine Tortur voller Rückschläge geschickt. In seinem Spiel packt Timothée Chalamet die gesamte Bandbreite an Gefühlen aus: Wut, Verzweiflung, Freude und Liebe. Währenddessen treibt er den Charakter voran und entwickelt ihn weiter, fast sogar so weit, dass man Marty Mauser am Ende noch mögen möchte. Ohne Frage handelt es sich hierbei um eine Karrierebestleistung und wohl auch um die beste eines Schauspielers aus dem Jahr 2025.
Es ist jedoch nicht bloß der Hauptdarsteller, der diesen Film trägt. Insbesondere Odessa A’zion überzeugt. Sie spielt Rachel Mizler, eine Figur, die es von Beginn an schwer haben wird, sich in diesem turbulenten Chaos zu beweisen. Sie ist jedoch vor allem eine wahre Kämpferin. So verkörpert Odessa A’zion eine Person, die sich nicht scheut, zu lügen und im Dreck zu wühlen, um im harten New York der 50er zu bestehen. Dabei wahrt sie stets eine Coolness und beweist Stärke, die beeindruckt. Ihre Augen sind ein Hauptteil ihres ausdrucksstarken Spiels – man möchte sich regelmäßig in ihren Blicken verlieren und förmlich in diesen versinken. Man darf also gespannt sein, was in Zukunft von ihr zu sehen sein wird. Eine Frau, die gekommen ist, um zu bleiben.
Komplettiert wird das Haupttrio des Casts vom Musiker Tyler, the Creator. Man bekommt ein Gefühl, dass Josh Safdie diesem einfach bloß sagte: „Sei einfach Tyler und mach dein Ding!“ Der Rapper strahlt eine angenehme Wärme aus, und wenn er drauflos lacht, will man bloß mitlachen.
Eine weitere wichtige Figur, vor allem für Marty Mauser, ist Kay Stone. Die Ehefrau eines überreichen und durchaus unsympathischen Unternehmers und eine Schauspielerin, die ihre besten Tage bereits hinter sich hat. Sie wirkt verbittert, distanziert und teilweise kalt, hat allerdings Momente, in denen ein gewisses Feuer in ihr aufflammt. Gwyneth Paltrow liefert all das grundsolide und glaubwürdig ab, dennoch merkt man auch in „Marty Supreme“, dass sie in ihrer Generation bloß zur zweiten Riege der Schauspielerinnen gehört.
Ein Regen aus orangenen Tischtennisbällen
„Marty Supreme“ liefert einfach ab. Vor allem das Drehbuch besticht mit gestochen scharfen Dialogen, die sämtliche Situationen auf den Punkt bringen. Marty Mausers bringt speziell im ersten Akt sein Gegenüber regelmäßig aus dem Konzept. Das Herausragende an den Dialogen von Josh Safdie und Ronald Bronstein ist, dass diese selbst wie ein Tischtennisspiel aufgebaut sind: Die Figuren spielen sich in schneller Abfolge den Gesprächsball hin und her – eine frische und kreative Herangehensweise, die stets für Spannung zwischen den Dialog-Partner:innen sorgt.
Auch technisch ist der Film sauber gedreht und überzeugt mit einem Mix aus rasanten und ruhigen Kameraeinstellungen und -fahrten. Zwar handelt es sich um keine Kamera-Revolution, und „Marty Supreme“ erfindet das Rad nicht neu. Dennoch ist der Film in der Lage, immer wieder rundum schöne Bilder zu kreieren. Vor allem eine Szene, in der es orangene Tischtennisbälle regnet, soll einem als bildlich wunderschöne Hommage an das chaotische Wesen des Protagonisten im Kopf bleiben.
In welcher Kategorie „Marty Supreme“ bei den Oscars unbedingt als Favorit gelten muss, ist der Soundtrack. Dieser ist schlichtweg atemberaubend und zieht die Zuschauer:innen auf unwiderstehliche Art und Weise ins Geschehen. Durch die Sounds verschmilzt man mit der Handlung und wird – gerade wenn es emotional wird – voll abgeholt. Mal mit modernen elektronischen Klängen, mal mit absoluten Song-Klassikern wie „Forever Young“ – die musikalische Auswahl funktioniert durchgehend.
Mehr Satire als alles andere
Kann ein Film über ein Tischtennisspiel interessant sein? Angesichts der Tatsache, dass Tischtennis lange nicht unter den beliebtesten und meistgeschautesten Sportarten der Welt ist und es keinen wirklich bekannten Sportfilm über Tischtennis gibt, könnte man schnell zur Antwort Nein kommen. Aber „Marty Supreme“ ist eben so interessant, da er gar kein Sportfilm sein will. Mit seinem schlauen Genre-Mix wird hier eine Satire unter dem Schirm des Sportthemas kreiert, die durch ihre Dramaeinschläge erst richtig gut wird. Hier wird so viel mehr behandelt als Sport. Es geht um Ehrgeiz, bittere Enttäuschung und den Umgang mit ihr, vor allem aber um eine Studie über das Übernehmen von Verantwortung und darum, was im menschlichen Dasein letztendlich wirklich wichtig ist.
Diese Themen werden zum Teil mit Humor und zum Teil mit konsequenter Ernsthaftigkeit transportiert. Josh Safdies erstes Solo-Werk lohnt sich also – ein großartiger Film mit einem noch großartigeren Hauptdarsteller, auf den man in der Award-Saison achten sollte.






